Wird die Menschheit immer klüger? Das ist zu bezweifeln. Dennoch interessiert sich kaum jemand für die Geschichte der Dummheit. Zeit für eine Spurensuche.

Ab dem Spätmittelalter stand der Narr für die Gottlosigkeit und den Tod.

Bild nicht übernehmbar Philips Galle, Kopf eines Narren zur Fastnacht, um 1560

 

Im Frühsommer 1919 steht der amerikanische Automobil-Tycoon Henry Ford vor Gericht. Nicht etwa um sein berühmtes Auto geht es, das Ford Model T, sondern um ein Editorial, das in der Chicago Tribune erschienen ist. Als «ignoranten Idealisten» und als «anarchistischen Feind der Nation» hat die Redaktion Ford bezeichnet. Ford hat die Zeitung darauf wegen Verleumdung verklagt. Die Aufgabe ihres Verteidigers: zu beweisen, dass Ford tatsächlich ein ignoranter Idealist ist, man also nicht von übler Nachrede sprechen könne. Die Sache ist leichter als gedacht.

Ford legt während der Befragung Zeugnis ab von einer überwältigenden Unwissenheit. Er kann weder sagen, wann die amerikanische Revolution stattgefunden hat, noch, was Chili con Carne ist, und ist offensichtlich mit den einfachsten Grundprinzipien des amerikanischen Staatswesens nicht vertraut. «Ich gebe zu, dass ich über die meisten Dinge nichts weiss», meint er schliesslich. Ob er einverstanden wäre, einen kleinen Auszug aus einem Buch vorzulesen, fragt ihn der Verteidiger der Chicago Tribune, oder ob er es vorziehe, hier den Eindruck zu ­hinterlassen, dass er möglicherweise Analphabet sei? «Ja, Sie können das so stehen lassen», meint Ford. Er sei kein schneller Leser und würde es vermasseln.

War Henry Ford, aus dessen Fabrik eine der grössten technologischen Neuerungen der Moderne kam, dumm? Oder war er einfach nur unglaublich ungebildet? Darüber streiten sich seine Biografen bis heute.

Der Geschichtsschreibung kann das grundsätzlich egal sein. Die fordistische Massenproduktion setzte sich durch, Dummheit hin oder her. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig wir uns mit der Dummheit beschäftigen. Akademisch gebildete Historikerinnen und Historiker machen einen grossen Bogen um sie, aus gutem Grund: Über die Dummheit anderer zu urteilen, ist ein anmassendes Unterfangen, und ein normatives dazu. Woher nähmen wir denn den Massstab? Aber auch die populäre Geschichtsschreibung hält sich lieber an die Anstreng­ungen, die die Menschheit unternahm, um materiell und geistig voranzukommen.

Wenn der Mensch seine Geschichte schreibe, meint der Physiker Emil Kowalski in seinem Buch Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte, «so ist es eine Er­zählung vom wachsenden Wissensschatz, von der Zunahme seiner Kenntnisse und Erfahrungen, seiner kognitiven Fähigkeiten, der von ihm gefundenen Problemlösungen. Er betet seine Genies an, die Geistesgiganten der Kunst, der Wissenschaft, die Heroen der Politik» – Geschichte als Erbauungsliteratur. Der Gedanke, dass der Lauf der Dinge, ja dass alles, was uns lieb und wichtig ist, von den Entscheidungen von Dummen abhängen könnte, ist den meisten unerträglich. Sämtliche Institutionen unserer modernen Gesellschaften basieren auf der Idee der Vernunft.

In modernen Demokratien stimmen vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen ab, das zumindest ist die Theorie. Vernünftige Individuen treffen vernünftige Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen und halten so die vernunftbasierteste aller Wirtschaftsformen am Laufen: den sich selbst regulierenden Kapitalismus. Es gibt eine allgemeine Schulpflicht, Fördermassnahmen für Hochbegabte und Stützunterricht für Minderbegabte. Medien leisten Aufklärungsarbeit. Im Strafrecht ist die Zurechnungsfähigkeit massgebend für die Schuldfähigkeit.

Und für die pathologischen Ausprägungen der Dummheit – die realen kognitiven Beeinträchtigungen und den Wahnsinn – sind je eigene professionelle Einrichtungen zuständig. Wir haben, so scheint es, das Dummheitsrisiko mit Vollkasko abgesichert. Ja, wir halten uns gern für so überaus vernünftig, dass wir über unsere Vorfahren lachen, die noch nicht so gescheit waren wie wir. Die bei ihren Flugversuchen mit Holzflügeln von Kirchtürmen sprangen, der Schwerkraft folgend direkt in den Tod. Die mit schlechter Ausrüstung in hoffnungslose Kriege zogen. Die Amerika für Indien hielten. Heute wissen wir alles besser.

