Ein Land spaziert

Die politmediale Empörungsreaktion auf die Spaziergänger zeigt, in welcher moralischen wie geistigen Verfassung sich Deutschland befindet.

Neben aller Tristesse, ein Unbehagen noch. Wie aber kann das sein, im doch „besten Deutschland aller Zeiten“? Diesem Deutschland, das keine andere Frage mehr kennt, als die heilsbedeutsame: „Bist du geimpft?“ Alle anderen Fragen, wie die etwa nach der Energie, der Migration, der Wirtschaft, der Kultur, dem Menschsein überhaupt, verbieten sich diesem Deutschland, das den Gesunden urplötzlich nicht mehr kennen will; diesem Deutschland, in dem der Gesunde sich nun als Kranker, gar als Perverser und Abnormer erweist. Der Gesunde von Stund an unter permanentem Rechtfertigungszwang, zudem in einen Dauertestmodus geschaltet. Krank ist man fortan jedenfalls ohne Symptome.

Aber neuerdings gibt es ja auch wieder eine Volksverhetzung, freilich ohne Volk, es gibt Sexismus, doch Geschlechter sind sozial konstruiert, da ist des Weiteren noch der Rassismus, der ohne Rassen auskommt, wie es einen Kolonialismus ohne Kolonien gibt. Und frohlockte in diesem Deutschland nicht eben der Genesene, der damit wieder zu einem Gesunden, sprich Kranken wird, noch über seinen neu erworbenen Status, sechs Monate nun irgendwie etwas von freierer Luft atmen zu dürfen?

Über Nacht dann kam im „besten Deutschland“ der große Strich — seit Merkel hat man darin Übung —, schließlich, wohin käme man angesichts der tödlichsten Pandemie aller Zeiten auch mit Freude und gar aufsteigender Lebenslust? Karl der Verwirrte erklärte vielmehr, zwar nichts gewusst zu haben von diesem Strich, trotzdem aber — drei Monate seien genug, „da sich Menschen bereits fünf Monate nach einer Infektion mit der Delta-Variante des Coronavirus mit der derzeit dominierenden Omikron-Mutante erneut infizieren könnten“ (1).

Freue sich also, wer sich freuen mag! Der Abgeordnete im Parlament etwa, der seinen sechsmonatigen Status behalten darf. Dieses Corona-Virus ist hochintelligent, es weiß zu trennen, da ist Elite und da ist eben Plebs. Und auch an Ländergrenzen weiß das Virus Bescheid, legt sofortigen Stopp ein und verbleibt vor Ort, so etwa in der Schweiz, so in Dänemark.

Im Übrigen ist das durch „Expertenmeinung“ befestigt, eben durch die Wissenschaft begründet. Das gute alte Wissen aber, dass zum Bemühen um argumentative Aufklärung auch die Bereitschaft gehört, die eigenen unbefragten Selbstverständlichkeiten in Frage stellen zu lassen, scheint ausgelöscht. Wie weit entfernt ist politisches und wissenschaftliches Gebaren dieser Tage von Nietzsches Einsicht (2): „Nichts nämlich gilt mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit“? Nanu, nanu, nanu.

Heilsames Reizklima

Ein Unbehagen also. Zu ihm gesellt sich, immer heftiger, immer häufiger, dieses beklemmende Gefühl und fordert: Ich muss raus, ich brauche Luft! Mit dem aufsteigenden Gefühl aber erinnert man sich der Kindertage. Empfahl nicht die alte Hausärztin gelegentlich: „Das Kind muss an die Luft!“? Andere Erinnerungen, die ebenso notwendig wären, scheinen hingegen ins Verborgene gerutscht, wenn nicht gar überhaupt dem totalen Vergessen anheimgefallen.

Ein Großteil der Politakteure wie das Wahlvolk scheint vergessen zu haben, dass der „Befehlsempfänger“ eben nicht der Wähler ist, der Bürger, sondern es sich umgekehrt verhält.

Der Bürger in diesem Land ist ein freier, ihm sind seine Freiheitsrechte weder durch die Exekutive zu entziehen, noch ist ihm per Verordnung oder Gesetz der Wille enthemmter Berufspolitiker überzustülpen.

