Die Vereinbarungen von Istanbul zeigen, dass der Westen heute Verhandlungen sucht und einen Rückzieher machen muss.

Die EU-Sanktionen wurden nur, um zu schaden, nach dem Prinzip ‹Der Zweck heiligt die Mittel› verabschiedet»

https://zeitgeschehen-im-fokus.ch/de/newspaper-ausgabe/nr-14-vom-16-august-2022.html#article_1401

«Selenskij ist ein Gefangener der Lügen, die ihm der Westen erzählt hat»

Interview mit Jacques Baud*

Zeitgeschehen im Fokus Vor einigen Tagen wurde zwischen der Ukraine und Russland ein Abkommen unterzeichnet, das Lieferungen von Getreide über das Schwarze Meer ermöglichen sollte. Waren tatsächlich alle Getreidelieferungen aus der Ukraine blockiert?

Jacques Baud In der Tat wurde der Transport von Getreide und anderen Lebensmitteln nicht von Russland, sondern von der Ukraine blockiert. Mit Beginn der russischen Offensive hatte die Ukraine in ihre Häfen alte Seeminen verlegt, um eine Küstenlandung zu verhindern. Diese schlecht verlegten Minen neigen dazu, abzudriften, was die gesamte Seeschifffahrt im Schwarzen Meer gefährdet.¹ Bereits im März 2022 musste die türkische Marine Seeminen entschärfen, die bis in den Bosporus gelangt waren.² Diese Minen töteten sogar ukrainische Schwimmer an der Küste im Süden des Landes. Mitte Juni 2022 erklärte David Arakhamia, ein enger Berater Selenskijs, das ukrainische Militär sei «standhaft gegen die Idee, die ukrainischen Schwarzmeerhäfen im Gegenzug für die Erlaubnis, Getreide über Russland zu exportieren, zu entminen».³

Waren russische Häfen auch vermint?

Auf russischer Seite sind die Schwarzmeerhäfen einsatzbereit, darunter auch der Hafen von Mariupol, der bereits seit Anfang Juni wieder in Betrieb ist. Was den Hafen von Odessa betrifft, hat Russ­land Zugangskorridore für die Versorgung der Stadt offengelassen. Diese Korridore sind ständig geöffnet und ihre geografischen Koordinaten werden regelmässig über internationale Radiofrequenzen mitgeteilt.

Es steht vom Westen der Vorwurf im Raum, dass Russland mit der Blockade die Hungerwaffe einsetzen wolle, um die Welt in ein Chaos zu stürzen. Wie glaubwürdig ist ein solches Szenario?

Das ist Desinformation. Zunächst einmal muss man daran erinnern, dass Russland während des Kalten Krieges Getreide importierte. Ab 1990 begann Russland, Getreide zu exportieren, aber erst mit dem Amtsantritt von Wladimir Putin im Jahr 2000 stieg die Getreideproduktion deutlich an. Die Sanktionen, die ab 2014 gegen Russland verhängt wurden, gaben der Getreideproduktion einen grossen Schub. Heute ist Russ­land mit einem Marktanteil von 18 bis 19 Prozent der grösste Getreideexporteur der Welt.⁴ Russland hat also kein Interesse daran, eine Knappheit in der Welt zu schaffen. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Russland gegen das Prinzip von Sanktionen ist, weshalb es keine «Gegensanktionen» gegen den Westen verabschiedet hat. Diese Politik könnte sich vielleicht in der Zukunft ändern, aber derzeit ist dies nicht der Fall.Was heisst das jetzt für den internationalen Handel?

In Wirklichkeit werden die Rohstoff- und Getreideexporte nicht von Russland verhindert, sondern von den westlichen Sanktionen und der Ukraine. An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass es die Strategie ist, die 2019 von den USA festgelegt und genau beschrieben wurde und die von den westlichen Ländern brav umgesetzt wird: Russland auf der internationalen Bühne zu isolieren, um es zu ersticken, auch wenn der Rest der Welt darunter leiden muss.⁵ Die Amerikaner sehen die Schweiz dabei als finanzielle Drehscheibe und als wesentliches Element dieser Strategie. Dies erklärt, warum die Schweiz mit 1360 Sanktionen (Stand: 5. August 2022) das Land ist, das am meisten Sanktionen gegen Russland verhängt hat.⁶ Nach meinen Informationen haben die Amerikaner dies durch eine Kombination aus Druck und Erpressung erreicht.