Ein Konzept im Wandel der Zeit

Schaut man auf die lange Geschichte der Dummheit, muss jedoch die Unschuldsvermutung gelten: Insgesamt hat die Dummheit über die Jahrhunderte, so unsere Hypothese, weder zu- noch abgenommen. Verändert haben sich lediglich die Begriffe, mit denen sie bezeichnet wird, die Orte, an denen sie vermutet wird, die Massnahmen, die gegen sie ergriffen wurden. Wer die Geschichte der Dummheit schreiben will, muss also jede Arroganz fallen lassen. Nicht die Dummen der Vergangenheit gilt es ausfindig zu machen und zu beschreiben, sondern den Umgang früherer Gesellschaften mit der Dummheit: Mit welchen Begriffen, Verfahren und Techniken hat man sie benannt, beurteilt und bekämpft? Wann wurde sie zu einem Problem, wann hielt man sie für besiegt, und wo tauchte sie unerwartet wieder auf?

Die alten Griechen hatten für das, was wir als «dumm» bezeichnen, kein Wort. Sie kannten die Kulturlosigkeit der Bildungsfernen (apaideusia) und die Unvernunft im Sinne eines fehlenden Urteilsvermögens (aphronesis). Naive und unwissende Leute waren «unmündig», «kindlich» (nepios). Beim Dichter Aristophanes taucht die Figur des Schwachsinnigen auf (moros) und bei Aristoteles ein ungehobelter, sturer Lümmel mit einem Hang zum Exzess: der agroikos. Er lebte auf dem Land, wie der heutige agriculteur, da, wo die feinen Manieren der Städter nie angekommen sind. Auf all diese Figuren schaute der Athener herab, aber «dumm» in unserem modernen Verständnis waren sie nicht.

Und dann kannten die Griechen noch den idiotes – den Idioten. Nicht etwa ein Schwachkopf war er, diese Bedeutung bekam der Begriff erst im 19. Jahrhundert. Er lässt sich am ehesten mit «Privatperson» übersetzen. Der idiotes war von den öffentlich-politischen Angelegenheiten des Stadtstaats ausgeschlossen und nahm keine Ämter wahr. Er lebte und wirtschaftete für sich selbst. Im Militär war er ein einfacher Soldat ohne Befehlsgewalt, im Handwerk ein Laie. Der Begriff an sich war ursprünglich nicht wertend. Für den griechischen Schriftsteller Plutarch aber bedeutete ein Leben als idiotes gesellschaftliche und politische Minderwertigkeit: Der Idiot war das Gegenteil des Bürgers (polites), und der war in der attischen Demokratie das Mass aller Dinge. Unterhalb des Idioten gab es nur noch die Frauen und die Sklaven.

Auch im christlichen Mittelalter war die Dummheit nicht im heutigen Sinn einer mangelnden intellektuellen Begabung relevant. Die entscheidende Frage war nicht eine Frage von Intelligenz und Dummheit, sondern von Tugend und Laster. Gott war das Mass aller Dinge, seine Werke waren unergründlich, aber immer weise. Dumm war, wer nicht nach Gottes Gebot lebte. «Seht, die Furcht vor dem Herrn, das ist Weisheit, das Meiden des Bösen ist Einsicht», heisst es im Alten Testament. Der Kluge war folgsam und gottesfürchtig, der Dumme war ein Sünder. Wobei nicht alle die gleichen Startbedingungen hatten: Als sündig sah man im frühen Christentum vorab die Reichen und Gelehrten an. Sie hätten sich vom einfachen, urtümlichen Leben entfernt – und damit auch von Gott.

So wurde der idiotes, auf den die Griechen herabgeschaut hatten, im Mittelalter zum Idealtypus des guten Gläubigen. Der schlichte, wenig gebildete Mensch und der Laie im kirchenrechtlichen Sinn – sie waren von Natur aus rechtschaffen, ihnen fiel der Glaube leicht. Nicht zufällig stammte Jesus aus einer Handwerkerfamilie. Seine ersten Schüler rekrutierte er aus Fischern und Zöllnern, sie lebten mit dem einfachen Volk, unter Armen und Kranken.

 

Das Narrenfest nach Pieter Bruegel dem Älteren, gestochen von Pieter van der Heyden, nach 1570.

Getty Images

 

Wissen, Macht, Reichtum, Sünde und Dummheit gingen im christlichen Mittelalter also eine enge Beziehung ein. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Persiflage: Im Spätmittelalter wurde die Dummheit zum Fest. Der niedere Klerus hielt Narrenmessen und Narrenfeste ab, frivole Parodien auf die heilige Messe der Kirche. Das heidnische Spiel wurde zur ritualisierten Flucht vor den Pflichten des bäuerlichen und klösterlichen Alltags.

Durch Rollentausch wurden die Hierarchien umgekehrt: Einfache Subdiakone und Messdiener übernahmen den Part von Bischöfen und Priestern, wendeten die Riten ins Absurde, trieben Schabernack mit dem Weihwasser und parodierten die Heilige Schrift. Jeweils Mitte Januar fand die Eselsmesse statt. Seit dem Altertum stand der Esel für den Phallus und die Fruchtbarkeit, die Eselsmessen waren eine Art Karneval mit erotischen Elementen, bei dem die Geistlichen Tierkostüme trugen und dem Segen des Narrenbischofs mit Tierlauten antworteten.