Das aber geschieht seit gut zwei Jahren in diesem Land im Namen der Gesundheit und so erodiert das Grundgesetz, mit ihm die parlamentarische Demokratie, die Gewaltenteilung wie der Rechtsstaat überhaupt und so befindet man sich auf dem Weg in die Bananenrepublik. Der beklemmenden Enge folgt deshalb die Aktivität. Menschen sind schließlich zu seltsamem Tun aufgelegt. Das ist wohl schon immer so gewesen und ist dem Leben eigen. Widerliches wie widersetzliches Tun ist es mitunter, entsetzliches auch, verwerfliches, unsolidarisches, grausames, verletzendes, unethisches, das sich zeigt(e).

Doch gab und gibt es natürlich ebenso das ethische Tun, das zu lobende, das befriedigende, das altruistische, das beflügelnde, das erfüllende. Selbst harmloses Tun ist dem Menschen eigen, das Spazierengehen etwa. Im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache liest man zu ihm, es handele sich um einen „Gang im Freien, der der Erholung, dem Vergnügen dient“ und der Spaziergänger wird ausgewiesen als „jemand, der einen Spaziergang macht“. „Müßig“ und „harmlos“, so seine Charakteristik durch das Wörterbuch.

Auch kennt es einen „Schwarm von Spaziergängern“, nicht allein also muss der Spaziergänger bleiben. Ein solcher Schwarm wird sichtbar dieser Tage, landesweit, weltweit. Dabei mag es dem einen oder anderen dann gehen wie Friedrich Nietzsche, der in einem Brief vom 26. Juni 1882 an Lou Salomé schrieb: „Spazierengehend und redend zu denken ist mir ein wahrer Genuß“.

Ein Reizklima vermag sich während des Denkens auszubilden und dies ist bekanntlich gesund, wird zur Gesundung im Falle von Atemwegserkrankungen häufig ärztlicherseits empfohlen. Stoffwechsel und Gesamtaktivität des menschlichen Körpers werden angeregt und das kann schließlich nur gut sein, in diesen seltsamen Zeiten, in dieser seltsamen Republik, in der ein Bundeskanzler Olaf Scholz das neue Dogma der Gesundheitsreligion verkündet: „Der Schutz der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürgern steht über allem“ (3). Über allem? Wie aber war das mit dem Grundgesetz? Wie war das ebendort mit der Würde des Menschen? Könnte Gesundheit nicht überhaupt anders verstanden werden, als die Abwesenheit einer einzigen Krankheit? „Über allem“ also?

Der Spaziergang geht seiner Unschuld verlustig

„Das denkt man nun aber auch nicht“, pflegte meine hochverehrte Gastwirtin des „Alten Moritz“ zu Erfurt in Situationen heißester Kontroversen als Korrektiv einzuwerfen. Ging es zum Ende der 1980er Jahre oft tatsächlich hitzig zu im real existierenden Sozialismus, rang man schließlich mit- oder gegeneinander um Positionen, suchte nach dem Für und Wider für Flucht oder Bleiben, für Plan- oder Marktwirtschaft.

„Das denkt man nun aber auch nicht“ ist nun aber in den gegenwärtigen Tagen vermehrt zu hören, beim Spaziergang und erzeugt einen politischen Reiz und eine Distanzierung vom gewöhnlichen Meinungsklima. Mancher Großkopferte zeigt sich verschreckt, hat dieser sich doch eben daran gewöhnt, so wunderbar ungehemmt, bevormunden zu können. Nicht zuletzt diese Bevormundung ist es, die das Gedankenkarussell des Spazierenden auf Touren bringt und zu Fragen herausfordert. Doch hier liegt dann auch die Crux. Klipp und klar sprach es Frank-Walter Steinmeier, das Staatsoberhaupt dieser „Bundesclownsrepublik“, so Ulf Poschardt, aus: „Der Spaziergang hat seine Unschuld verloren“ (4). Das sitzt und erzeugt beim Gehenden vielleicht einen Stolperer, denn er ist gemeint, er ist der „Extremist“, der „die Axt ans demokratische Urvertrauen“ legt.