Laut westlichen Medien habe Russ­land erklärt, dass die weltweite Knappheit an Getreide ein Resultat der Sanktionen darstelle. Welche Auswirkungen haben die Sanktionen auf die Getreidelieferungen tatsächlich?

Das ist nicht genau das, was Russland sagt. Am 17. Juni 2022 gab Wladimir Putin beim 25. Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg eine Lagebeurteilung ab.⁷ Es mag Propaganda sein, aber seine Analyse deckt sich mit der von BBC News im Juli 2022, in der es heisst, dass es dem westlichen Getreideanbau aufgrund der klimatischen Bedingungen und des Zugangs zu Düngemitteln schlecht geht. Das britische Medium stellt fest, dass nur Russland und China (und in geringerem Masse Kanada) 2022 eine Ernte haben werden, die im Vergleich zum Durchschnitt des Zeitraums von 2016 bis 2021 steigt.⁸

Warum besteht dann eine Knappheit?

In der Tat ist die weltweite Knappheit in erster Linie das Ergebnis unserer Landwirtschaftspolitik und des Zustands unserer Landwirtschaft. Genau wie im Fall von Covid-19 hat unsere Politik unsere Krisenreaktionsfähigkeit strukturell geschwächt. Zudem haben die westlichen Sanktionen die Situation nur noch weiter verschärft.

Theoretisch ist der Seetransport von Getreide und Düngemitteln von den US-Sanktionen nicht betroffen. In der Praxis machen jedoch viele Faktoren den Güterverkehr unmöglich.

Können Sie einige der Faktoren nennen?

Erstens werden die Zahlungen durch den Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System erschwert. Zweitens befürchten die Importeure, dass sie wegen ihrer Handelsbeziehungen mit Russland sanktioniert werden und ihre Zahlungen vom Westen konfisziert werden. Drittens betreffen die Sanktionen belarussische und russische Düngemittelexporte. Viertens sind die ukrainischen Getreideexporte nicht auf den Seetransport beschränkt, sondern könnten auch per Zug transportiert werden; aufgrund der unterschiedlichen Spurweiten der europäischen und russischen Schienen müssen jedoch Umladebahnhöfe passiert werden. Die Ukraine verfügt jedoch nicht über genügend dieser Umladebahnhöfe, um einen reibungslosen Export zu gewährleisten, und muss die weissrussischen Umladebahnhöfe nutzen; die EU-Sanktionen verbieten jedoch die Durchfahrt ukrainischer Züge durch Weissrussland! Schliesslich trugen die Sanktionen, die es Versicherungsgesellschaften (und Rückversicherern) untersagten, den russischen Seeverkehr zu decken, zur Verschärfung der Situation bei. Die Importeure haben das Vertrauen in die irrational schwankenden westlichen Entscheidungen verloren und zögern mit ihren Bestellungen.

Was wird in dem Vertrag zwischen Russland und der Ukraine, der aus mehreren Teilen besteht, genau festgehalten?

Eigentlich ist die Reihe von Abkommen, die in Istanbul unterzeichnet wurden, ein dreifacher Erfolg für die russische Diplomatie. Erstens lockern sie die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russ­land und seinen Aussenhandel mit Getreide und Erdöl. Zweitens bestätigen sie, dass die ukrainischen Häfen von den Ukrainern selbst vermint wurden, und zwingen sie, diese zu räumen. Schliesslich zeigen sie, dass die westliche Rhetorik über eine «russische Blockade» nichts weiter als Propaganda und Desinformation war.⁹

Sind noch weitere Sanktionen gelockert oder aufgehoben worden?

Diese Abkommen heben auch die Sanktionen in bezug auf die Versicherung und Rückversicherung des Seetransports von Erdölprodukten und die Lieferung von Ersatzteilen für Flugzeuge auf. Es handelt sich also um einen Rückschritt der westlichen Länder, der auf den Rückzieher der Europäischen Union beim Export von Düngemitteln und beim Warentransit zwischen Russland und Kaliningrad durch Litauen folgt. Sie beweisen, dass die EU-Sanktionen ohne Überlegung, ohne Intelligenz und nur, um zu schaden, nach dem Prinzip «Der Zweck heiligt die Mittel» verabschiedet wurden.

