25. Juni. 2021

Wird es Putin rechtzeitig gelingen, die Anti-Atomkriegsmechanismen insoweit zu verstärken, dass die konfliktträchtigen Spannungen  ausreichend abgeschwächt und  somit die bevorstehenden Stürme durchschifft werden können? Sind die geopolitischen Analysten des Westens  in einem so  wahnhaften Irrtum verfangen, dass sie glauben, China und Russland  könnten unterwandert werden?

Noch vor kaum einem  Monat befand sich die Welt auf der Überholspur zum Atomkrieg. Grund dafür waren die angeheizten Spannungen zwischen der NATO und Russland über den Ukraine Konflikt. Natürlich war der Grund dafür nicht nur eine von NAZIS geplagte Ukraine (https://www.strategic-culture.org/news/2021/06/19/the-good-nazis-and-bad-nazis-of-western-media/), die das Szenario für einen großen Zusammenprall abgab. Hinzu kam die Veröffentlichung von Beweismaterial für einen versuchten Regimewechsel in Weißrussland inklusive eines Mordanschlags und MI6-Bellingcat-Mätzchen,  die zu einer neuen Welle russophober Sanktionsmaßnahmen innerhalb der Transatlantischen ‚Gemeinschaft‘  führten.  Derlei Manöver  bewirkten  den Rauswurf  russischer Diplomaten aus der Tschechischen Republik, während Medienkampagnen inszeniert wurden, um  den Kreml für Cyber-Angriffe auf amerikanische Pipelines  verantwortlich zu machen. Darüber hinaus wurde bis vor kurzem  von US-Seite ein  apodiktisches NJET gegenüber der Fertigstellung von Nordstrom II verkündet. Wohin man auch blickte, überall zeigte sich unübersehbar deutlich das Gespenst eines Nuklearkrieges. Einzig, die auf  den Bau von  Luftschutzbunkern spezialisierten Unternehmen waren mit dem Lauf der Dinge zufrieden.

Und dann ändert sich etwas

Vielleicht hatte das etwas damit zu tun, dass gewisse mächtige Akteure unter den ‚Großen-Umbau‘-Strategen des Westens auf einmal wenig Lust dazu verspürten, eine Erde von  radioaktiv verseuchtem Müll zu beherrschen oder gar  auf ihr zu leben. Vielleicht dämmerte ihnen auch, dass Russland nicht die Absicht hat, im nuklearen Feiglingsspiel (chicken game) zurückzustecken.

Es könnte auch sein, dass die von Russland entwickelten Hyperschall-Raketen-Abschuss-Systeme in ihrem Spieltheorie basierten Computermodell nicht vorkamen. Schließlich hatten die Kriegsstrategen das Planspiel  am grünen Tisch zur Rechtfertigung ihrer allumfassenden Vorherrschaftspläne zur Einkreisung Russlands entwickelt. Während ihnen demgemäß  das Risiko eines „begrenzten Atomkrieges“ vor Jahrzehnten noch als annehmbares Risiko erschien und die Computerspielchen  dieses als das am wenigsten wahrscheinliche Ergebnis aufzeichneten,  verdeutlichte die nächste Technologie-Generation der Russen den etwas schlaueren unter den Dr. Strangelove-Gelichtern, dass dieser Pfad sie nicht zu den gewünschten Früchten führen würde.

Ein neues Kalkül erscheint

Aus den unmittelbaren Äußerungen von Präsident Biden und seiner Sprecherin Jan Paski während der letzten Wochen lässt sich ableiten, dass der Rückzug Washingtons vom Abgrund der atomaren Vernichtung  über der Ukrainische Front auf  einer neuen strategischen Gleichung beruhte, der zwei völlig verrückte Annahmen zugrundeliegen:

1) Die Überzeugung, dass die Grundlagen der Russisch-Chinesischen-Allianz verhängnisvolle Bruchstellen aufweise, die sich durch geschicktes diplomatisches Manövrieren ausnutzen ließen und 

2) Die Überzeugung, dass es Russland irgendwie danach dränge, beliebt zu sein und es sich daher gerne wieder den „Cool Kids“ der G7-Truppe anschließen wolle, also den Anführern der internationalen ‚freiheitlich-liberalen‘ Ordnung.