Nicht jene sind es, die dieses „Urvertrauen“ durch unsägliche Verfügungen, Vorschriften, Gesetzesänderungen auslöschen, die mit Daten und Zahlen nach Beliebigkeit jonglieren und andere lieber der Öffentlichkeit gleich gänzlich vorenthalten. Nicht jene sind es, die im Parlament schwafeln: „Individuelle körperliche Unversehrtheit ist eine vulgäre Vorstellung von Freiheit“, so der Sozialdemokrat Helge Lindh am 26. Januar 2022, und jene erst recht nicht, die, wie der Christdemokrat Hendrik Wüst Ressentiments befriedigen und poltern: „wir lassen das nicht weiter zu, dass Menschen ihre individuelle Freiheit über die Freiheit der gesamten Gesellschaft stellen. Jetzt kümmern wir uns um die Nichtgeimpften und führen eine Impfpflicht ein“ (5).

Nein, es sind eben die Bürger, deren Denken sie dazu zwingt, weitestgehende Sorg- und Arglosigkeit gegenüber einlullenden Phrasen aufzugeben und bequemer Gewohnheit zu entsagen, die in den „Maßnahmen“ zur Eindämmung eines Virus vielmehr eine Eindämmung der Demokratie sehen. Es sind die Bürger, die nicht gewillt sind, auf den „gesunden Menschenverstand“ zu verzichten, wie die Friseurmeisterin in Erfurt etwa, denen das Nachdenken mit einem Überfall durch die Polizei gelohnt wird (6), im Namen der Gesundheit natürlich und immer „verhältnismäßig“.

Es sind die Bürger, die ihr Denken mit Recherche und Überprüfung füttern, die Konsequenzen beschreibt Friedrich Schiller im Jahre 1795: „Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Betrug ihren Thron erbauten“ (7). Nanu, nanu, nanu.

Nanu, nanu, nanu

Eben dieses „Nanu“ im Scherzlied „Ich ging einmal spazieren“, dieser Ausdruck der Verwunderung, macht Staunen. Hatte der Verfasser an eigene Erfahrungen aus politisch arg bewegter Zeit denken müssen? Sozialdemokraten und Kommunisten entdeckten ebenfalls den Spaziergang als Mittel des Austausches von Gedanken, Nachrichten, Gefühlen, Verschwörungstheorien, Gegenständen.

Ist die Geschichtsvergessenheit tatsächlich so weit vorangeschritten in diesem Land, dass man sich eigener politischer Methoden nicht mehr erinnert? Oder weiß man um die Qualität des Mittels, das Regierungswechsel erzwingt und sogar Staatszusammenbrüche evozierte? Fürchtet man also um die eigenen Pfründe, um das Verlorengehen der eigenen Saturiertheit? Auch die sich im Lied anschließende Frage an ein Gegenüber, mag er Freund oder Feind sein, impliziert ein Bewusstsein, nur „harmlos“ könnte das Spazieren nicht sein. Also: „Ich ging einmal spazieren, was sagst du denn dazu?“

Nichts Positives jedenfalls! So lässt es die frisch gekürte sozialdemokratische Bundesinnenministerin Nancy Faeser die Leute, egal ob kürzer oder länger hier lebend, im Lande wissen. Andere Mittel der Meinungsäußerung stünden doch zur Verfügung: „Man kann seine Meinung auch kundtun, ohne sich gleichzeitig an vielen Orten zu versammeln“ (8), zwitschert die Frau Minister. Sie verrät allerdings nichts über das logistische Problem, wie es wohl gelingen mag, sich gleichzeitig an mehreren Orten zu versammeln.

Sicher, „seine Meinung“ darf man per Brief oder via E-Mail schon kundtun, die Antwort allerdings bleibt aus oder ist phraseologisches Fertigprodukt. Dem einen oder anderen mag es auch gelingen, seine Meinung kundzutun, etwa mit einem Leserbrief, dann aber ist’s auch genug, zu Edelfedermedien ist kein Vordringen mit einem eigenen Beitrag und in Talkshows braucht es den Bürger schon gar nicht, da redet unablässig Karl der Verwirrte. Diese Form der Kommunikation bleibt somit einseitig und ist nicht hilfreich. Die aufgeworfenen Fragen, die zahlreich sind und sich täglich – angesichts der Widersprüche – mehren, bedürfen endlich der Antwort.

