Irene Eckert (Erstpublikation 2010 im Icarus, Zeitschrift des GBM)

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch (Hölderlin) -

es bedarf dazu der theoretischen und organisierten Anstrengung.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Das kapitalistische System bietet den Menschen keine Zukunft. Das Bildungswesen versinkt im Privatisierungssumpf. Aufrüstung und Kriege verschlingen Milliarden an Investitionsmitteln, die für basale Infrastruktureinrichtungen fehlen. Massenarbeitslosigkeit und Prekariat sind die Zukunftsmelodie auch für akademisch gebildete junge Menschen. Das kulturelle Niveau befindet sich auf einem beklagenswerten Tiefstand. In Kopenhagen wurde im Dezember des Vorjahres die Hoffnung auf ein Umlenken auch in Sachen Umweltschutz zu Grabe getragen, nachdem im April die Anti-Rassismuskonferenz in Genf kläglich gescheitert war und zu Ende ging, ohne minimale Hilfestellung für die bedrängten Menschen in Palästina zu einzufordern.

Nimmt es nicht Wunder, dass angesichts der sich ständig verschlechternden Lebensbedingungen zumindest in EU-ropa und Nordamerika sich vergleichsweise wenig Widerstand rührt? Vor allem die
Jugend, die es besonders angehen müsste, tanzt auf dem Vulkan und sucht sich im – wie auch immer gearteten – individuellen Glücksstreben zu verwirklichen.

Währenddessen versinken Staats- und Gemeindekassen tief in den roten Zahlen. Hypotheken auf die Zukunft werden für das Militär und für die polizeiliche Überwachung der Bürger aufgenommen, auch die private Verschuldung der Haushalte steigt ins Unermessliche. Präventive Mittel gegen Bürgerinnen und Bürger sind schon einsatzbereit, noch ehe diese sich auf die Möglichkeit von Widerstand verständigt haben.

Wenn aber die immer drastischer werdenden Zumutungen vom Volke derzeit noch schwermütig hingenommen und für unabänderlich erachtet werden, dann hat diese bleierne Schwere gewichtige Gründe, die mit dem Ausbau des Polizeistaates allein nicht hinreichend erklärt sind. Die wirklichen Ursachen dafür müssen daher aufgespürt und beseitigt werden, damit die Schneepflüge durchkommen und die Wege, die aus der Gefahr führen, wieder beschritten werden können.

Das Gespenst des Kommunismus, das die Oberen noch als Schattenbild mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser, muss wieder sinnliche Gestalt annehmen. Seine reale Bedeutung für das Überleben der Gattung Mensch muss neu ausgelotet werden. Die Tatsache, dass die Länder, die mit Nachdruck und Beharrlichkeit am Aufbau einer sozialen, sozialistischen oder zukünftigen kommunistischen Gesellschaftsordnung weiterarbeiten mit Boykott, Sanktionen und bösartigsten Verleumdungen überzogen werden, ist als Denkaufgabe zu begreifen. Die ebenso gewichtige Tatsache, dass Länder, in denen sozial verantwortungsbewusste Politiker das Sagen haben, schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen wegen angeprangert werden und ihnen mit Krieg, ja sogar mit Atomkrieg, gedroht wird, ist eine gleich große Herausforderung an den gesunden Menschenverstand. Als Denksportaufgabe sollte uns auch die Frage dienen, warum die wenigen kommunistischen Parteien dieser Erde, die nach 1956 nicht allmählich umgekippt sind, sondern sich – wenn auch oft nach schweren inneren Kämpfen – auf das gute alte, weil Erfolg verheißende Erbe besannen, warum gerade diese Parteien sich einen Massenanhang zu sichern wissen. (Siehe allen voran in Griechenland die KKE.) Die Abkehr dagegen von wissenschaftlicher Gründlichkeit und kreativ-klassenkämpferischer Anwendung der Lehre der Klassiker führte allmählich aber dafür zielsicher ins Aus, sprich zur Zerstörung der Grundlagen der sozialistischen Gesellschaftsordnungen und zur Zerstörung der kommunistischen Parteien von innen heraus mit all ihren verheerenden Folgen für die betroffenen Nationen und für die ganze Welt. Die Zerrüttung der kommunistischen Parteien durch den modernen Geschichtsrevisionismus, enthauptet sozusagen die Massen, indem sie ihnen ihre Avantgarde raubt. Sie lähmt folglich zwangsläufig die Widerstandskraft der Massen. Die Folgewirkung auf die Gewerkschaftsbewegung und auf linke Parteien ist fatal. Sie führte zur Sozialdemokratisierung mit all ihren seit spätestens 1917 bekannten Folgen. Ja sie treibt die Sozialdemokratie immer noch weiter nach rechts. Der Geist des Humanismus, den die Arbeiterbewegung im besten und umfassendsten Sinne verkörperte – schließlich war sie angetreten, das Menschengeschlecht aus der Knechtschaft zu befreien – ist damit
mitten ins Herz getroffen. Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatengemeinschaft, letztlich ein Ergebnis der modernen Geschichtsverdrehung und der Verleumdung ihrer Errungenschaften,
wurden die opferreich erkämpften Ergebnisse der Nachkriegsordnung revidiert. Mit immer gewichtigerer Beteiligung der wiedervereinten und neu erstarkten Großmacht Deutschland waren dadurch sehr schnell zunächst in Europa, dann in der Welt, Kriege äußerst zerstörerischen Ausmaßes wieder möglich geworden.

