Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 24

Am 9.Mai bin ich mit dem “Unsterblichen Regiment” durch Moskau gelaufen – zusammen mit 800.000 Menschen, von denen jede/r das Bild eines Familienmitglieds oder einer Person trug, die im Kampf gegen den Faschismus ums Leben gekommenist. Ich habe ein Porträt meines alten Lieblings Erich Mühsam getragen, auf das ich öfter angesprochen wurde und erklären mußte, dass es sich nicht um einen Verwandten, sondern um einen  revolutionären Publizisten und Anarchisten handelt, der 1934 von den Nazis im KZ ermordet wurde. Dieser Marsch am “Tag des Sieges” war nicht nur die größte Demonstration an der ich je teilgenommen habe, sondern auch die beeindruckendste, denn alles, aus dem ganzen russischen Riesenreich, lief da mit:  vom uralten Mütterchen im Kopftuch bis zu Teenies und Kids mit bunten Haaren, sämtliche Ethnien Russlands und der ehemaligen Sowjetrepubliken samt ihren Fahnen waren vertreten, Ex-Offiziere in Pracht-Uniformen, Familien mit Kind & Kegel. Keine Banner, keine Parolen, keine politischen Forderungen oder Kundegebungen, nur die Portäts der “Unsterblichen”, die ihr Leben gelassen haben – und ab und zu der Ruf aus hundertausenden Kehlen: “Russ-i-a, Russ-i-a – Urra” (wie im  Französischen fällt im Russischen das H weg) Am Roten Platz, wo Präsident Putin am Morgen gesprochenund die übliche Militärparade abgenommen hatte, endete der Marsch. Wie auch einige andere ausländische Teilnehmer – aus Deutschland waren die Kollegen Tom Wellbrock (Neulandrebellen) und Thomas Stimmel (Frische Sicht) dabei –  wurden wir  von einem TV-Team über den Grund unseres Kommens befragt, worauf ich meinen Respekt vor den Opfern der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz und Deutschlands von den Nazis bekundete und auch noch kurz die Geschichte meines Vaters ansprach. Und dass ich mich freue, mit den Russen ihren Sieg vor 77 Jahren hier und heute feiern zu können.
Welche unermeßlichen Opfer das Land dafür gebracht hat, hatten wir im Museum des 2. Weltkriegs gesehen, und auch, welches Selbstbewußtsein und welche Kraft Russland aus dieser Geschichte zieht – was verstehen läßt, dass es sich von den seit Jahren näher rückenden NATO-Truppen und ihrer mit Wolfsangeln und Schwarzer Sonne ausgestattten Speerspitze der Asow-Brigaden zurückversetzt fühlt in den großen vaterländischen Krieg vor 80 Jahren.
Den haben auch die erst vor 25 Jahren geborenen Studierenden im Gedächtnis, mit denen wir in den folgenden Tagen 600 Kilometer südlich von Moskau an der Uni von  Woronesch sprachen, der Landeshauptstadt, die von der deutschen Wehrmacht bei ihrem Rückzug dem Erdboden gleich gemacht worden war. Dass McDonalds und Starbucks, mit denen sie groß geworden sind, jetzt wegen der Sanktionen geschlossen haben, bedauern zwar einige, aber Burger King, KFC und andere FastFood-Ketten haben weiterhin geöffnet (wie übrigens auch die allermeisten Shops westlicher Labels im Moskauer Edel-Kaufhaus “Gum”). Die jungen Leute sind klug, belesen und offen für alles Westliche, doch von den USA regiert werden wollen sie nicht, einige mit Verwandeten oder Beziehungen in der Ukraine sind sehr unglücklich über den Krieg, verstehen aber die Gründe dafür und dass die Aufrüstung dort gegen Russland gerichtet ist. “Wir haben nichts gegen das Land und die Menschen, aber die rechtsradikale, anti-russische Regierung muß verschwinden”, meinte einer – und diese Haltung scheint mit der des “offiziellen” Moskau zu korrespondieren, wo das berühmte “Hotel Ukraine” in der Nacht noch immer gelb und hellblau schimmert.
Dass die Regierung den “Tag des Sieges”  und auch den aus einer  Bürgerinitiative hervorgegangen Marsch des “Unsterblichen Regiments”, der in zahlreichen Städten stattfindet,  für die Militäroperation in Ukraine “instrumentalisiert”, wie es die westlichen Medien behaupten, ist zwar nicht falsch. Aber die Ukraine und das “Z” – ein Fan-T-Shirt mit dem illegalen Buchstaben habe ich erfolgreich am deutschen Zoll vorbeigeschmuggelt (-;  – blieben auf diesem Marsch durch Moskau dezent im Hintergrund. Die Bevölkerung muss nicht mehr agitiert werden, sondern hat verstanden, dass Russland das eigentliche Ziel des NATO-Aufmarschs in der Ukraine ist. In einem Hotel in Woronesch sprachen sprachen wir mit Flüchtlingen, die aus umkämpften Städten im Donbass evakuiert und dort untergebracht wurden. Ein Geschäftsfrau aus Mariupol erzählte, wie sich die Lage dort entwickelte, nachdem in einem Kindergarten neben ihrem Mode-Atelier ein Stützpunkt der Asow-Brigade eingerichtet wurde, wie ihre Freundin, eine Tierärztin, die sich für die Separation der Volksrepublik eingesetzt hatte, bedroht wurde und dann einfach verschwunden ist. Ein Mann aus der Gegend von Kharkow berichtete, wie er beim Hundespaziergang nicht von den Russen, sondern von der ukrainischen Armee beschossen wurde. Er verneinte, wie auch einige andere, die Frage, ob es einen Unterschied zwischen der regulären Armee und den Nazi-Bataillonen gäbe. Alle können sich auch vorstellen, bald wieder in die Ukraine zurückzukehren: “Wir können alle zusammenleben, auch mit der West-Ukraine, nicht wir, die Politik verhindert das.”