Die westlichen Medien behaupteten, das ausgehandelte Abkommen sei ein Erfolg für die Ukraine.

Wahrscheinlich nicht. Tatsächlich konnte die Ukraine bis Anfang Juni zwischen zwei Dritteln und vier Fünfteln ihrer Ernte von 2021 bis 2022 exportieren10. Die Lage ist also weit weniger dramatisch, als unsere Medien berichtet haben. Eigentlich wollte die Ukraine das Druckmittel ihrer Exporte nutzen, um eine westliche Intervention im Schwarzen Meer zu provozieren, aber sie wurde in ihrem eigenen Spiel gefangen. Nun ist sie gezwungen, ihre Häfen zu entminen, und Schiffe, die von und nach der Ukraine fahren, werden daraufhin überprüft, ob sie Waffen transportieren.

Man könnte sich fragen, ob die Ukraine in der gegenwärtigen Situation wirklich ihre gesamte Produktion exportieren sollte. Das Beharren des Westens darauf, dass die Ukraine ihre Produktion exportiert, könnte mit der Ernährungsunsicherheit in der Ukraine kollidieren.11 Man vergisst, dass die Ukrainer seit dem Holodomor in den 1930er Jahren eine grosse Angst vor Hungersnöten haben. Nun ist ihre Ernährungssicherheit aufgrund des Konflikts nicht gewährleistet und die Bevölkerung befürchtet, dass mit der Ausfuhr ihres Getreides ihre Probleme zunehmen werden. Daher versuchten die Einwohner in einigen Städten, die Abfahrt von Getreidekonvois zu verhindern. Natürlich wurde dies von keinem westlichen Medium gezeigt.

Bisher wurde in unseren Medien Putin als verhandlungsunwillig dargestellt, und das Bild soll wohl weiterhin aufrechterhalten werden. Beweist dieser Vertrag nicht gerade das Gegenteil?

Ich glaube nicht, dass Wladimir Putin Verhandlungen ablehnt. Tatsächlich waren die Russen Ende Februar und im März zu Verhandlungen bereit. Auch die Ukrainer waren bereit zu verhandeln.12 Es war der Westen, der Selenskij unter Druck setzte, damit er nicht verhandelt. Das hat dazu geführt, dass die Russen Gespräche mit einer Ergebnisperspektive führen und sich nicht in aussichtslose Prozesse verstricken wollen.

Warum hat der Westen eine Verhandlungslösung sabotiert?

In der Überzeugung, dass Russ­land unter den Sanktionen zusammenbrechen würde, lehnte der Westen jede Möglichkeit von Verhandlungen ab. Doch mit der steigenden Inflation, der Energiekrise, die sich für das Jahresende ankündigt, dem wachsenden Interesse an den BRICS-Staaten und den «Midterm»-Wahlen in den USA beginnt der Westen umzukehren. Die Vereinbarungen von Istanbul zeigen, dass der Westen heute Verhandlungen sucht und einen Rückzieher machen muss.

Der von Antony Blinken eingeleitete Versuch, einen Gefangenenaustausch zu organisieren, zeigt, dass der Westen um jeden Preis eine Öffnung für Verhandlungen sucht. Blinken ist jedoch kein Ehrenmann, und Putin weiss das. Übrigens liess Blinken einen Russen aus Griechenland ausliefern,13 um mit Viktor Bout einen «2 gegen 2»-Tausch gegen die Sportlerin Brittney Griner und Paul Whelan machen zu können. Daher bin ich mir nicht sicher, ob dieser Austausch der Beginn eines echten Verhandlungsprozesses ist.

Gerhard Schröder hat Selenskij geraten, mit Putin zu verhandeln, was dieser als zynisch zurückgewiesen habe. Sehen Sie Angebote auf russischer Seite?