Solches geschah erstmals im Januar 1991, im zweiten Golfkrieg unter Einsatz von Uranmunition. Für diesen Krieg gegen den Irak erwirkten die interessierten Parteien – unter anderem – durch geschickte Manipulation der Weltmeinung die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates. Zur Erinnerung aus aktuellen Gründen: Der erste Golfkrieg war Anfang der 80er Jahre gegen den Iran geführt worden. Giftgas kam dabei zum Einsatz seitens des Nachbarlandes Irak. Dieser Krieg war im Kern gerichtet gegen die 1979 einsetzende “grüne” (islamische) Revolution, die das Schah-Regime hinweg gefegt hatte. Angestiftet worden war der US-verbündete Staatschef des arabischen Landes Saddam Hussein zu dem kriegerischen Vorgehen gegen die schiitischen Brudernation von seinen kolonialen Ratgebern. Diese beseitigten ihn später wie ein Ungeziefer – auch weil der einst Vielgepriesene ein Vielwisser war – und sich seinerseits dem Land, das den Schah in den Sattel gehoben hatte, als nicht mehr gefügig genug erwies. (Sein christlicher Außenminister Tariq Aziz wird noch immer unter unwürdigen Bedingungen in Haft gehalten und vermutlich für die Hinrichtung präpariert.) Im Grunde hatte der zum “Erzdiktator und zweiten Hitler” gekürte irakische Regierungschef Hussein nicht viel anders gehandelt als der vor der Inthronisierung des Schah Pahlevi gestürzte iranische Nationalist und Demokrat Mossadegh. Letzterer hatte es 1952 gewagt, die Ölressourcen des Landes zu verstaatlichen. Ersterer verteilte die staatlichen Einnahmen der Ölindustrie für großzügige Investitionen in die Infrastruktur des Landes, den Ausbau der Bildungseinrichtungen, zur Stützung des Lebensniveaus seiner Bürger. So etwas missfällt dem Imperium, wie sich heute an der Bedrohung Venezuelas, aber noch stärker an der des Iran zeigt, das durch den populären, sozial eingestellten und nicht erpressbaren Präsidenten Ahmadinedschad geführt wird. Dass beide “Regime” befreundet sind und eng kooperieren, macht die Sache in den Augen der Herren, die die Welt regieren, nicht besser. Dass Chavez katholischer Christ und Ahmadinedschad ein Muslim ist, ändert nichts an deren Schurkenstatus.

