»Ich komme just vom Schweigemarsch, der am 22.11. in Berlin an der Bornholmer Brücke startete. Wer es nicht weiß: Der Schweigemarsch ist ein Demo-Format, das bereits zum zweiten Mal in Berlin stattfindet und sich unter dem Motto „Alles ist gesagt“ gegen die anhaltende Diskursverweigerung der Regierung und weiter Teile der Medien richtet und eine kritische, offene Auseinandersetzung mit den Corona-Maßnahmen fordert – ein Ansinnen, dass in einer Demokratie eigentlich unverdächtig sein sollte. In der Demoankündigung wurde explizit darum gebeten, Flaggen, Schilder, Banner, sowie Kleidung mit Parolen, Organisationen, Vereinen und Symbolen zu Hause zu lassen – ein probates und kluges Mittel, um diejenigen fernzuhalten, die gerne versuchen, solchen Kundgebungen ihren symbolischen Stempel aufzudrücken, andererseits ebensolche Menschen anzusprechen, die nicht gerne unter fremder Flagge oder stumpfen Parolen gezählt werden möchten. 

 

Es wurde ferner ausdrücklich auf Einhaltung der Hygieneregeln hingewiesen (woran die TeilnehmerInnen sich auch hielten). Auch ein kurz zuvor veröffentlichtes Statement der Veranstalter sei hier der Klarheit halber nochmal genannt: „Dieses Virus und die politischen Reaktion haben unser Land und die Welt nachhaltig verändert. Nochmal ganz deutlich – aus dem Orga Team ‚Schweigemarsch‘ negiert keiner das Corona Virus an sich. Aber wir stellen deutlich die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage“. Das sollte man dürfen. Weiter: „Hier haben Faschismus und Extremismus auch schweigend keinen Platz“. So weit, so gut. Als jemand, der sich seit Beginn der Pandemie kritisch und vor allem quellenkritisch mit dem Corona-Komplex auseinandersetzt, bin ich da hin – andere Möglichkeiten, diesbezüglich auf der Straße Gesicht zu zeigen, gibt es ja schlicht nicht.

Ich war mit drei Leuten dort, die allesamt eine linke Sozialisation und langjähriges Engagement in linken Zusammenhängen haben – und es genauso wie ich an der Zeit fanden, gegen dieses zweifelhafte Treiben der hierzulande Verantwortlichen auf die Straße zu gehen…

Weder Stil, Kleidung, noch Habitus der Demoteilnehmer (die ich gesehen habe) haben irgendwie Anlass zu der Vermutung gegeben, dass es sich hier um Nazis, Nazihools oder ähnlich unangenehmes Volk gehandelt haben könnte, nein, wirklich nicht. Ich traf auch gleich zu Anfang auf einen alten Bekannten, der alles andere als ein Nazi, Antisemit oder Verschwörungstheoretiker ist – genausowenig wie ich oder meine drei BegleiterInnen. Man könnte nun einwenden: Niemand kann den Leuten in die Köpfe gucken. Das ist zwar richtig, trifft allerdings auf jede Demo zu, wo unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Partikularmeinungen sich unter einem Thema temporär zusammenfinden. (Weltfremd zu glauben, auf keiner Umweltdemo befände sich nicht der ein oder andere rechtsesoterische Heimatschollenverfechter oder Demos gegen TTIP oder G7 seien gänzlich frei von globalisierungskritischen Rechten). Also: Mein subjektiver Eindruck vor Ort war eindeutig der, dass dies alles war, aber keine Nazidemo…

Die Mobilisierung und das Framing der Demo als Nazi- und Verschwörermarsch zuvor war immens. Schon auf der Bornholmer Brücke standen die ersten jugendlichen Antifas, mit Trillerpfeifen, Töpfen und laut „Nazis raus“ skandierend – ich konnte es nicht glauben und hab ihnen über die Köpfe der Polizei hinweg zugerufen „Ich hab schon über Nazis geschrieben und in linken Voküs den Kochlöffel geschwungen, da habt ihr noch bei Mami gewohnt, was fällt euch ein, mich hier als Nazi zu beschimpfen?“. Keine Reaktion, totale Diskussionsverweigerung – ein Umstand, der uns die restliche Demo begleiten sollte.