Das Problem ist, dass Gerhard Schröder weder glaubwürdig noch in der Lage ist, die Dinge zu beeinflussen. Die Realität ist, dass die Russen zwei Verhandlungsprozesse eingeleitet haben: den ersten an der Grenze zu Weissrussland am Tag nach dem Ausbruch ihrer Offensive. Doch die Dinge liefen schief. Denis Kirejew, einer der ukrainischen Verhandlungsführer, der zu russlandfreundlich war, wurde vom ukrainischen Sicherheitsdienst (SBU) liquidiert.14 Und am 27. Februar kam die Europäische Union mit einem ersten «Paket» von 450 Millionen Euro für Waffen. Im März, als Russland bereit war, Selenskijs Vorschlag zu akzeptieren, kam die EU erneut mit einem Waffenpaket im Wert von 500 Millionen Euro, und Boris Johnson rief Selenskij an, um ihn zu bitten, seinen Vorschlag zurückzuziehen.15

Heute wollen die Russen ernsthafte Verhandlungen und keine Verhandlungen, die von der Ukraine gefordert werden, um Vorbereitungen für neue Militäroperationen zu ermöglichen.

Es sind also nicht die Russen, die sich weigern zu verhandeln, sondern der Westen, der die Ukrainer als Geiseln nimmt. Selenskij glaubt weiterhin, dass die Rettung der Ukraine in der totalen Niederlage Russlands liegt und dass diese Niederlage nur mit westlicher Hilfe erfolgen kann. Er ist also ein Gefangener der Lügen, die ihm der Westen erzählt hat…

Im übrigen versucht die deutsche Regierung, Ex-Kanzler Schröder einzusetzen, um die Krise um die Nord Stream 1-Turbinen zu lösen,16 aber gleichzeitig stoppt das Parlament die Finanzierung seines Amtes17, und man versucht, ihn auf eine Sanktionsliste zu setzen!18 Die deutsche Politik ist inkohärent und schizophren. Wie könnte Wladimir Putin sie ernst nehmen?

Wenn man Zeitungsartikel, die vor einigen Monaten geschrieben worden sind, nochmals liest, dann müsste die Ukraine den Krieg gegen Russland schon längst gewonnen haben: mangels russischer Soldaten, durch die Überlegenheit westlicher Waffen, weil die Kampfmoral der russischen Truppen schlecht und die russische Armeeführung unfähig sei, weil Putin die Ukraine und die westliche Unterstützung unterschätzt habe und die Sanktionen Russland lahmlegten. Welchen Einfluss haben die Waffenlieferungen tatsächlich auf das aktuelle Kriegsgeschehen?

Die Antwort hat zwei Aspekte. Der erste ist, dass es so aussieht, als hätten unsere Medien und Politiker die ukrainischen Schwächen systematisch Russland zugeschrieben. Dies ist ein in der Propaganda recht üblicher «Spiegeleffekt», der dazu dient, die eigenen Schwächen hinter den vermeintlichen Schwächen des Gegners zu verstecken. Die ukrainische Kriegsführung ist ausschliesslich politisch, während die russische Kriegsführung ausschliesslich militärisch ist.

Dies zeigt sich in der Art und Weise, wie die Operationen geführt werden. Aus diesem Grund konnte man von Anfang an behaupten, dass die Ukraine verlieren würde. Ich erinnere Sie daran, dass Russland die Ukraine mit einer zahlenmässigen Unterlegenheit von etwa 1:2 angegriffen hat: Die Ukraine hatte also alle Chancen. Aber paradoxerweise hat niemand im Westen den Krieg wirklich ernst genommen. Man hat einen politischen und wirtschaftlichen Krieg geführt, dessen Ziel nicht darin bestand, in der Ukraine zu siegen, sondern Russland zum Zusammenbruch zu bringen. Das hatte Oleksej Arestowitsch im März 2019 gesagt.19

Selenskij gab sich in seinem grünen Leibchen jeweils sehr siegessicher…

Selenskij seinerseits glaubte, dass die Sanktionen und die massive Unterstützung des Westens ausreichen würden, um Russland zu besiegen, ähnlich wie der Westen im Irak gesiegt hatte. Das Problem ist, dass der Westen weder den Wunsch noch die Fähigkeit hat, sich an der Seite der Ukraine zu engagieren. Sie haben Russ­land, seine Wirtschaft und die Unterstützung der Bevölkerung für Wladimir Putin unterschätzt. Die an die Ukraine gelieferten Waffen hätten in einem Konflikt wie im Irak vielleicht einen Unterschied gemacht, aber nicht gegen Russ­land. Innerhalb von sechs Monaten hat der Westen der Ukraine eine Hilfe zur Verfügung gestellt, die grösser ist als der russische Verteidigungshaushalt – ohne Erfolg.