«Die Kirche hat diese Unsitte nie gutgeheissen, im Gegenteil, sobald man erkannte, dass sie Unordnung stiftete, taten die Bischöfe ihr Möglichstes, um sie zu unterbinden», schrieb der französische Gelehrte Jean Baptiste Lucotte Du Tillot 1741 in seiner Geschichte des Narrenfests (Mémoires pour servir à l’histoire de la fête des foux). Mit Konzilsbeschlüssen, mit dem Verbot von Gaukleraufführungen und profanen Tänzen habe man versucht, dem Treiben beizukommen; vergeblich.

Erst im Zuge von Reformation und Gegenreformation verschwand diese Welt zusehends, aus der der Dichter Rabelais im frühen 16. Jahrhundert noch seine Figuren geformt hatte – mit Ironie und Doppelbödigkeit, mit satirischen Seitenhieben und burlesken Anekdoten, immer im Bemühen, in einer Zeit zunehmender konfessioneller Polarisierung Zensur und Bestrafung zu entgehen. In der Frühen Neuzeit begannen sich die Dinge zu wandeln. Dummheit war nun nicht mehr durchwegs identisch mit Gottlosigkeit. Und die frei herumlaufenden «Narren» wurden zum Problem.

Aufs Narrenschiff und an den Königshof

In Europa wurden vagabundierende Irre aus den Städten vertrieben, unter anderem, indem man sie auf Schiffe setzte und flussabwärts schickte. Man entwickelte ein «kritisches Bewusstsein des Wahnsinns», wie Michel Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft schreibt, man drängte die «tragischen Gestalten» aus der Gesellschaft zurück, ohne sie auszulöschen. Gleichzeitig wurde die Dummheit neu codiert. Der Elsässer Jurist und Schriftsteller Sebastian Brant ist typisch für diesen Übergang.

Sein 1494 veröffentlichtes Werk Das Narrenschiff stand einerseits noch in der christlichen Tradition der Dummheit als Laster: Die Gelehrten sind bei ihm überhebliche Narren, die zuletzt zu «Lucifer jnns hellenloch» stürzen werden. Auch die Ketzer, Heiden, Gotteslästerer und Mörder sind unrettbar verloren. Gleichzeitig greift Brandt das Motiv der Schiffsreise als Lebensreise auf; seit der Antike eine Metapher für die Selbsterfahrung des Dichters. Der Weg zur Weisheit führt bei ihm nicht mehr über die Frömmigkeit, sondern über seinen «fründ Vergilium», den römischen Dichter Vergil – das heisst über die Vernunft.

 

Der Mensch nimmt über seine Sinne die Welt wahr (unterster Kreis), bildet sich daraus Vorstellungen (mittlerer Kreis) und erkennt so Gott. Illustration in Robert Fludd: Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia, 1617. (Nachstich, vermutlich von Matthäus Merian d. Ä.)

Kustodie der Universität Leipzig, Karin Kranich

 

In dem Moment, als die menschliche Vernunft als erstrebenswertes Gut am Horizont auftauchte, veränderte sich für die Dummheit alles. Im 16. Jahrhundert entstand eine neue Form des skeptischen Denkens, das ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zur Dummheit entwickelte. Eröffneten sich unter ihrem Deckmantel nicht Möglichkeiten subversiver Autonomie?

 1511 publizierte Erasmus von Rotterdam sein Lob der Torheit. Er lässt die Dummheit selbst zu Wort kommen: «Was auch immer der grosse Haufen von mir sagt», meint sie, «ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können.» Es gebe ein Recht auf Dummheit, ja in vielen Lebenslagen sei sie wünschenswert und angebracht. «Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft? Schätzt man nicht gerade den Mangel an Verstand am meisten an jenem Alter? Hasst und verabscheut nicht jeder ein frühreifes Kind wie eine Missgeburt?» Keine Ehe ohne Unbesonnenheit, keine nochmalige Geburt mit ihren Schmerzen ohne Vergesslichkeit, keine neue Erkenntnis ohne Leidenschaft.

Wer von sich behauptet, in allen Dingen weise zu handeln, ist als Dummer bereits entlarvt, er ist nach dem Humanisten ein morosophos, ein «Töricht-Weiser». Das Einzige, was man erlangen könne, sei ein gewisser Grad an Selbsteinsicht. So sah es auch Michel de Montaigne: «Die Dummheit ist eine böse Eigenschaft», schrieb er in seinen Essais. «Aber sie nicht ertragen können, sich darüber aufregen und ärgern, ist eine Krankheit anderer Art, die der Dummheit nichts nachgibt und die gerade so unleidlich ist.»

