20.11.2014

Der Angriff auf eine Synagoge in Ost-Jerusalem ist keineswegs die einzige Attacke auf ein Gotteshaus. Der erste Terrorist dieser Art war der Siedler Baruch Goldstein.

Am 25.Februar 1994 verübte der in Brooklyn geborene, in der israelischen Siedlung Kyriat Arbaa wohnende Jude Baruch Goldstein im Grab der Patriarchen in Hebron (das zum Teil auch eine Moschee ist) ein Attentat auf betende Muslime und erschoß 29 von ihnen, 150 wurden verletzt. Goldstein selbst wurde von Überlebenden des Massakers getötet.

Mörder als Märtyrer – auf beiden Seiten

Nach dem Attentat bauten die Bewohner der Siedlung Kyriat Arbaa bei Hebron ihrem Mitbewohner ein Denkmal.

Ein ähnliches Muster ist nun in Jerusalem zu verzeichnen: zwei Palästinenser gehen, fast nach Art des „Islamischen Staates“ (IS) mit Äxten, Messern und Pistolen in eine Synagoge ein und ermorden dort vier betende Juden. Anschließend feiern Palästinenser in Gaza die Tat und erheben ihre beiden Landsleute zu „Märtyrern“.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schwört Rache und kündigt an, die Häuser der Attentäter – in denen noch ihre Familien wohnen – zu zerstören. Sippenhaft nennt man das – ein Vorgehen, das in keinem einzigen Rechtssystem auf dieser Welt erlaubt ist. Auch das Zerstören von Häusern, in denen Angehörige von Straftätern wohnen, gehört nicht in den international anerkannten Strafkodex.

Aussagen der Shin Bet-Chef

Die Spirale der Gewalt, die sich in Jerusalem und in Teilen der besetzten Territorien immer weiter hoch schraubt, sollte niemanden überraschen. Besatzung ist in sich ein Akt der
Gewalt. Kontrollposten, an den Palästinenser aufgehalten werden, nächtliche Razzien der Israelis auch in den von der palästinensischen Autonomiebehörte regierten Gebieten, Chancenlosigkeit einer ganzen palästinensischen jungen Generation, die Abriegelung von 1,8 Millionen Palästinensern in dem schmalem Küstenstreifen von Gaza – all das ist tägliche Gewalt, unter der ein ganzes Volk zu leiden hat.

In dem Dokumentarfilm „Töte zuerst“, der kürzlich wieder im TV-Sender ARTE ausgestrahlt wunde, berichten israelische Geheimdienstchefs, dass der Shin Bet nach dem Krieg von 1967 palästinensische Führer befragt habe, ob sie mit einer Zweistaatenlösung einverstanden sein. Einhelliges Ergebnis der Recherchen: damals wäre die Gründung eines palästinensisches Staates durchaus möglich gewesen. Shin Bet-Mitarbeiter haben diese Möglichkeit an die führenden israelischen Politiker der Epoche herangetragen und diesen Vorschlag befürwortet.

Rabins Meinungsänderung und seine Ermordung

Doch das politische Establishment Israels hat anders entschieden – nicht zuletzt unter dem wachsenden Einfluss der religiös ausgerichteten Siederbewegung, welche die besetzten Gebiete für Israel reklamierte – mit dem Argument, der Gott Israels Yahwe habe dieses Land seinem auserwählten Volk, den Juden zugewiesen. Der jetzt, nach dem Anschlag auf dien Synagoge in Jerusalem von manchen Kommentatoren so bezeichnete „Religionskrieg“ hat also schon viel früher, etwa mit dem Attentat Baruch Goldsteins in Hebron 1994, begonnen.

Aus der Siedlerbewegung kam auch der Attentäter Jigal Amir, der am 4.November 1995 den israelischen Premier Yitzhak Rabin ermordet hat. Jigal Amir war ein glühender Gegner der Friedensabkommen von Oslo (1993 und 1995). Während er ersten Intifada (1987-1993) wurde Rabin, damals Verteidigungsminister und zunächst unversöhnlicher Falke , mit dem Spruch bekannt „Wir sollten ihre Hände und Beine brechen“. Gemeint waren die aufsässigen Palästinenser. Unter denen wurde Rabin dann „Knochenbrecher“ genannt.

Später realisierte Rabin, daß man mit den Palästinensern zu einer Übereinkunft kommen müsse – andernfalls der islamitische Terrorismus, wie er fürchtete, Israel mehr und mehr bedrohen werde – eine Prophezeiung, die sich jetzt auf grausame Weise bestätigt hat. Am 13.September 1993 unterzeichnete Rabin zusammen mit Bill Clinton und Jassir Arafat im Weißen Haus der erste Friedensabkommen von Oslo.

Zu wenig Gehör für kritische israelische Stimmen?