Nichts Positives hat auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu einem gedankenintensiven und gesprächsanregenden Spaziergang zu bemerken. Vielmehr sieht Thomas Haldenwang „eine neue Szene von Staatsfeinden“, und weiter wird er faseln: „Sie lehnen unser demokratisches Staatswesen grundlegend ab“, keine „ideologische Klammer“ ist auszumachen — wie vielversprechend, würde weitgehend tatsächlich ideologiekritisch gedacht! —, allein „die Verachtung des demokratischen Rechtsstaates und seiner Repräsentanten“ wird ihm sichtbar (9).

Wovon zeugt aber eigentlich die geistige Verfassung des obersten Verfassungsschützers dieses Landes, wenn er jene Bürger verdächtigt, die von ihrem verfassungsrechtlich verbrieften Recht zum Spaziergang wie zur Demonstration und der freien Meinungsäußerung Gebrauch machen, wenn er sie terroristisch-extremistischer Umtriebe zeiht und sie zu Staatsfeinden stempelt und dies allein, weil diese Bürger Fragen haben und sich auf Antwortsuche begeben?

Ganz nah ist er somit beim Bundespräsidenten, dem „sogenannte Spaziergänger“ allenfalls „Verachtung für staatliche Institutionen“ zeigen. „Institutionen? Wer ist gemeint? Politiker? Nichtlegitimierte Entscheidungsgremien wie Ministerpräsidentenrunden, willfährige Wissenschaftler oder Ethikräte?“, fragte unlängst Cora Stephan (10) und thematisiert einige Fragen der Spazierengehenden. Fragen, die sich auch Bürger im Städtchen Neubrandenburg stellen.

„Drinnen“ — im Haus der Kultur und Bildung — „77 Kommunalpolitiker, draußen 1.700 Bürger mit Fragen an die Kommunalpolitik. Passte perfekt …“, bemerkt Simone Schamann vom Nordkurier in ihrem Bericht — doch nur um festzustellen: „zum Austausch kam es aber nicht … Da auch die sonst übliche Bürger-Fragerunde der Kreistagssitzung gestrichen worden war, hatten Demo-Repräsentanten ihre Fragen zu geplanter Impfpflicht für Gesundheitspersonal, Corona-Maßnahmen und eingeschränkten Grundrechten schriftlich formuliert“, heißt es weiter und ebenso ernüchtert: „Antworten gab es keine“ (11). Es bleibt somit nur zu fragen: Wer verachtet hier wen? Nanu, nanu, nanu.

Schlagfertige Argumentation

Fragen bedürfen der Antwort(en). Selbstverständlicher Usus in einer „lebendigen Demokratie“. Mancher Politiker wünscht sich deshalb auch eine gewisse Schlagfertigkeit.

Diese Schlagfertigkeit will er neuerdings jedoch nicht auf das Argument bezogen wissen. Die Schlagfertigkeit der Polizei ist da willkommener.

In Thüringen sind es besonders zwei, — von den Wählern des Landes längst abgewählte — Politiker, die sich mit ihrem Geschrei nach der Schlagkraft besonders hervortun, sich dabei nicht entblöden, Bürger vorzuschieben, die in Rage darüber seien, „wenn Regeln vorgeschrieben würden, aber das Gefühl entstehe, dass deren Einhaltung nicht kontrolliert werde“ (12), so tönt die sogenannte Gesundheitsministerin Heike Werner. Freilich, was wäre Deutschland ohne seine Denunzianten? Jedoch: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Wäre es im dritten Jahr der tödlichsten Pandemie aller Zeiten nicht doch bei den politischen Akteuren endlich angebracht, zuzuhören? Schließlich verwundert es in jeder Woche mehr und mehr Spaziergänger, in einem Land zu leben, in dem der ehemalige Bundesgesundheitsminister festhielt, es sei fehlerhaft gewesen, den Einzelhandel zu schließen … die nächste Schließung jedoch nur wenige Wochen auf sich warten ließ. Auch an geschlossenen Grenzen ließe sich ein Virus nicht aufhalten … bald darauf waren die Grenzen dicht, das Problem der Flüchtlinge und der offenen Grenzen sei hier gar nicht erst bedacht. Ein Staatsvirologe betont, Masken können eine Pandemie nicht aufhalten … nicht lange und bis hin zu den Grundschülern wurde die Bakterien-, Pilz- und Virenschleuder aufgezogen.