Der kluge Narr und der einfältige Weise – sie wurden im Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung zu einem wiederkehrenden Motiv. Ob in Miguel de Cervantes Don Quijote (1605–1615), Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) oder Denis Diderots Jacques le fataliste et son maître (1776): Der Ungebildete und der Naturmensch können zu höherer Einsicht gelangen, während die selbstgewisse Herrschaft mangels Selbstkritik ihre eigene Unwissenheit nicht erkennt.

Am Hof wurden seit längerem Hofnarren gehalten, die keineswegs dumm waren, sondern den adligen Damen und Herren mit Scharfsinn und Witz einen Spiegel vorhielten. Die Monarchen konnten sich die intelligenten Narren leisten, weil ihre Autorität durch die ständische Ordnung gesichert war. Nur wer die eigene Macht nicht für unumstösslich hält, muss Kritiker fernhalten.

 

Der Hofnarr: Stich nach einem Gemälde von Albert-Anatole-Martin-Ernest Lambron des Piltières, 1875.

Getty Images

 

Mit dem Aufstieg des Bürgertums geriet diese Ordnung ins Wanken. Neben die Fürsten traten neureiche Bürger – Herren allein kraft ihres Geldes. Ihnen wurde der Narr gefährlich: Eine Autorität, die sich nur auf Reichtümer und erworbenes Wissen stützt, ist angreifbar. Gleichzeitig rüttelten Philosophen im 18. Jahrhundert wie nie zuvor am Dogma göttlicher Weisheit und Allmacht.

Nicht mehr die Atheisten waren für sie die grössten Sünder und Dummen, denn sie hatten in der Regel eine Ethik; für wirklich dumm hielten sie die Devoten und blind Gottesfürchtigen, die sich das eigene Denken versagten. Der katholische Priester Jean Meslier, der in den 1720er Jahren im Geheimen an seinen tausendseitigen Mémoires schrieb, erklärte die Religionen und überhaupt alles, «was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird», als «Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug». Damit geriet auch die durch Gottes Gnaden legitimierte Macht von König und Klerus unter Beschuss.

Paul-Henri Thiry d’Holbach schrieb in seinem 1766 unter Pseudonym erschienenen Werk Le christianisme dévoilé (Das entschleierte Christentum): «Keine gute Regierung kann sich auf einen despotischen Gott gründen; sie wird ihre Repräsentanten stets zu Tyrannen machen.»

Der Gemeinwille soll es richten

Gerade die Dummheit wurde für die Auf­klärer aber zum Problem. Sie griffen zwar die despotischen Mächtigen an, aber kamen in ein Dilemma, wenn es um die Frage ging, auf wen deren Macht denn übertragen werden sollte. Wie war ein republikanischer Staat zu organisieren, wenn man davon ausgehen musste, dass ein Grossteil der Bürger unwissend, ja vielleicht sogar dumm war?

Gerade Holbach war skeptisch. «Um Menschen, um tugendhafte Staatsbürger zu bilden», schrieb er, «muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernünftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.» Das konnte Jahrhunderte dauern. Voltaire war noch skeptischer. Er hielt die Religion nach wie vor für wichtig, als Opium fürs Volk. Regieren solle eine Elite von Aufgeklärten.

Überhaupt, wer garantierte, dass Bildung gegen die Dummheit half und sie nicht im Gegenteil erst förderte? «Der Mensch wird unwissend geboren: Er kommt aber nicht dumm auf die Welt und wird es auch nicht ohne Anstrengung», schrieb Claude-Adrien Helvétius in seinem Buch Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung(erschienen 1774, vier Jahre nach seinem Tod). Um dumm zu werden, um so weit zu kommen, dass auch noch der natürliche Verstand erstickt werde, seien «Kunst und Methode» nötig: «Der Unterricht muss in uns Irrtümer über Irrtümer aufgehäuft haben; und durch vielfältige Lektüre müssen wir erst unsere Vorurteile vervielfältigt haben.»

Helvétius liess keinen Zweifel daran, dass er diese Erziehungsform im vorrevolutionären Frankreich an der Tagesordnung sah. «Das gute Buch ist fast überall das verbotene Buch. Geist und Vernunft regen seine Veröffentlichung an, aber die Bigotterie wehrt sich; sie will das Universum beherrschen, also ist sie an der Ausbreitung der Dummheit interessiert.» Besser also, unwissend zu bleiben, als von den Mächtigen zur Dummheit erzogen zu werden!

Mit der Französischen Revolution wurden solche Zweifel hinweggefegt. Ziel der Jakobiner um Maximilien Robespierre, die nach 1793 den Ton angaben, war es, die Dummheit notfalls mit der Guillotine auszurotten. Sie beriefen sich auf Jean-Jacques Rousseau, gemäss dem der Gemeinwille – die volonté générale – unfehlbar war und absolut galt. Nicht nur Royalisten und Aristokraten wurden während der Schreckensherrschaft ohne Zaudern hingerichtet, auch die ältere Generation skeptischer Philosophen und Staatsrechtler sowie ehemalige Weggefährten, die mit dem politischen Stil nicht mehr einverstanden waren, wurden vertrieben oder getötet.