In den fast zwanzig Jahren seit der Ermordung Yitzhak Rabins hat sich Israel stetig nach rechts, ja sogar in eine teilweise rassistische Richtung entwickelt. Kürzlich wurde bei einer Veranstaltung in Berlin ein Film gezeigt, der auf schreckliche Weise zeigte, wie Israel palästinensischen Bauern das für die Bewirtschaftung ihrer Felder notwendige Wasser vorenthält. In der anschliessenden Diskussion erklärte eine israelische Jüdin, man müsse Israel „jetzt helfen“. Was sie damit meinte: ihre israelische Gesellschaft habe inzwischen rechtsextrem-rassistische Züge angenommen, sagte die Diskussionsteilnehmerin aus Israel. Israelis, wie etwa der „Haaretz“-Journalist Gideon Levy , könnten sich zuweilen nur noch mit persönlichen Leibwächtern in Tel Aviv auf die Strasse wagen. Anderen Kritikern werde zugerufen, man solle sie in die „„Gaskammern“ schicken.

In der Presse der Bundesrepublik finden solche Entwicklungen sowie kritische Stimmen israelischer Juden wie etwa die von Avraham Burg, Gideon Levy, Shlomo Sand, Ilan Pappe und Amira Hass kaum Gehör. Würde man sich mit diesen israelischen Bürgern in Deutschland und anderswo in Europa näher auseinandersetzen, würde wohl auch die Kritik an der Besatzungspolitik aller israelischen Regierungen, die nach dem Junikrieg von 1967 begann, die nach den Friedensabkommen von Oslo sogar intensiviert wurde, wesentlich deutlicher geäußert werden können.

Besatzungsmacht seit 47 Jahren

Bis jetzt ist es dagegen so, daß einmal geäusserte Kritik unter dem Druck der jüdischen Interessenverbände sogleich zurück genommen wird. So geschehen mit Martin Schulz, dem Präsidenten des europäischen Parlamentes, der vor der Knesset in Jerusalem die ungleiche Wasserverteilung zwischen Israelis und Palästinensern beklagte. So gesehen auch mit dem SPD- Vorsitzenden Siegmar Gabriel, der einst bei einem Besuch in Hebron via Twitter beklagte, daß in Hebron einige hundert israelische Siedler einen ganzen palästinensischen Stadtteil terrorisierten. Beide SPD-Politiker relativierten nach ihrer Rückkehr unter dem Druck jüdischer Gruppen ihre Aussagen – und wiederholten sie bis jetzt nicht wieder.

Israel ist jetzt 66 Jahre alt. Seit 47 Jahren hält es die im Junikrieg von 1967 eroberten Gebiete besetzt. Weit mehr als zwei Drittel seines Bestehens ist Israel also eine Besatzungsmacht. Mit dieser tragischen Geschichte Israels hat sich auch immer wieder Abraham Melzer, ein deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft, befaßt. Bis 2012 führte er in Deutschland einen eigenen Verlag, der sich auf Judaica spezialisierte und kritischen Stimmen Israels ein Forum bot. Im Melzer Verlag erschien etwa der Goldstone-Bericht, der Israels Kriegführung im Gazakrieg

von 2008/2009 analysierte und dem Land Kriegsverbrechen vorwarf.

Ein Krieg um Land

In dem Vorwort für das Buch „Schrei geliebtes Land – Leben und Tod unter israelischer
Besatzung“, in welchem der Zambon-Verlag in Frankfurt a.M jetzt gesammelte Aufsetzte von Gideon Levy veröffentlicht, schreibt Abraham Melzer: „Israel aber wünscht keinen Frieden. Das ist Gideon Levys Einsicht nach so vielen Jahren der Berichterstattung aus den palästinensischen Gebieten. Für ihn steht fest, daß Israel der Täter ist und die Palästinenser das Opfer“. Soweit Abraham Melzer.

In Hebron wurden einst Muslime beim Beten ermordet. In Jerusalem traf der Tod Juden beim
Beten. Ein religiöser Krieg ? Vor allem ist es ein Krieg um Land. Die in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts nach Palästina einwandernden, in Europa diskriminierten und verfolgten Juden meist durchaus säkularer, laizistischer Ausrichtung suchten in Palästina Schutz.

Die jüdische Philosophin Hannah Arendt hat nach 1945 eindringlich vor den Konflikt mit den in Palästina ansässigen Arabern gewarnt. Man müsse, schrieb sie, mit den einheimischen Arabern zu einem friedlichen Zusammenleben kommen – wozu manche von ihnen bereit waren. Ihre Warnungen führten nicht zu den erhofften Kompromisslösungen. Deshalb dauert die Tragödie bis heute an – ohne Aussicht auf ein friedliches Ende.  Aus: journal21.ch http://www.journal21.ch/juedisch-oder-demokratisch