Auf der Bornholmerstraße wurde es dann wild. Trillerpfeifen, Töpfeklappern, teils Musik und Lautsprecherdurchsagen von Balkonen, eine Gegendemonstrantin hupte wie wild in ihrem Auto am Straßenrand. Schilder, Transparente, Höllenlärm. Eine meiner Begleiterinnen – nochmal: eine eingefleischte Linke – versuchte immer wieder, mit Gegendemonstranten ins Gespräch zu kommen: Abwehr, Aggression, Diskursverweigerung. Die andere sah auf der Gegenseite jemanden, mit dem sie sich gemeinsam in einem linken Nachbarschaftsprojekt engagiert, die begonnene Diskussion wurde von der Polizei abgewürgt, aber die zwei werden ihr Gespräch demnächst unter vier Augen fortsetzen – wenigsten mal ein Anfang…

Kann es sein, dass Linke, mit denen man sich kurz zuvor noch politisch verbunden gefühlt, z. T. sogar konkret tätig gewesen ist, einen plötzlich als Nazi, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker beschimpfen und bedrohen? Keiner von uns hatte auch nur entfernt den Eindruck, hier „mit Nazis und Faschisten zu marschieren“; sollte es dort überhaupt welche gegeben haben, waren sie es, die umgekehrt mit der überwiegenden Mehrheit der vielen anderen „marschiert“ sind…

Es steckt mir ehrlich gesagt noch ganz schön in den Knochen. Selten habe ich was surrealeres erlebt. Nicht nur die schiere Aggressivität, das gnadenlose Framing jeglicher Kritik an den Maßnahmen als „rechts“, die Diffamierung anderer Ansichten, die Schwarz-Weiß-Malerei, die Diskursverweigerung. Vielmehr frage ich mich nach diesem Tag wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet die radikale Linke, die Antifa als Putztruppe für autoritäre Durchregierer wie Merkel, Spahn und Söder oder Angstschürer wie Drosten, Wiehler und Lauterbach durch die Straßen zieht und alles niederbrüllt, was in punkto Corona irgendwie nach Staatskritik riecht? Wieso stimmt die obrigkeitsfeindliche Antifa am lautesten ins Lied des There-is-no-alternative mit ein und heißt einen ordnungsstaatlichen Amoklauf und jegliche Einschränkung gut, anstatt sachinhaltliche Kritik zu üben? Wie kann es wieder zu argumentativem Austausch kommen, wenn sich offenbare große Teile der (radikalen) Linken in Wort und Tat bereits so weit aus dem Fenster gelehnt haben, dass der point of no return schon überschritten scheint? Eines kann ich sagen: Die Lehre von heute für uns vier, die wir auf dem Schweigemarsch waren, heißt: Vernetzen, reden, überzeugen. Vielleicht mit Diffamierung und Anfeindung leben.«

Die andere Seite

berlin-gegen-nazis.de hatte so mobilisiert:

»Proteste gegen verschwörungs-ideologischen Schweigemarsch

Zum zweiten Mal nach dem 10. Oktober soll ein verschwörungsideologischer Schweigemarsch durch Berlin ziehen. Im Oktober lief eine vierstellige Anzahl an Personen vom Adenauerplatz in Charlottenburg in die Stadtmitte. Am 22. November soll es die zweite Ausgabe vom S Bornholmer Straße in Pankow durch den Prenzlauer Berg bis zum Brandenburger Tor geben…

Am 22. November ist nach dem ersten Schweigemarsch am 10. Oktober allerdings mit einem – vom Ausdruck her – ruhigeren Verlauf zu rechnen. Das Konzept des Schweigemarsches ist es, Abstände einzuhalten und MNS zu tragen, ohne Plakate und Reden. Damit soll zugleich die Verschwörungserzählung vom Ende der Meinungsfreiheit und einer angeblichen Corona-Diktatur symbolisch ausgedrückt werden, da man gezwungen sei, die staatlichen Regeln zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie einzuhalten. Dieses Konzept sagt nicht allen verschwörungsideologischen Spektren zu. Nach dem gewaltförmigen Verlauf des 18. November ist es aber auch möglich, dass von den Teilnehmenden am Schweigemarsch das beschriebene Konzept ignoriert wird und die Anmeldung nur der Anlass zur Versammlung ist, die dann in den bekannten Formen abläuft.«

51 Antworten auf „Linker entsetzt über Antifa bei Berliner Schweigemarsch“

  1. Diese Schreihälse ohne Hirn lassen sich von den Regierenden instrumentalisieren und merken noch nicht einmal, dass sie zu Marionetten und Erfüllungsgehilfen gemacht werden.

    1. Beim Livestream vom Schweigemarsch haben sich die Protagonisten der Antifa aufgeführt wie durchgeknallte Irre. Der absolute Gipfel war ein Plakat mit der Aufschrift “Impfen ist Liebe“.
      Das legt den Schluß nahe, dass die Antufa eine 100%ige Tochter der philantropischen “Bill and Melinda Gates Foundation“ ist.

  2. „die Antifa als Putztruppe für autoritäre Durchregierer wie Merkel, Spahn und Söder“
    War genau mein Gedanke! Unerklärlich! Es kursieren ja Gerüchte, dass die z.T. bezahlt werden. Gibt es da Verlässliches?
    Erschreckender fand ich die Normalos, die sich diesem Unsinn angeschlossen hatten. Angst, wahrscheinlich.