Erstmals zeigte sich damals mit aller Deutlichkeit, dass das Ausrotten der Dummheit im Namen höherer Ideale ein schrecklicher Gewaltakt sein kann. Rousseaus Contrat social hatte stark transzendentale Züge: Keine Ambivalenz gab es in diesem Werk, kein Zaudern, keinen Platz für Kritik. Rousseau berief sich auf eine letztgültige «natürliche Ordnung», die zur politischen Ordnung werden sollte.

Alles Individuelle wurde bei ihm ausgelöscht. Persönliche Interessen, die den Interessen des neuen Souveräns widersprachen, waren nicht nur unnötig, sondern eine Gefahr: Der Gesellschaftsvertrag forderte «die völlige Entäusserung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes». Im Zweifelsfall sollten die einzelnen Mitglieder von der Gemeinschaft zum Gemeinwillen gezwungen werden.

Was auf den ersten Blick radikal demokratisch und integrierend daherkam, war in Tat und Wahrheit auf den weissen Mann als staatstragenden Bürger zugeschnitten. Von Natur aus gebe es zwar keine Hierarchie zwischen den Menschen, jeder Mensch sei gleich frei und dem gleichen Recht unterworfen, so Rousseau, der sich dezidiert gegen die Sklaverei aussprach. Hingegen gebe es natürliche Autoritäten, die Menschen aus Gründen des Selbsterhalts traditionell anerkennen würden.

So gehorchten Kinder ihrem Vater, der als Familienoberhaupt kraft seiner Liebe zu ihrem Besten entscheide. Auch für die Frau sah Rousseau den natürlichen Platz nicht in der Politik. Sie solle sich weder mit Staatsangelegenheiten noch mit Wissenschaft beschäftigen, nur leichte Lektüre konsumieren und sich ganz den häuslichen Dingen zuwenden.

Bereits Erasmus von Rotterdam hatte in seinem Lob der Torheitfestgehalten, der Mann habe ein «Quentchen mehr an Vernunft» abbekommen, weil er «für staatliche Aufgaben bestimmt» sei. Ganz sicher war er sich der Sache aber nicht. Dem Abt in seiner Satire Der Abt und die gelehrte Frau (1526) legte er die Worte in den Mund: «Gebildet zu sein ist unweiblich.»

Bücher würden den Frauen «viel von ihrem Verstand» rauben und sie hätten «ohnehin zu wenig». Darauf die Frau: «Wieviel ihr Männer habt, weiss ich nicht. Ich möchte jedenfalls das wenige, das ich habe, lieber für ordentliche Studien verwenden als für das sinnlose Hersagen von Gebeten (. . .) und das Leeren riesiger Humpen.» Die «Weltszene» verändere sich, es werde noch so weit kommen, «dass wir in den theologischen Schulen den Vorsitz führen und in den Kirchen predigen».

Die Weltszene machte allerdings noch länger keine Anstalten, sich zu verändern. Denis Diderot wandte sich noch über zweihundert Jahre später vergeblich gegen jene, denen «Phantasie und Mitgefühl» fehlten für das Schicksal der Frauen. «In fast allen Ländern», schrieb er 1772, «hat die Grausamkeit der bürgerlichen Gesetze sich mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbündet. Sie werden behandelt wie schwachsinnige Kinder.» Tatsächlich empfahl Rousseau, die Mädchen bei der Erziehung ausschliesslich auf ihre Funktion für die Vervollkommnung des Mannes vorzubereiten.

Bildung für alle

Im 19. Jahrhundert, dem bürgerlichen Zeitalter, wurde Bildung zu einem hochgelobten Wert. Sie wurde allerdings massgeschneidert ­angeboten: Mädchen wurden vornehmlich als angehende Mütter und Hausfrauen erzogen, während man Buben aus bürgerlichen Familien auf ihre wirtschaftlichen, staatspolitischen und militärischen Aufgaben vorbereitete und die niederen gesellschaftlichen Schichten zu Anstand, Fleiss und Genügsamkeit erzog. An der allgemeinen Stossrichtung änderte das nichts: Nur die Bildung der Massen bringe die Gesellschaft voran, so lautete nun der Tenor.

In der Schweiz wurde das Bildungsangebot während der Regenerationszeit (1830–1848) ausgebaut. In vielen Kantonen entstanden damals Sekundar-, Bezirks- oder Realschulen für den weiterführenden Unterricht. Es wurden Armenschulen und Volksbibliotheken eingerichtet, und man verstärkte den Druck auf die Eltern, die ­Kinder zur Schule zu schicken, statt für die Heimarbeit einzusetzen.