Für diese beiden Grundannahmen der westlichen Logistiker, die den Rahmen  ihres Computermodells für das „Große-Strategie-Spiel“ abgegeben, dessen Regeln sie zwar nicht verstehen, das sie aber gleichwohl dominieren wollen, muss natürlich gelten, dass  Russland – mit seiner 2600 Meilengrenze mit China – sich von seinem Nachbarland ausgequetscht fühlt, insofern der ‚Große Drache‘ ohnehin die Weltherrschaft anstrebt.

Während es sich hierbei ganz offensichtlich um eine wirklichkeitsfremde  Projektion der von einem Minderwertigkeitskomplex geplagten Köpfe der westlichen Spieldirigenten handelt, gehen diese gleichzeitig  davon aus, dass Russland zu einer Kehrtwende bewegt werden kann, um  sich   einem ‚wirklichen Machtblock’ anzuschließen. Dieses Machtzentrum wäre in der  Lage Chinas ‚imperialistischer‘ Gürtel- und Straße-Intitiative,  auch als  „Neue Seidenstraße“ bekannt, Paroli zu bieten.

Einige werden Schwierigkeiten haben, dieser Logik zu folgen, vor allem in Anbetracht der ständig wiederholten Beteuerungen Russland und Chinas bezüglich ihres  gemeinsamen Engagement für die Verteidigung der multipolaren Allianz und ihres gemeinsamen Verständnisses der gebündelten unipolaren Bedrohungen, die seit Jahrzehnten darauf gerichtet sind, ihre Länder von innen und außen zu zerstückeln. Trotzdem erklärte  Biden am 6. Juni :

„Russland hat es gegenwärtig sehr schwer. Sie werden von China ausgequetscht. Sie bemühen sich auf verzweifelte Weise darum, eine Großmacht bleiben. Verzweifelt  bemühen sie sich darum ernst genommen zu werden.“

Nach Bidens Auffassung  genügt es nicht, die Regime-Change-Epoche, die auf 9/11 folgte, beendet zu haben, es genügt nicht 2015 in Syrien interveniert  und dem ISIS-Terror ein Ende bereitet zu haben oder  etwa die S-400-Verteidigungs-Systeme weltweit verbreitet zu haben oder gar  die EEU (die Eurasische Ökonomische Allianz) mit Chinas BRI (Belt and Road Initiative/Neue Seidenstraße) verbunden zu haben, um als Großmacht gelten zu können.  All das genügt im Zeitalter der US-Hegemonie nicht  „ernst genommen zu werden“.  Biden trieb es sogar noch weiter, in dem er ausführte:

„Russland will nicht als Obervolta mit Atomwaffen gelten. Es spielt eine Rolle. Und ich habe festgestellt, das gilt für fast jeden Staatsführer. Unabhängig davon  woher sie kommen, es spielt für sie eine Rolle, wie sie wahrgenommen werdcn, ihre Stellung in der Welt spielt für sie eine Rolle.“

Um die Denkhaltung hinter dieser zweiten Äußerung Bidens zu erfassen, muss man den fundamentalen Glauben aller Behavioristen verstehen  und Biden bildet hier keine Ausnahme, denn er wird von lauter Behavioristen dirigiert, ist er doch  kaum noch wenig mehr als die synthetische Schale seiner selbst und daher  nicht mehr zu eigenen substantiellen Impulsen fähig. Deren Kerngedanke lautet, dass der Drang nach Beliebtheit, eine wesentliche  Triebkraft aller seelenlosen, aller  blanken Hirne  ist. Beliebt sein zu wollen und sich den jeweiligen vorherrschenden Meinungen oder Trends  anzupassen, das ist die Anziehungskraft eines jeglichen anarchistischen Mobs. Das Motiv gilt für Schulhöfe genauso wie in der Politik, hier ganz besonders. Politik wird von allen substanzlosen Rhetorikern als das höchste Spiel  um Beliebtheit aufgefasst. Die Macht der öffentlichen Meinung wird aus dieser Sicht jeden dahin steuern können, seinen Glauben, seine Meinung, sein Verhalten in Einklang mit den Normen seiner Umgebung zu bringen. 