Das ist seit 2014 unbestreitbar, doch mittlerweile ist auch klar, dass es einen Staat Ukraine in der seit 1991 existierenden Form nicht mehr geben wird. Dass die verrückten NATOstan-Akteure und ihre Medien behaupten und fordern, diesen Krieg militärisch “zu gewinnen” – also die Ost-Ukraine und die Krim wieder erobern wollen – zeigt nur, dass sie ihre Rechnung völlig ohne die Russen machen und ihr Russlandbild aus den alten James-Bond-Filmen für die Realtiät halten. Weshalb man im Westen auch der völligen Fehleinschätzung aufgesessen ist, dieses Land mit Sanktionen und einer rassistischen Inquisition alles Russischen in die Knie zwingen zu können. Letzeres – die barbarische “Cancel-Kultur” russischer Künstler, Literatur, Musik usw. – ruft bei den Deutsch und Englisch Studierenden in Woronesch verständnisloses Kopfschütteln hervor. Dieses Gebaren des aufgeklärten, “freien” Westens, dessen Sprachen und Kultur sie studieren, trifft sie viel härter als die Wirtschaftssanktionen, die sie kaum spüren – anders als wir.

Am 8.Mai hatten wir an der Wechselstube noch 77 Rubel für einen Euro bekommen – eine Woche später waren es nur noch 65, was unseren Begleiterinnen (auf dem Foto von Thomas Stimmel oben von links: Natscha, Tonja, Natascha, Irina, Jana) ein Grinsen entlockt. Welches mir verging, als am selben Tag meine Berliner Gasrechnung mitteilt, dass statt 4,36 für die Kilowattstunde Heizung künftig 7,67 fällig werden. Willkommen in der abgehängten US-Kolonie Europa und dem Ex-Industriestaat Deutschland. Bei einem kleinen Vortrag an der Uni hatte ich als Strategie empfohlen, “Nordstream 1” für einige Wochen abzustellen  und auch kein Öl mehr nach Westen zu liefern, um die anti-russische Hysterie ein wenig abzukühlen.  Ehe  “Frieren für die Freiheit” auf der Schleimspur von Pastor Gauck zum Volkssport geworden ist, bricht dann im Westen eine Revolution aus. Anders als mit solchen Daumenschrauben läßt sich NATOstan nur noch mit Raketen zu Räson bringen.