Viele Kantone erliessen Schulgesetze, schufen Lehrerseminare, druckten Lehrmittel und legten Lernziele fest. Mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 wurde schliesslich der obligatorische, unentgeltliche und konfessionsunabhängige Unterricht auf Primarstufe für alle Kantone verbindlich. Mit dem Fabrikgesetz von 1877 wurde Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten. Auch in ländlichen Kantonen ohne gefestigte staatliche Strukturen wie dem Tessin mussten Buben und Mädchen fortan in die Schule statt mit den Geissen auf die Alp, und im frühen 20. Jahrhundert wurde diese Schulpflicht mit Druck aus Bern auch zunehmend durchgesetzt.

 

Hilft Bildung gegen die Dummheit? Grosser Lesesaal der Zentralbibliothek Zürich, 31. Januar 1979.

Keystone/Herbert Adair

 

Das neue bürgerliche Ideal der Vernunft ­verfestigte ein Paradox. Einerseits wurde die Dummheit zum selbstverschuldeten Zustand. Jeder bekam die Chance, gegen sie anzukämpfen und einen Beitrag zum Fortkommen der Menschheit zu leisten – ein Fortkommen, das man nun als «Fortschritt» bezeichnete und linear in die Zukunft extrapolierte. Gleichzeitig gab es jene, die sich selbst immer schon für ein bisschen klüger hielten als die anderen und diesen anderen den Weg aus der Unvernunft wiesen.

«Madame, c’est la guerre!», schrieb Heinrich Heine 1827 in Das Buch Le Grand. «Ich will Ihnen jetzt das ganze Räthsel lösen: Ich selbst bin zwar keiner von den Vernünftigen, aber ich habe mich zu dieser Parthey geschlagen, und seit 5588 Jahren führen wir Krieg mit den Narren.»

Was der Literat mit Humor formulierte, wurde von anderen mit bitterem Ernst angegangen: Um 1800 etablierten sich neue Techniken der Dummheitserkennung. Der Schweizer Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater entwarf mit seiner Physiognomik eine Art Universalsprache der Natur – ein «göttliches Alphabet», wie er es nannte – und schloss von den Gesichtszügen auf die inneren Eigenschaften eines Menschen. Kritiker machten sich zwar über die Sache lustig: «Ich frage alle Physiognomen, ob sie nicht einmal aus den Gesichtern auf Vornamen geschlossen haben», spottete Georg Christoph Lichtenberg – allein, es half wenig, Lavaters Lehre blieb populär.

Der deutsche Anatom Franz Joseph Gall präsentierte wenig später eine Schädellehre, die ­einzelnen Hirnarealen bestimmte Geistesgaben und Charaktereigenschaften zuordnete. Der Charakter, das Gemüt und die Intelligenz eines Menschen ergaben sich für Gall aus dem Zusammenspiel lokalisierbarer «Organe» im Gehirn, wobei sich – so die Theorie – Anhaltspunkte für ihre jeweilige Ausprägung aus der äusseren Form des Schädels gewinnen liessen.

Gall war ein eifriger Schädelsammler. Bereits 1798 schrieb er im Teutschen Merkur, dass er sich wünsche, dass «jede Art von Genie» ihm seinen Kopf vererbe. Von Schillers Schädel konnte er sich eine Totenmaske beschaffen, und wegen Goethe wandte er sich 1827 an den mit der Familie befreundeten Franz Brentano: «So beschwöre ich Sie, alle Umgebungen des einzigen Genies zu bestechen, dass wo möglich der Kopf in Natura der Welt aufbewahrt bleibe.»

Höher- und minderwertigeres Leben

Die Obsession mit dem Genie spiegelte sich in der Obsession mit der Dummheit. Von 1853 bis 1854 erschien das vierbändige Monumentalwerk Essai sur l’inégalité des races humaines (Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen) des französischen Diplomaten und Schriftstellers Arthur de Gobineau, dessen Einfluss auf die Vorstellungen von höher- und minderwertigerem Leben kaum überschätzt werden kann.

Die allgemeine Verweichlichung, eine Verrohung der Sitten und fehlende religiöse Überzeugungen führten laut Gobineau zum Zerfall der Nationen. Grund dafür sei eine Vermischung der «Rassen», die Degeneration und Entartung mit sich bringe. An unterster Stelle stand für ihn die «schwarze Rasse»; sie gleiche den Tieren. Die «gelbe Rasse» tendiere zur Mittelmässigkeit. Nur die «weisse Rasse» zeichne sich durch eine «immens überlegene Intelligenz» aus. Sie stand für Gobineau an der Spitze der Hierarchie, ihren Erhalt galt es zu sichern.

 

Bruno Beger, deutscher Anthropologe und SS-Hauptsturmführer, bei Schädelvermessungen in Tibet, 1938.