Dann nützen die Waffen nahezu nichts?

Zu Beginn der russischen Offensive hatten die Ukrainer etwas weniger als 500 Mehrfachraketenwerfer, die sie verloren haben. Heute haben sie ein bisschen weniger als insgesamt 30 HIMARS und MLRS M270 aus den USA und Europa erhalten, von denen ein Teil bereits zerstört oder von den Russen gekauft wurde. Die Behauptung, dass dies Auswirkungen auf den Verlauf des Konflikts haben wird, ist «wishful thinking». In Wirklichkeit geht es darum, den Konflikt zu verlängern und zu verhindern, dass die Ukrainer vor den amerikanischen «mid-terms» in einen Verhandlungsprozess eintreten. Wie der republikanische Senator Lindsey Graham es ausdrückte, geht es darum, die Ukrainer bis zum letzten Mann kämpfen zu lassen.20

Ist die Qualität der Waffen schlecht oder hat die Ukraine zu wenig Waffen bekommen?

Offensichtlich ist nicht die Anzahl der Waffen das Problem, sondern die Art und Weise, wie sie eingesetzt werden. Die vom Westen gelieferten Waffen sind nicht für diese Art von Krieg konzipiert. Sie sind zwar präziser als die der Russen, aber weniger effektiv und empfindlicher. So müssen 30 Prozent der US-amerikanischen M777-Haubitzen regelmässig zur Reparatur abgezogen werden.21

Darüber hinaus verfügen die Ukrainer kaum noch über gepanzerte Fahrzeuge, um Offensiven durchführen zu können. Sie setzen daher ihre hochmobilen westlichen Artilleriemittel ein, um eine Art «Guerillakrieg» zu führen, bei dem die ukrainische Bevölkerung in den russischsprachigen Gebieten eingeschüchtert wird, um sie von der Teilnahme an den Referenden zur Selbstbestimmung abzuhalten. Dies ist die gleiche Strategie wie die Kampagne von Terroranschlägen auf russischsprachige ukrainische Führungskräfte in der Oblast Cherson.

Das erklärt auch den Beschuss bewohnter Gebiete in Donezk mit PFM-1-Antipersonenminen («Schmetterlings»-Minen), die wie Spielzeug aussehen, oder den Beschuss des Atomkraftwerks in Saporoschje. Deshalb will Selenskij keine Untersuchungskommission vor Ort.22 Unsere Medien weigern sich, diese Strategie anzuerkennen, und erfinden fantasievolle Erklärungen. Laut einem französischen Experten beschiessen die Russen das von ihnen kontrollierte Kraftwerk, um den Stromfluss in die Ukraine zu unterbrechen!23 Anscheinend haben die Russen den Schalter nicht gefunden!!!

Man führt also nicht nur Krieg gegen Russland, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung. Sie haben erwähnt, dass die westlichen Waffen von der Ukraine an Russland verkauft werden. Man muss sich fragen, ob die Art und Weise, wie die Ukraine den Krieg führt nicht Ausdruck eines korrupten Regimes ist…

Die Lieferungen des Westen geschahen unter der Bedingung, dass die Waffen an der Front ankommen! Es scheint nun bestätigt zu sein, dass Ukrainer amerikanische HIMARS-Raketenwerfer und französische CAESAR-Selbstfahrlafetten an die Russen verkauft haben. Was verlogene Journalisten im Juli als «russische Desinformation» bezeichneten,24 scheint durch einen Dokumentarfilm von CBS News mit dem Titel «Arming Ukraine» bestätigt zu werden, in dem festgestellt wird, dass nur 30 bis 40 Prozent der gelieferten Waffen ihre Empfänger erreichen.25 Nach dem Protest aus Kiew wurde diese Dokumentation schnell zensiert…26 Aber Realität bleibt Realität: Die USA haben sich geweigert, der Ukraine vier MQ-1C GRAY EAGLE Drohnen zu liefern, weil die Gefahr eines Technologielecks bestand.27

Der Focus titelte kürzlich eine Aussage von Timothy Snyder: «US-Experte analysiert sieben Kriegsfaktoren – und prophezeit Putins Niederlage.» Das scheint billige Kriegsrhetorik zu sein, die ständig bemüht wird?