Dass im Rahmen der “Special Military Operation” in der Ukraine nur ein kleiner Teil der russischen Streitkräfte eingesetzt wird, ist im Land nicht unumstritten, doch ebenso wird akzeptiert, dass  man gegen die ukrainischen Nachbarn und “Brüder” nicht im US-Stil mit massiven Bombardments und Zerstörungen Krieg führt. Über Propagandaschwachsinn, wie ihn Spiegel und BILD (“Putin gehen die Truppen aus”) hierzulande produzieren, können die Russen nur lachen. Dass aber ausgerechnet Deutschland eine Eskalation nach der anderen iniitiert, für diese Schande fallen mir angesichts der 27 Millionen russischer Opfer im 2. Weltkrieg keine Entschuldigungen ein – außer dem Hinweis, dass die Bundesrepublik als Vasall der USA eben nicht anders darf, als mit NATOstan den Krieg voranzutreiben. Und ihre Regierung nicht zum Wohl des Landes und seiner Bevölkerung agiert, sondern sich der geopolitischen  Agenda des US-Imperiums  unterordnet – selbst um den Preis des ökonomischen Selbstmords.

Ich bin für die Einladungen der Initiative “Unsterbliches Regiment” und der Universität Woronesch sehr dankbar, denn gerade in derart angespannten Zeiten sind direkte Gespräche, Begegnungen und Eindrücke wichtiger denn je. Wie auch die Erfahrung, dass es nicht die Menschen sind, die die Welt manichäisch in Gut und Böse aufteilen, sondern die Politik, und dass Russland und Deutschland wunderbar miteinander könnten, wenn diese nicht wäre. Als auf dem monumentalen Roten Platz der monumentale, nicht enden wollende Marsch der “Unsterblichen” an uns vorbeizog meinte Tom Wellbrock: “Das hier ist die wahre Antifa.” Die Sonne hatte den Wind und Nieselregen des Tages gerade ein wenig vertrieben, was die positive emphatische Stimmung, den unglaublichen Teamspirit dieses Marschs noch spürbarer machte. Und mir schoß der Gedanke durch den Kopf, wieviel Irrsinn, Unkenntnis und Größenwahn es geschuldet sein muss, gegen dieses starke Team und sein riesiges Lande Krieg zu führen und gewinnen zu wollen. Wer glaubt,  dass NATOstan nach den großen Erfolgen in Irak, Syrien und Afghanistan jetzt gelingt, was Napoleon und Hitler versagt blieb, ist nicht mehr zu retten. Allen anderen, die dem schrecklichen Krieg ein Ende setzen wollen, kann ich nur zur weißen Fahne raten….
(wird fortgesetzt)

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 23(6.5.22)
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Das Kriegsmotiv (08.03.22)
Was spricht eigentlich gegen eine militärisch neutrale Ukraine? (6.3.22)
Warum ich noch immer Putinversteher bin (25.02.22)
Das Jugoslawien Russlands in der Ukraine – und NATOstan muss wütend zuschauen (24.02.22)
Die Geduld des Bären ist zu Ende(23.02.22)
Wir sind schon wieder die Guten (17.02.22)
Drei Riesen und die “neue Ära der Multipolarität” (12.02.22)
Frisch aus dem Archiv: Ansichten eines Putinverstehers (18.02.22)
Return of the Kremlmonster: Kuba-Krise reloaded (18.01.22)

Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind IMMER die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie der kalte Krieg neu entfacht wird, Westend Verlag (2019)