Bundesarchiv, 135-KB-15-089/ Ernst Krause

 

Im Zeitalter des europäischen Kolonialismus war denn auch immer klar, wer bereits wusste, wie man alles organisieren musste, und wer noch in der Dummheit verharrte. «Die Behauptung des Kolonialismus, die vorkoloniale Periode sei von Menschheitsnacht befallen gewesen, betrifft die Gesamtheit des afrikanischen Kontinents», hielt Frantz Fanon 1961 in Die Verdammten dieser Erde fest. Dabei wurde im Akt der Unterwerfung diese behauptete «Menschheitsnacht» erst hergestellt: An Völkerschauen in Europas Metropolen zeigte man Schwarze als «vormoderne» Subjekte, derweil Ethnologen, Privatreisende und Kunstmuseen Sammlungen mit «primitiver Kunst» anhäuften.

Wie die Rassenlehre propagierte auch die Kriminologie im 19. Jahrhundert eine biologis­tische Dummheitsskala. Der italienische Arzt und Gerichtsmediziner Cesare Lombroso schloss aufgrund bestimmter Körpermerkmale auf kognitive und moralische Defizite und teilte die Menschen verschiedenen «Entwicklungsstufen» zu. Die «niederen Entwicklungsstufen» neigten laut Lombroso zur Delinquenz. So wie Gall die Schädel von Genies vermessen hatte, vermass er die Schädel von hingerichteten Verbrechern. Den praktischen Wert seiner Lehre sah er darin, dass man die zivilisatorisch rückständigen «Verbrechertypen» erkennen könne, bevor sie ein Verbrechen begingen. Lombroso war überzeugt: Der Verbrecher wird als Verbrecher geboren.

Mit der Rassen- und der Verbrechertypen­lehre im Gepäck machte man sich um 1900 daran, den Gesellschaftskörper zu optimieren. Verschiedene Länder erliessen für bestimmte soziale Gruppen Fortpflanzungsverbote und führten Zwangssterilisationen durch. Die Eugenik – die Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbguts – wurde zu einer aufstrebenden Wissenschaft. Niemand wandte sie so entschieden an wie die Nationalsozialisten: Zwischen 1934 und 1945 verurteilten eigens dafür geschaffene Erbgesundheitsgerichte im «Dritten Reich» rund 400 000 Menschen wegen körperlicher oder ­psychischer Beeinträchtigungen, vererbbarer Krankheiten, falschen Lebenswandels oder Alkoholismus zur Zwangssterilisation.

War der Mythos einer stetig zunehmenden menschlichen Vernunft danach noch zu retten? Nach zwei Weltkriegen und der Vernichtung von sechs Millionen Juden war er zumindest angeschlagen. Kaum waren die Trümmer weggeräumt, bemühte man sich aber, das Undenkbare als Unfall der Geschichte darzustellen und die Verantwortung dafür auf ein paar Dumme abzuwälzen. Die meisten Täter wollten nur Befehle ausgeführt haben, und die einfachen Bürger beriefen sich auf ihren guten Glauben an die politische Notwendigkeit der Dinge – oder sie schwiegen über das Geschehene. Etwas aber blieb in der Erinnerung haften: die Macht der Propaganda auf die Mobilisierung der Massen.

Die Dummheit der Massen

Bereits im 19. Jahrhundert waren die Massen als Brutstätten kollektiver Dummheit identifiziert worden. Als Erfinder der Massenpsychologie gilt der französische Arzt Gustave Le Bon. In seinem 1895 erschienen Werk Psychologie der Massen (Psychologie des foules) heisst es: «In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft.» Der Psychoanalytiker Sigmund Freud sprach 1921 von einer «kollektiven Intelligenzhemmung».

Die Masse sei empfänglich für die hypnotischen Verführungen charismatischer Führerpersönlichkeiten und neige zu irrationalem und gewalttätigem Verhalten. Populismus und Propaganda im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs schienen das exemplarisch zu bestätigen. Und so trieb das Phänomen den Schriftsteller Elias Canetti noch 1960 um: Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspiele, schrieb er in Masse und Macht, sei die «Entladung»: «Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen.»

Nicht nur von politischer Propaganda liessen sich die Massen beeinflussen, sondern auch von kommerzieller Propaganda – von den «geheimen Verführern», wie der Publizist Vance Packard die Werber 1957 nannte. Neben dem potenziell dummen Massenmenschen tauchte im 20. Jahrhundert, ähnlich wie bereits im Mittelalter, das Motiv des dummen «Übergelehrten» wieder auf: Der zerstreute Professor und der Fachidiot wurden zu unentbehrlichen Figuren der Populärkultur. Auch der Schriftsteller Robert Musil hielt 1937 in einem Vortrag fest: Dummheit sei nicht ein Fehlen von Intelligenz, sondern das Ergebnis von Sinnverweigerung.

Es gebe auch die Dummheit der eigentlich Intelligenten, und sie sei weitaus gefährlicher als jene der grundsätzlich Dummen. Bereits 1866 hatte der Philosoph Johann Eduard Erdmann festgehalten, der Dumme sehe die Welt wie durch ein Guckloch, er erkenne die Sachen nur aus einem einzigen Blickwinkel. Wenn aber der «Umkreis der Ideen mit ihrem Zentrum zusammenfällt», der Gesichtsradius also so sehr eingeschränkt ist, dass eine zusätzliche Einschränkung nicht mehr möglich ist, dann habe man die «Kerngestalt der Dummheit» vor sich: das eigene Ich.