Die westliche (und ukrainische) Art, diesen Krieg zu führen, besteht darin, unsere Wünsche für die Realität zu halten. Das hat die Ukrainer dazu verleitet, die Russen zu unterschätzen und ihre eigene Operationsführung zu überschätzen. Tatsächlich sind es diese Pseudo-Experten, die falsche Informationen verbreitet haben, die das Desaster in der Ukraine seit 2014 verursacht haben. Die Art und Weise, wie eine Krise verstanden wird, bestimmt die Art und Weise, wie sie gelöst wird. Unsere Journalisten und Pseudo-Experten haben eine falsche Realität geschaffen, die als Grundlage für politische Entscheidungen diente, indem sie systematisch versuchten, der Ukraine gegen alle Beweise Recht zu geben. Meiner Meinung nach sollten diese Journalisten als Kriminelle verurteilt werden, da sie absichtlich Informationen unterschlagen haben, die die Ukrainer zu Verhandlungen hätten bewegen und damit Leben hätten retten können.

Immer mehr afrikanische und asiatische Staaten stehen dem westlichen Blick auf den Konflikt kritisch gegenüber. Verliert der Westen durch seine Einmischungs- und Sanktionspolitik nicht immer mehr an Einfluss und Reputation?

In Wirklichkeit hatte das bereits vor der russischen Offensive in der Ukraine begonnen. Die malische Regierung hatte Frankreich und dann auch die anderen Länder der westlichen Koalition aufgefordert, ihre Truppen aus Mali abzuziehen. Diese Soldaten hatten wie z. B. die Esten keine Ortskenntnisse und kein nationales Interesse an der Region: Sie kamen lediglich, um an lebenden Zielen zu üben. Terrorismus lässt sich nicht mit Scharfschützen bekämpfen. Französische Offiziere, die in Mali im Einsatz waren, sagten mir: «Wir töten einen und kreieren zehn». Das ist eine dumme Methode, um den Terrorismus zu bekämpfen, und das erklärt, warum der Terrorismus immer weiter wächst. Der Terrorismus kann nur mit einer holistischen Strategie (die der Westen immer noch nicht hat) effizient bekämpft werden. Deshalb hat Mali Russland um Hilfe gebeten. Die Zentralafrikanische Republik hat das gleiche wie Mali getan. Dies löste den Zorn Frankreichs aus, dessen Aussenminister Le Drian begann, Lügen über die Russen zu erfinden. Er wurde von der Aussenministerin der Zentralafrikanischen Republik – zu Recht – als Lügner bezeichnet.28

Am 15. Juli 2022 besuchte Joe Biden Mohammed bin Salman (MbS) mit zwei Zielen: Saudi-Arabien daran zu hindern, sich Russland und China anzunähern, und ihn zu bitten, seine Ölproduktion zu erhöhen. Doch vier Tage zuvor hatte MbS einen offiziellen Antrag auf Mitgliedschaft in den BRICS-Staaten gestellt!29 Und eine Woche später, am 21. Juli, rief MbS Wladimir Putin an und bestätigte ihm, dass er sich an die OPEC+ -Entscheidungen halten werde.30 Mit anderen Worten: keine Erhöhung der Produktion. Das war eine Ohrfeige für den Westen und seinen mächtigsten Vertreter.

Warum haben diese Länder andere Schlüsse gezogen als die westlichen Staaten?

Das ist in der Tat logisch. Die Hysterie des Westens, die auf den Beginn der russischen Operation folgte, wurde vom Rest der Welt analysiert. All diese Länder haben festgestellt, dass es keine Sanktionen, Verurteilungen oder Zensur gibt, wenn der Westen arabische Länder angreift, die Zivilbevölkerung massakriert, die Wirtschaft zerstört und Folter betreibt. Heute werden im Westen diejenigen, die versuchen, ein wenig Vernunft und Ausgewogenheit einzubringen, gewalttätig angegriffen, meist von Journalisten, die für ihren Rassismus, ihren Hass auf Muslime und ihre Missachtung des Völkerrechts bekannt sind…

Die ehemalige französische Botschafterin in Russland, Sylvie Bermann, stellt fest, dass «82 Prozent der Weltbevölkerung sich weigern, Wladimir Putin zu verurteilen».31 Die «internationale Gemeinschaft», die Sanktionen gegen Russland verhängt, beschränkt sich also auf westliche Länder.

