Berlin, Thomas Mann

 Zum 25 jährigen Todestag der ersten deutschen sozialistischen Demokratie

Im Jahre 1938 hielt Thomas Mann  in 15 amerikanischen Städten einen Vortrag über den “kommenden Sieg der Demokratie”. Seine Ausführungen wurden 1954, anlässlich des 70sten Geburtstags des großen deutschen Dichters vom DDR Aufbau – Verlag in Zusammenarbeit mit dem Autor  editiert. Die kostbare  Sammlung trägt  den Titel “Zeit und Werk”.

Bereits im Jahre 1923 hatte sich der Nobelpreisträger und Verfasser der Buddenbrooks von seinen 1918 erschienen  reaktionären “Betrachtungen eines Unpolitischen” deutlich distanziert. In der obigen Essays-Sammlung sind sie konsequenter Weise im Einverständnis mit dem Autor nicht enthalten. Der entschiedene Antifaschist und Kriegsgegner Thomas Mann verteidigt ab jetzt  mit all seiner geistigen Kraft Republik, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und erweist sich als weit über seine Zeit hinaus bedeutungsvoller politischer Dichter und Denker. Sein Demokratieverständnis bezieht sich auf Abraham Lincoln und Walt Whitman.

Gefährlich wäre es  in seinen Augen, “Erinnerung, Revision und  das Wiederbewußtmachen  eines geistigen  und moralischen Besitzes zu vernachlässigen und diesen für allzu gesichert zu halten”. So mahnt er schon damals seine US-amerikanischen Zuhörer:

Dass Demokratie heute kein gesichertes Gut , dass sie angefeindet, von innen und außen her  schwer bedroht, dass sie wieder zum Problem geworden, das spürt auch Amerika.

Die Demokratie sieht  der politisch weitsichtig denkende Thomas Mann 1938  auch in Amerika  bedroht durch “den Faschismus, das garstige Kind des Zeitgeistes”, der damals im Gewande morgendlicher Zukünftigkeit und mit jugendlicher Attitüde auftrat. Er sah in der schreienden  Jugendlichkeits-Propaganda einen “Reklame-Trick, der die Demokratie als vergreist, verrottet, überlebt, abgestanden und gähnend langweilig hinstellte.” Den Faschismus, seinen Widerpart aber, wusste die PR-Maschinerie  jener Tage   als “höchst lustig und prall von Leben und Zukunft hinzustellen”, so Thomas Mann.

An diesem  deutschen Jubiläums-Wochenende des 8./9.Novembers, an dem Berlin, des Mauerfalls  gedenkend, genau diese Mauer mithilfe von Helium-gefüllten Luftballons noch einmal “erstrahlen”  lässt, müssen Thomas Manns zukunftsweisende humanitäre Gedanken revitalisiert werden.

Dies Wochenende hat es zeitgeschichtlich in sich: November-Revolution 1918, Ludendorff-Hitlerputsch 1923 als verfrühter  Versuch, die letzten Fünkchen derselben auszutreten, die Reichs-Pogromnacht  von 1938, mittels derer  dem intelligenten “jüdisch-bolschewistischen Geist” endgültig der Garaus gemacht werden sollte  und schließlich der Mauerfall von 1989, der das Ende des ersten deutschen sozialistischen Experiments  besiegeln sollte und  der  das vorläufige Ende  des sozialistischen Staatenblocks einläutete.

Unterdessen wird geschichtsvergessen  und  nicht zuletzt mit deutscher Hilfe weitergebaut an dem viel monströseren  Mauerlindwurm, der über  mehr als 700 km weit sich quer durch Palästina zieht und dessen Restbestände vom Staate Israel in Apartheidmanier abtrennt. Diese Mauer ist  auch ein   Resultat einer völkermörderischen deutschen  Politik der Jahre 1933-1945, die mit dem 9. November 1938 ihren Anlauf nahm.

 

Was also bejubeln die Deutschen an diesem ereignisschwangeren Wochenende?

1938 feierten die deutschen Faschisten den November auf ihre gewalttätig-barbarische Weise. Sie ließen  ihren Jubel an der einprozentigen jüdisch-deutschen Minderheit aus und nannten die Exzesse anschließend “Reichskristall-Nacht”. Soll das vergessen werden?

1989 wurde nicht nur die DDR zu Grabe getragen, sondern mit ihr auch sukzessive der deutsche Sozial-und Rechtsstaat und in der Folge die gesamte sozialistische Staaten-Welt Osteuropas mit den verhängnisvollen kriegerischen Folgen dieser Tage.   Soll darüber geschwiegen oder dieser Tatbestand gar bejubelt werden?

Seit 1999 führt Deutschland – entgegen  seiner verfassungsrechtlichen Vorgaben – wieder Krieg und sein Gaukler-Präsident,  ein Wolf im Schafspelz, der einst als Theologe in der sozialistischen DDR den Pazifismus predigte, votierte im Frühjahr 2014 in München für die  Ausweitung der Kriegszone. Soll das verschleiert werden?.

Des Faschismus  - ihn geistig  überwindend – gedenken!

Mit Thomas Mann sollten wir  daher in diesen Tagen des Faschismus gedenken, der eine noch lange  nicht überwundene Zeiterscheinung ist. Das “Wesen des Faschismus” , so Thomas Mann, “ist die Gewalt”.

“An sie, die physische und geistige Vergewaltigung  glaubt er, sie praktiziert er, sie liebt , ehrt und verherrlicht er, sie ist für ihn nicht ultima sondern prima ratio … ihr Gegenteil ist der Gedanke des Rechts.

Durch Angst unterwirft sie die Körper und unterwirft ihr sogar die  Gedanken. … Täglich sehen wir das Recht vor ihr erbleichen und zunichte werden, denn die Gewalt ist die erdrückende und in der Erfahrung meist das Feld behauptende  Materie, und das Recht nur eine Idee.”

Was not tut, ist Zuversicht

“Die Idee ist das spezifisch und eigentlich Menschliche, das was ihn zum Menschen macht; sie ist in ihm  eine reale, natürliche und unmöglich zu vernachlässigende Tatsache.” Was uns  not tut,  ist also heute wie damals  Zuversicht,

“eine Zuversicht, die nicht  läppischem, naturlosen Idealismus entspringt, sondern im Gegenteil über Natur und Realität des Menschen besser und vollständiger Bescheid   weiß als der nur halb unterrichtete Gewaltglaube.”

Was not tut, ist auch wider alle Stasi-Hysterie und wider allen Jubel über den Fall der   falschen Mauer, dass die sozialistische Demokratie dieser faschistischen Spekulation durch eine Wiederentdeckung ihrer selbst begegne. In diesem Sinne mögen wir mit einem abgewandelten, aktualisierten Tomas Mann Zitat für den künftigen Sieg des Sozialismus ruhig und beharrlich arbeiten. Denn, nun original mit Thomas Mann:

“Krieg ist nichts als Drückebergerei vor den Aufgaben des Friedens.”

” Der  Gegensatz von Nationalismus und Sozialismus ist beschlossen in  dem Gegensatz von Krieg und Frieden.”

Als Friedensarbeiter besteht unser täglicher Auftrag darin, das geistige Erbe der großen humanen und antifaschistischen Dichter und Denker wieder neu zu beleben, ganz entgegen den Anforderungen des Zeitgeistes! Packen wir es an und arbeiten wir beharrlich und geduldig:

Für den künftigen Sieg der sozialen Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und des Humanismus!

8. November 20 14 Irene Eckert, Vorstandsmitglied des AKF