Dieses Ich galt es in der Nachkriegszeit dann hinreichend flexibel zu halten. Mit dem Niedergang der Industriearbeit und dem Wachstum des Dienstleistungssektors schwor man die Beschäftigten auf ein «lifelong learning» ein. Die Anforderungen an das Intelligenzprofil von Mitarbeitern veränderten sich. Der IQ-Test, 1904 von Alfred Binet und Théodore Simon in einer ersten Form entwickelt, wurde durch ausgefeilte psychodiagnostische Verfahren abgelöst, in denen man die verschiedenen Arten von Intelligenz zu erfassen versuchte – die kognitive, die emotionale, die praktische, die soziale. Zunächst in der deutschen Reichswehr erprobt, für die Selektion von Offizieren nach dem Ersten Weltkrieg, boomten professionelle Begutachtungsbüros – sogenannte Assessment Centers – in den 1960er und 1970er Jahren: Sie durchleuchteten im Auftrag von Firmen Kandidaten für Kaderstellen und stellten sicher, dass die Entscheidungsträger nicht aus Versehen einen Dummen einstellten.

Dummköpfe: Denken anders als man selbst

Etwas hat sich über all die Jahrhunderte nicht verändert: Auch im 21. Jahrhundert sind die Dummen in der Regel die anderen. Oder wie Gustave Flaubert bereits in den 1870er Jahren notierte (als er an seinem Roman Bouvard und Pécuchet arbeitete und eine Phrasensammlung anlegte, die 1911 als Wörterbuch der Gemeinplätze publiziert wurde): «Dummköpfe: Denken anders als man selbst.» Solange wir also nicht gleichgeschaltet sind, bleibt die Dummheit beunruhigend. Sie kann an allen Ecken auftauchen, gar im wichtigsten Präsidialamt der Welt.

Die Dummheit sei ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit, schrieb der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 im Gefängnis. Gegen das Böse lasse sich protestieren: «Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.» Auch der Ökonom Carlo Cipolla hielt 1976 in seinem nur halb ernst gemeinten und doch so treffsicheren Büchlein The Basic Laws of Human Stupidity fest, die Nichtdummen unterschätzten notorisch die zerstörerische Macht der Dummen. Nicht der Bandit, der anderen schade, um selbst etwas zu gewinnen, sei der gefährlichste Typus des Menschen, sondern der Dumme: Er richte nur Schaden an, ohne jeglichen Gewinn. Diese Dummen fänden sich überall im gleichen Prozentsatz – in allen Schichten und allen Berufen, in den Städten und auf dem Land, unter Bauern ebenso wie unter Professoren und Nobelpreisträgern.

Und also auch unter Autoherstellern. Dass man die seriellen Arbeitsgänge, mit denen in den Schlachthöfen Chicagos Tierkadaver zerlegt wurden, auch auf die Montage von Werkteilen anwenden könnte, darauf musste man zwar erst einmal kommen. Wahrscheinlich haben sich die Dinge in der Automobilherstellung aber nicht wegen Henry Fords Intelligenz, sondern trotz seiner Dummheit produktiv entwickelt.

Ein guter Teil des Erfolgs der Ford Motor Company dürfte auf seinen Geschäftspartner und Generaldirektor James Couzens zurückgehen. 1915 trat Couzens von seinem Posten zurück, 1919 zahlte Ford ihn aus, und ab sofort verzeichnete die Firma keine wesentliche Innovation mehr, im Gegenteil: Ford verspekulierte sich mit bizarren Projekten, von denen die Urwaldstadt Fordlandia in Amazonien, die er zur Gummigewinnung anlegen liess, nur das spektakulärste war.

Es könnte also sein, dass technologischer Fortschritt und die allgemeine Hebung des Wohlstands nicht auf der kontinuierlichen Abnahme der Dummheit beruhte, sondern andere Ursachen hätte – organisatorische, systemische, eine bestimmte Pfadabhängigkeit, bei der einmal getroffene Entscheidungen die Richtung vorgaben, in der weitere Entscheidungen getroffen wurden, plus etwas glückliche Fügung. Dass Ford nicht ein genialer Erfinder war, sondern bloss der Name hinter einem Projekt, zu dem er seinen Wahnsinn und sein Geld besteuerte.

In der Konsequenz heisst das, dass alles immer auch schiefgehen kann. Es gilt, Institutionen zu bauen und eine gesellschaftliche Kultur zu pflegen, die das nie vollständig ver­sicherte Dummheitsrisiko nicht zum russischen Roulette werden lassen.

Dieser Artikel erschien in «NZZ Geschichte» Nr. 33 (1. April 2021).
«NZZ Geschichte» gibt es auch im Abonnement.