Das Problem ist, dass wir immer noch glauben, dass der Westen die internationale Gemeinschaft repräsentiert. Das ist nicht wahr. Am 4. Juni 2022 erklärt der indische Aussenminister Subrahmanyam Jaishankar auf dem GLOBSEC 2022 Bratislava Forum zu Recht: «Europa muss sich von seiner Position, dass seine Probleme die Probleme der Welt sind, wegbewegen!»32 Weisheit ist nicht mehr westlich…

Herr Baud, vielen Dank für das Gespräch.

Interview Thomas Kaiser

¹ Hilmi Hacaloglu, Umut Colak & Ezel Sahinkaya, «Amid Russia-Ukraine War, Turkey Worries About Floating Mines in Black Sea », Voice of America News, 8 avril 2022 (www.voanews.com/a/amid-russia-ukraine-war-turkey-worries-about-floating-mines-in-black-sea/6521222.html)
² Yoruk Isik & Azra Ceylan, «Turkey defuses mine after Russia warns of strays from Ukraine ports», Reuters, 26 mars 2022 (www.reuters.com/world/middle-east/turkey-finds-mine-like-object-floating-off-black-sea-2022-03-26/)
³ Dave Lawler, «Ukraine suffering up to 1 000 casualties per day in Donbas, official says», Axios, 15 juin 2022 (www.axios.com/2022/06/15/ukraine-1000-casualties-day-donbas-arakhamia)
4www.aljazeera.com/news/2022/2/17/infographic-russia-ukraine-and-the-global-wheat-supply-interactive

5www.rand.org/pubs/research_briefs/RB10014.html
6www.castellum.ai/russia-sanctions-dashboard
7en.kremlin.ru/events/president/news/68669
8 Stephanie Hegarty, «Satellites give clues about the coming global harvest», BBC News, 15 juillet 2022 (www.bbc.com/news/world-62149522)
9 «Blocus de la mer Noire, le compte à rebours pour les céréales d‘Ukraine a commencé», rts.ch, 27 mai 2022 (www.rts.ch/info/monde/13127524-blocus-de-la-mer-noire-le-compte-a-rebours-pour-les-cereales-dukraine-a-commence.html)
10 John Reidy, « Ukraine grain exports reach 47.2 million tonnes so far for 2021-22 », world-grain.com, 6 juin 2022 (https://www.world-grain.com/articles/16997-ukraine-grain-exports-reach-472-million-tonnes-so-far-for-2021-22)
11 Hannah Eliason, «Fears of Mass Food Insecurity in Ukraine», Borgen Magazine, 9 mars 2022 (www.borgenmagazine.com/food-insecurity-in-ukraine/)
12 Роман Романюк, «Від „капітуляції“ Зеленського до капітуляції Путіна. Як ідуть переговори з Росією», pravda.ua, 5 mai 2022 (www.pravda.com.ua/articles/2022/05/5/7344096/); Abdul Rahman, «Ukrainian news outlet suggests UK and US governments are primary obstacles to peace», Peoples Dispatch, 9 mai 2022 (peoplesdispatch.org/2022/05/09/ukrainian-news-outlet-suggests-uk-and-us-governments-are-primary-obstacles-to-peace/)
13 www.rferl.org/a/russian-national-vinnik-greece-extradited-united-states-bitcoin/31975304.html
14 “Reports claim Ukraine negotiator shot for treason; officials say he died in intel op”, Times of Israel, 6 mars 2022 (https://www.timesofisrael.com/ukraine-reports-claim-negotiator-shot-for-treason-officials-say-he-died-in-intel-op/)