Während man annehmen könnte, dass Putin offensichtlich nicht zu jener Sorte Individuen  gehört,  die solch flacher Definition von der ‚pragmatischen‘ Natur des Menschen anhaftet, scheinen Biden und seine engsten Berater anderer Auffassung zu sein. Jan Psaki, die  Pressesprecherin des Weißen Hauses, hat diese Denklinie  noch erweitert, in dem sie sagte:

„Ich denke,  der Präsident glaubt, dass Russland in vielerlei Hinsicht außerhalb der globalen Gemeinschaft steht (…) der Präsident bietet eine Brücke dahin zurück an. Also glaubt er gewiss, dass es in deren Interesse ist, sein Angebot anzunehmen.“

Während also das Ergebnis des Putin-Biden Treffens wahrscheinlich einige positive Schritte  für die Einrichtung von Mechanismen beinhaltet, die verhindern helfen, dass die Welt in die Luft fliegt, dass der START-Prozess wieder in Gang kommt, dass solide Verhaltensmaßregeln bezüglich der Arktis und anderer russischer Grenzbereiche im postsowjetischen Raum in Gang kommen, zumindest in der  Hoffnung jener, die am Treffen teilgenommen haben, ist nun China das neue Primärziel des westlichen Zornes geworden.

Während Russland als eines unter anderen autoritären Regimen eingestuft wird, das zu aggressiven Handlungen zwar fähig, aber auf lange Sicht doch kontrollierbar bleibt, sind jetzt die Chinesen für die Westlich-Unipolare-Hegemonie  als gefährlicher  gebrandmarkt worden. 

Man kennt die Chinesen als Macht, die auf Zeit spielt und die mit ihrer ökonomischen Potenz, ihrer Staatsmacht, ihrem Willen an einer gänzlich neuen Sicherheits- und Finanz- und digitalen Architektur  bastelt, basierend auf den Prinzipien der Multipolarität, die auf langzeitigem und realem Wirtschaftswachstum beruht und die  auf die Kooperationsbereitschaft aller Teilnehmer setzt. Warum  nun Russland sich in Anbetracht  einer solchen Tatsache ausgepresst fühlen sollte, ist ein vollkommen absurder Gedanke. Schließlich war es nicht China, das überall Feuer entlang von Russlands weicher Flanke gelegt, das ein Jahrzehnt der Schocktherapie ausgerufen hat,  eine Balkanisierung und eine NATO-Expansion verursacht,  Farbrevolutionen und damit Systemumstürze finanziert hat oder der Weltgemeinschaft  Sanktionen gegen Russland abgepresst hat.

Tatsache ist dagegen, dass Russland und China sich eines rasch wachsenden Handelsvolumens  erfreuen,  das gerade ein Volumen von 100 Milliarden Dollar jährlich erreicht, gegenüber einem Volumen von nur 20 Mrd. Dollar im russisch-US-amerikanischen Handelsaustausch.  

Sowohl Russland als auch China arbeiten mit zunehmender Geschwindigkeit an der De-Dollarisierung. Sie feilen an einem gemeinsamen strategisch-philosophischen Konzept, das Eigeninteresse und ökonomische Wertschöpfung   in Einklang zu bringen bestrebt ist, eine Idee, die den technokratisch-hobbesianischen Hohlköpfen des Westens völlig abgeht.  Solches Gedankengut aber verbindet die beiden großen Nationen zu einer unangreifbaren Partnerschaft, die den Oligarchen den Schlaf raubt.

In einem Interview, das Putin dem NBC Journalisten Keir Simmons vor dem Treffen mit Biden gab, sagte der russische Präsident:

“ Ehrlich gesagt, wir nehmen die Versuche wahr, die die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China  zerstören wollen. Diese Versuche finden ihren Niederschlag in praktischen Politiken und ihre Fragestellungen haben  auch etwas damit zu tun. (…) Wir (China und Russland) sind Nachbarn. Keiner sucht sich seine Nachbarn aus. Wir sind allerdings froh über das  nie dagewesene, hohe Niveau unsere Beziehungen, wie es sich über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Wir hegen und pflegen diese, genau wie unsere chinesischen Freunde das tun, was wir ja erleben.“

Sino-russische Langzeitstrategien

Eine wachsende Palette von Nationen springt auf das lebensrettende multipolare Floß. Für all jene, die die  langfristigen Strategien, die Russland und China verbinden, noch nicht kennen, seien hier einige genannt:

  • Beispiele  dafür finden sich in der BRI-Arktis-Ausdehnung hin zur  Polaren Seidenstraße
  • Das visionäre russisch-chinesische Raumfahrt-Programm, das jetzt  auf die Errichtung einer gemeinsamen Mondstation orientiert zur Erschließung von Rohstoffquellen
  • Durchbrüche auf dem Gebiet der Nuklearforschung inklusive Kernfusion mit dem Ziel des Exports dieser unschätzbaren Technologie an alle Länder, die hungrig nach echter  Entwicklung sind.