Der neue, auf dem Stuhl des Bundesgesundheitsministers Sitzende, wusste noch als Abgeordneter 2021 im Parlament: „Eine Impfpflicht macht bei Sars-CoV-2 so wenig Sinn wie bei Grippe. Wenn die Impfung gut wirkt, wird sie auch freiwillig gemacht. Dann ist keine Impfpflicht nötig. Wenn sie viele Nebenwirkungen hat oder nicht so gut wirkt, verbietet sich die Impfpflicht“ (13). Doch nun?

„Wir sind ein Witz geworden, ein schlechter, ein grausamer“, schrieb Ulf Poschardt in der Welt am 28. Januar 2022. Und weil es grausam ist, lacht man nicht mehr in dieser „Bundesclownsrepublik“. Die Clowns dieses neuen Deutschland sind tatsächlich nicht lustig, rekrutiert nach Geschlecht, Parteibuch und Herkunft. Kompetenz hingegen feiert ihre Abwesenheit bei sehr vielen. Es träumt und fantasiert der eine vielleicht noch, doch auch die Inhalte von Traum und Fantasie sind jämmerlich verkommen und reduziert auf Gleichheit und Gesundheit. Nanu, nanu, nanu.

Für ein zwerchfellerschütterndes Lachen und anhaltendes Schenkelklopfen sorgte hingegen Loriot in Ödipussi mit der Bemerkung: „… ich bewundere an Politikern ganz allgemein diese geistige und menschliche Überlegenheit!“ Man lachte darüber gemeinsam im damals noch gespaltenen Deutschland. Gegenwärtig wird von der jüngeren Generation offenbar dieser Satz bitterernst genommen, alle Ironie ist gewichen und macht Platz einer neuen Staatsgläubigkeit und -religion.

Man zeigt sich fasziniert — wie immer wieder in der Geschichte — von staatlicher Gewalt, die sich mit dem Licht des Guten ummantelt. Führungsstärke wird ihre Gewalttätigkeit geheißen und so kommt der vermeintlich starke, wissende und gute politische Akteur auch schlecht nur aus seiner Rolle heraus.

Die Tatsachenverdrehung ist der Politik probates Mittel und so behauptet man eben eine Zunahme von „Aggressivität und Gewalt“ durch die mit Kerzen, Rosenkränzen, bestenfalls Nordic Walking Stöcken „bewaffneten“ Spaziergänger.

Einen eindrucksvollen Beleg lieferte unlängst wieder, der längst ohne Wählerlegitimation agierende Thüringer Innenminister, Georg Maier, im Übrigen zugleich Landesvorsitzender einer dem Bürger gegenüber ansonsten recht schweigsamen Sozialdemokratie. Ist es gar möglich, dass bei fast allen Parteien, die in Bund und Land agieren, die Parteispitzen breiter als die Parteibasen sind und es schon deshalb innerhalb der Parteien keine Diskussionen und keinen Meinungsaustausch mehr gibt oder überhaupt geben kann?

„Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!“, rief seinerzeit der Sozialdemokrat Gustav Noske (14), der Deutschlandfunk zeigt sich beeindruckt und nennt ihn im Rückblick den „überforderten Krisenmanager“ (15).

Zählen zu diesen überforderten Krisenmanagern dann bald auch die Stadtoberhäupter von Ulm und Ostfildern? So liest man in der Augsburger Allgemeinen: „Um sicherzustellen, dass die Maskenpflicht eingehalten wird, droht die Stadt Ulm die Anwendung unmittelbaren Zwangs, also die Einwirkung auf Personen durch einfache körperliche Gewalt … oder Waffengebrauch an“ (16).

Ähnlich liest es sich in der Allgemeinverfügung der Stadt Ostfildern, zu ersetzen ist hier lediglich das „Versammlungsverbot“ anstelle der „Maskenpflicht“. „Dies ist nach Abwägung der gegenüberstehenden Interessen verhältnismäßig“ und letztlich: „Die Formulierungen, die wir verwendet haben, sind ganz normales Verwaltungsdeutsch“, so beschwichtigt der Sozialdemokrat und Oberbürgermeister Christof Bolay (17). Das ist beruhigend oder trefflich mit Nietzsche formuliert: „Der Irrsinn ist selten bei Einzelnen — aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel“ (18). Nanu, nanu, nanu.