15 Роман Романюк, « Від „капітуляції“ Зеленського до капітуляції Путіна. Як ідуть переговори з Росією », pravda.ua, 5 mai 2022 (https://www.pravda.com.ua/articles/2022/05/5/7344096/); Abdul Rahman, « Ukrainian news outlet suggests UK and US governments are primary obstacles to peace », Peoples Dispatch, 9 mai 2022 (https://peoplesdispatch.org/2022/05/09/ukrainian-news-outlet-suggests-uk-and-us-governments-are-primary-obstacles-to-peace/)
16 «Berlin has a candidate to negotiate with Moscow», News on News, August 12, 2022 (newonnews.com/berlin-has-a-candidate-to-negotiate-with-moscow/)
17 «Ex-Chancellor Schröder loses part of state privileges», dw.com, 19 mai 2022 (p.dw.com/p/4BUDC)
18 Sabine Kinkartz, «Germany’s ex-Chancellor Gerhard Schröder under attack», dw.com, 8 août 2022 (p.dw.com/p/4BWyL)
19 «Predicted Russian – Ukrainian war in 2019 – Alexey Arestovich», YouTube, 18 mars 2022 (https://www.youtube.com/watch?v=1xNHmHpERH8)
20https://www.youtube.com/watch?v=-MSWezIB06g
21 Stew Magnuson, «Ukraine to U.S. Defense Industry: We Need Long-Range, Precision Weapons», National Defense Magazine, 5 juin 2022 (www.nationaldefensemagazine.org/articles/2022/6/15/ukraine-to-us-defense-industry-we-need-long-range-precision-weapons)
22www.ilfattoquotidiano.it/2022/06/07/energoatom-contro-il-direttore-dellaiea-grossi-mai-invitato-a-zaporizhzhya-vuole-legittimare-la-permanenza-degli-occupanti/6618145/
23https://www.youtube.com/watch?v=KZDbFcYAbVE
24 Gilles Sengès, «La Russie instille le doute sur la destination des armes occidentales livrées à l’Ukraine», L’Opinion, 15 juillet 2022 (www.lopinion.fr/international/la-russie-instille-le-doute-sur-la-destination-des-armes-occidentales-livrees-a-lukraine)
25 Adam Yamaguchi & Alex Pena, «Why military aid in Ukraine may not always get to the front lines», CBS News, 7 août 2022 (www.cbsnews.com/news/ukraine-military-aid-weapons-front-lines/)
26 Sinéad Baker, “CBS partially retracts documentary that outraged Ukraine by claiming that US weapon shipments were going missing”, Business Insider, 8 août 2022 (https://www.businessinsider.com/cbs-partially-retracts-ukraine-docuemtnary-alleging-missing-us-weapons-2022-8)
27 Inder Singh Bisht, «Pentagon Postpones Armed MQ-1C Drone Sale to Ukraine», The Defense Post, 21 juin 2022 (www.thedefensepost.com/2022/06/21/pentagon-postpones-mq1c-drone-ukraine/)
28 «Centrafrique: la ministre des Affaires Etrangères accuse Le Drian de ‹propos mensongers›», TV5Monde, 21 octobre 2021 (afrique.tv5monde.com/information/centrafrique-la-ministre-des-affaires-etrangeres-accuse-le-drian-de-propos-mensongers)
29 Abraham Blondeau, «Saudi Arabia Abandons the United States», The Trumpet, 11 juillet 2022 (www.thetrumpet.com/25851-saudi-arabia-abandons-the-united-states)
30 «Telephone conversation with Crown Prince of Saudi Arabia Mohammed bin Salman Al Saud», kremlin.ru, 21 juillet 2022 (en.kremlin.ru/events/president/news/69042);Mark Trevelyan, «Putin discusses oil market with Saudi crown prince who hosted Biden last week», Reuters, 21 juillet 2022 (www.reuters.com/world/putin-saudi-crown-prince-underline-importance-opec-framework-kremlin-2022-07-21/)
31twitter.com/Malbrunot/status/1521547132808871938; ne-np.facebook.com/Soninkara-TV-24-115045376537305/videos/guerre-russieukraine-82-de-la-population-mondiale-refuse-de-condamner-vladimir-p/1105355363729532/
32https://www.youtube.com/watch?v=ZWi9t-JX_VU&t=3241s

* Jacques Baud hat einen Master in Ökonometrie und ein Nachdiplomstudium in internationaler Sicherheit am Hochschulinstitut für internationale Beziehungen in Genf absolviert und war Oberst der Schweizer Armee. Er arbeitete für den Schweizerischen Strategischen Nachrichtendienst und war Berater für die Sicherheit der Flüchtlingslager in Ost-Zaire während des Ruanda-Krieges, arbeitete u.a. für die Nato in der Ukraine und ist Autor mehrerer Bücher über Nachrichtendienste, asymmetrische Kriegsführung, Terrorismus und Desinformation.

16.8.2022