Wenn hier von echter Entwicklung die Rede ist, dann ist damit nicht die Zeit- und Geld-Verplemperung der ‚Sauberen-Grünen-Initiative‘, des ‚Clean Green Deal‘ oder des ‚Rückbaus für eine Bessere Welt‘ alias ‚Build Back Better (B3W)‘ Programm gemeint, das die G7 kürzlich stolz als Alternative zu Chinas BRI/ Belt and Road/Neue-Seidenstraße-Projekt lanciert haben. 

Die G7 wollen damit China in seine Schranken weisen, indem sie der ganzen Welt  private Kredite anbieten für den Bau von Windrädern und Solaranlagen. Es ist allerdings ein nachweisbares Faktum, dass diese Art der Gewinnung von niedrigschwelliger Energie jeglicher Nation nicht nur nicht die Möglichkeit verbaut, eine  Schwerindustrie zu unterhalten und eine  kapitalintensive Infrastruktur, sondern darüberhinaus all jene, die töricht genug auf solche Angebote hereinfallen,  in ein Piranha-Becken der Schuldsklaverei zerrt. De-Karbonisierungs-Mandate, also der verpflichtende Kohleausstieg mittels transnationaler Mechanismen macht nicht nur abhängig, sondern zielt auch auf Entvölkerung.

Es bleibt eine Frage offen: Kann Putin die im Westen vorherrschenden  Grundannahmen der behavioristisch orientierten  Eliten zum Vorteil der Menschheit nutzbar machen, um Zeit zu gewinnen, um die Nordstrom II Pipeline  zu vollenden und um einige wichtige Anti-Atomkriegs-Mechanismen auszubauen, um kriegerische Zuspitzungen in ausreichendem Maße zurückzufahren, um so durch stürmische Gewässer zu navigieren oder ist es dafür bereits zu spät?  Die Antwort auf diese Frage wird in gewissem Maße auch vom Auftreten der patriotischen Kräfte im Westen abhängen, von jenen, denen an einer Zukunft  gelegen ist. Sie wird also mit vom Auftreten jener Kräfte abhängen, die die Nationalstaaten über die Macht privater Finanziers stellen, denen menschliches Leben über Computermodellrechnungen geht und die dementsprechend an einer Politikreform arbeiten, die solche Schwerpunkte setzt und die die Zusammenarbeit mit der größeren Eurasischen Partnerschaft suchen und sich damit wider die Interessen der soziopathischen Oligarchen zu stellen bereit sind.

Übersetzung Irene Eckert/Bernd Kalweit

Den englischem Originalbeitrag (Strategic Culture.org)mit den wichtigen Links haben wir hier dokumentiert:http://akf-europe.org/the-geopolitical-situation-after-bidenputin-meeting/

Eben fertig mit der Übersetzung finde ich zufällig dies:

Matthew Ehret: Russland will relevant sein, fühlt sich von China und anderen populären Wahnvorstellungen einer sterbenden Technokratie erdrückt

06 Russland , Kulturelle Intelligenz

Russland will relevant sein, fühlt sich von China und anderen populären Wahnvorstellungen einer sterbenden Technokratie erdrückt
Sind geopolitische Analysten im Westen ernsthaft wahnhaft genug zu glauben, dass Russland und China untergraben werden können?

Erst vor einem Monat befand sich die Welt auf der Überholspur in einem Atomkrieg zwischen den Nato-Mächten und Russland wegen der Spannungen, die in der Ukraine zum Kochen gebracht worden waren. Natürlich war es nicht nur die von Nazis geplagte Ukraine, die als Auslöser für einen großen Showdown verwendet wurde, da Beweise für einen weißrussischen Regimewechsel und sogar Attentate veröffentlicht wurden und MI6-Bellingcat-Mätzchen neue Wellen antirussischer Sanktionen in der gesamten transatlantischen Gemeinschaft. Diese Possen führten sogar zur Ausweisung russischer Diplomaten aus der Tschechischen Republik, Medien-Psyops, die versuchten, den Kreml für Cyberangriffe auf amerikanische Pipelines verantwortlich zu machen. Darüber hinaus schien eine Null-Toleranz-Politik gegenüber der Fertigstellung der Nord Stream 2-Pipeline bis vor kurzem eine nicht verhandelbare rote Linie für Washington zu sein. Egal wo du hingeschaut hast,

Den ganzen Artikel lesen