Das rechte Fragen

Der Spaziergänger wird vom Thüringischen Innenminister Maier der Geistlosigkeit verdächtigt, gleich einem Kinde, ist er deshalb staatlich zu betreuen. „Die Menschen schließen sich scheinbar gedankenlos diesen Rechtsextremisten an“, denn auch das ist ihm erwiesen, „die Demonstrationen seien aus dem Bereich des Rechtsextremismus initiiert“ (19).

Allerdings bleibt er die Antwort schuldig, was unter „rechts“ denn überhaupt zu verstehen sei. Genügt der Definitionsversuch von Konrad Adam aus dem Jahre 2015 noch immer, für den es viel Beifall gab, jedoch in der falschen Partei: „Als rechts gilt heute, wer einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Kinder pünktlich zur Schule schickt und der Ansicht ist, dass sich der Unterschied von Mann und Frau mit bloßem Auge erkennen lässt“?

Auch wüsste man doch gerne etwas über den Extremismus der Spaziergänger, die eben nicht grölend, randalierend und johlend durch die Städte ziehen, sondern sich angeregt im Gedankenaustausch befinden.

Es sind ja eben letztlich die Fragen, die umtreiben. Fragen nach den Hospitalisierungs- und Verstorbenenzahlen, ob da alle Infizierten erfasst seien, möchte man wissen und harrt der Begründung, warum eventuell alle positiv Getesteten gezählt würden. Gern wüsste man: Wo war Corona ursächlich für das Ableben? Warum gab es keine Besorgnis über die zahlreich Verstorbenen der letzten Grippewellen?

Wo liegt die Sinnhaftigkeit der Maskenpflicht, speziell der FFP2-Maske? Wie verhält es sich hinsichtlich der Risikoreduktion einer Ansteckung durch die propagierte „Impfung“. Wie hoch ist sie nach der ersten, zweiten, dritten … Einspritzung? Sollte nicht endlich auch geantwortet werden darauf, wie es überhaupt um das Risiko von Infektion, Erkrankung und Übertragung steht, wenn man in den Genuss der Wohltatsverteilung „Schutzimpfung“ kam?

Wissenschaftler kommen inzwischen häufiger zu der Erkenntnis, dass auch geimpfte Menschen sich mit Sars-CoV-2 infizieren, dann erkranken und das Virus übertragen können. Wie steht es zudem um die Nebenwirkungen der gepriesenen Einspritzung? Überhaupt aber stellt sich die Frage: Warum sollte ich mein natürliches Abwehrsystem, mein Immunsystem, durch einen mehr als zweifelhaften Impfstoff zerstören lassen? Wird man weiter abgebügelt, wie der AfD-Politiker, der am 12. Januar 2022 im Bundestag Kanzler Olaf Scholz diese Frage stellte?

Eine sachliche Frage ist es doch wohl, sollte man annehmen, sollte man vor allem annehmen hinsichtlich einer diskutierten Impfpflicht mit Stoffen, die noch immer nur eine Notzulassung besitzen. Olaf Scholz, der Respektvolle (20), gab sich artig:

„Vielen Dank für Ihre Frage, aber ausdrücklich nicht für die Intention dahinter … Sie verwirren die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, aber das Gute ist, dass Sie damit keinen Erfolg haben.“

Doch wäre nicht da schon wieder in die Parade zu fahren? Denn der Respektvolle äußerte doch selbst: „50 Millionen sind jetzt zweimal geimpft. Wir waren ja alle die Versuchskaninchen für diejenigen, die bisher abgewartet haben“ (21). Nun aber verwirrt er selbst und teilt dem Parlament mit: „Ich teile Ihre komische Diskussion nicht.“

Wundert man sich da tatsächlich und kann es à la Maier „nicht verstehen“, wenn dem „klassischen“ Bürger die berühmte Hutschnur hochgeht und er sich zunehmend zu einem infantilisierten Subjekt staatlicher Betreuung degradiert empfindet, der vor feindlichen Einflüsterungen und Elementen abzuschirmen ist?

„Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt“ — wird es so bald wieder unverblümt heißen, wie noch am 2. Oktober 1989 im Neuen Deutschland? So manche Ampel mahnt den städtischen Spaziergänger — habe Acht, es gilt nur eine kurze Rot-Grün-Phase! Könnte dies nicht eine hervorragende Anregung auch für eine sehr verkürzte grüne politische Phase sein? Vielleicht könnte auch das Modell des Runden Tisches wiederbelebt werden, denn es wird viel zu reparieren sein in diesem Land; sich darüber zu verständigen, geben gemeinsame Spaziergänge Gelegenheit. Nutzen wir sie!

Mit Friedrich Schiller ist politischer Arroganz und Ignoranz zuzurufen: „Geist verbreitet sich schnell über die fremdere Flur! … Näher gerückt ist der Mensch an den Menschen. Enger wird um ihn, / Reger erwacht, es umwälzt rascher sich in ihm die Welt. / Sieh, da entbrennen in feurigem Kampf die eifernden Kräfte, / Großes wirket ihr Streit, größeres wirket ihr Bund“ (22). Vielleicht ist gelegentlich während des Flanierens überdies innezuhalten und ein fröhlich, stolzes Lied anzustimmen. Nicht umsonst schrieb August Heinrich Hoffmann von Fallersleben uns Deutschen ins Stammbuch, damit wir uns des Unterpfandes fürs Leben erinnern:

Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe, deutsches Vaterland!

Erinnern wir uns also?! Und fragen gleich unseren Nachbarn: Gehst Du noch oder spazierst Du schon? — Nanu, nanu, nanu …


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rnd.de/politik/corona-lauterbach-zu-verkuerzten-genesenenstatus-minister-tut-ahnungslos-SDGRFELQYZHOTFXHPPIDXO4DPQ.html
(2) Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe, Bd. 4, München, 1988, S. 360
(3) https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Interviews/2021/2021-12-02-zeit.html
(4) https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2022/01/220124-Hass-Gewalt-Pandemie.html
(5) https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/hendrik-wuest-individuelle-freiheit-nicht-ueber-die-freiheit-der-allgemeinheit-stellen/. Nochmals sei darauf verwiesen, das Christ und Demokrat naturgemäß ein Gegensatzpaar bilden und der Christdemokrat ein Widerspruch in sich ist.
(6) https://www.bild.de/bild-plus/regional/thueringen/thueringen-aktuell/erfurt-polizeieinsatz-im-friseursalon-von-corona-rebellin-79011468.bild.html?wtmc=whtspp-shr
(7) Achter Brief: https://www.projekt-gutenberg.org/schiller/aesterz/aesterz2.html
(8) https://mobile.twitter.com/nancyfaeser/status/1483846734962958346
(9) https://www.zeit.de/news/2022-01/15/haldenwang-bei-protesten-neue-szene-von-staatsfeinden?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F
(10)  https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/stephans-spitzen/bundespraesident-steinmeier-vergifteter-stachel/
(11)  https://www.nordkurier.de/politik-und-wirtschaft-neubrandenburg/von-politikern-die-buerger-ghosten-0146964802.html
(12)  https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/corona-regeln-verordnung-polizei-kontrollen-100.html
(13)  https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/die-wachsende-verwirrung-des-karl-lauterbach/
(14) Gustav Noske: Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der deutschen Revolution. Berlin 1920, S. 68.
(15)  https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-ueberforderte-krisenmanager-bluthund-gustav-noske-magazin-dlf-kultur-c093bd7f-100.html
(16)  https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/ulm-schiessbefehl-wegen-maskenpflicht-stadt-ulm-und-polizei-aeussern-sich-zur-allgemeinverfuegung-id61652306-amp.html
(17)  https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/ostfildern-kein-schiessbefehl-bei-coronademo-100.html
(18) Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe, Bd. 10, München, 1988, S. 72
(19)  https://www-mdr-de.cdn.ampproject.org/v/s/www.mdr.de/nachrichten/thueringen/corona-demo-polizei-maier-protest-100~amp.html?amp_gsa=1&amp_js_v=a8&usqp=mq331AQIKAGwASCAAgM%3D
(20) „Respekt“ schlug einem mit dem Konterfei des Olaf Scholz auf den Plakaten zur letzten Bundestagswahl entgegen. Wem Respekt zu zollen sei, blieb dabei völlig irrelevant. Ein Wahlplakat eben!
(21)  https://www.bz-berlin.de/deutschland/scholz-zur-corona-impfung-millionen-deutsche-nur-versuchskaninchen
(22) https://de.m.wikisource.org/wiki/Der_Spaziergang_(Friedrich_Schiller)