Da die UdSSR 1989 zerschlagen und gedemütigt, dem Westen ausgeliefert, am Boden lag, blockierte das große Russland nicht mehr durch sein Veto den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Das gemeinsame Ziel der imperialistisch geführten Länder schien endgültig erreicht: Der Sozialismus röchelte im Todeskampf. Das Ende der Geschichte wurde ausgerufen. Das wieder vereinte imperialistische Deutschland, das im 20. Jahrhundert zwei Anläufe unternommen hatte, die Welt zu erobern, spendete unter Kanzler Kohl freimütig 18 Milliarden DM für das militärische Eingriffen zur Sicherung der Ölquellen und seiner Einflussmöglichkeiten am Golf. Beim nächsten aber Mal, so wurde bereits damals vollmundig verkündet, würden die Deutschen nicht so billig davon kommen. Nachdem die Ölbrände am Golf nach einem Jahr schließlich gelöscht waren und Tausende irakischer Soldaten bei lebendigem Leib im Wüstensand begraben und vergessen waren, vergessen ebenso wie ihre am Golfkriegssyndrom erkrankten US-amerikanischen Kameraden, die der Uranmunition schutzlos ausgeliefert worden waren, begann man die Zündschnur im Balkan zu legen. Im Frühjahr 1999 entbrannte das Inferno des Bombenkriegs gegen Belgrad, flogen “Irrläufer” auf die Brücke von Vavarin und die Vokabel Kollateralschäden wurde später zum Unwort des Jahres. Inzwischen war die deutsche Unterstützung bereits zur “robusten” herangereift. Noch robuster wurde sie seit dem ersten Kriegseinsatz gegen Afghanistan nach dem 11. September 2001. Der globale Antiterrorkrieg war entfesselt. Dass seither der Terror auf allen Gebieten keine Maßstäbe mehr kennt – man denke nur an Abu Ghraib oder Guantanamo Bay, an Folterflüge und Folterlager weltweit – sollte unsere Nachdenklichkeit weiter herausfordern.

Anstatt aber der immer unfasslicher werdenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu gedenken, die diese neuen “asymmetrischen Kriege”, zynisch “humanitären Interventionen” genannt, nach sich ziehen, lenken unsere ins Kriegsgeschehen eingebetteten Medien unsere Aufmerksamkeit lieber auf die “Verbrechen” des Sozialismus. Das ist für manche ergiebiger, sichert es doch gewisse Arbeitsplätze für lohnabhängige Schreiberlinge. Vor allem aber sichert es ab gegen die für das Kapital bedrohliche Wiederauferstehung des Gespenstes “Kommunismus”. Deswegen wurden im Super-Jubiläumsjahr 2009 angesichts des 20-jährigen Niedergangs der DDR, deren “Niedrigkeiten” in einer endlos Schleife gewürdigt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt und etwa Ablenkungsmanöver von Verbrechen im globalen Stile im Sinn hat.

Wer aber eine Neue Welt aus der Asche der Alten errichten will, um so das Überleben der Gattung zu sichern, muss sich die geschichtlichen Tatsachen vergegenwärtigen und begreifen, welche gesellschaftlichen Kräfte, aus welchem Interesse und mit Hilfe welcher Methoden oder genauer mittels welcher Intrigen die Geschichte für ihre Belange umdefinieren.

Im Januar 1919, der Erste Weltkrieg war kaum zu Ende, versuchten die Herrschenden die anschwellende kommunistische Bewegung in der Wiege zu ersticken. In Russland aber wurde unterdessen, ungeachtet aller gewaltsamen Interventionen, die Gesellschaft von unten herauf umgestaltet. Unter guter kommunistischer Führung erstarkte dennoch – trotz der verhängnisvollen Spaltung – die Arbeiterbewegung im imperialistischen Deutschland so sehr, dass die Oberen zu der List griffen, einen Proleten auszugucken und ihn an die Spitze einer sich national und sozialistisch nennenden Arbeiterpartei zu hieven.

Im Jahre 1939, nur 20 Jahre später, war dann dank massenhafter Konzentrationslager, dank Folter und Mord, dank Verrat und mithilfe von schlimmer Demagogie die Kriegsopposition so geschwächt und die Aufrüstung so weit vorangetrieben, dass ein zweiter Anlauf zur Welteroberung von deutscher Seite aus gestartet werden konnte. Die Welt musste Auschwitz und Hiroshima, musste 60 Millionen Todesopfer erdulden, unter ihnen 27 Millionen Sowjetbürger, bevor, im Gefolge gescheiterter deutscher Welteroberungspläne, 1949 zwei deutsche Staaten erstanden. Diese neue politische Situation im Herzen Europas war ein Ergebnis der Kräfteverhältnisse zwischen den einstigen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition.

Noch war man sich in beiden Deutschlands im Volke einig: Von deutschem Boden sollte nie wieder Krieg ausgehen. Aber die Kriegsgegner, so etwa die westdeutsche Frauenfriedensbewegung, (eine Persönlichkeit wie die Romanistin Clara Maria Fassbinder, die Volksbefragung gegen die Wiederaufrüstung und natürlich die Kommunisten) wurden bereits in den frühen 50er Jahren im Westen diffamiert und kriminalisiert. Es gab schon früh ein erstes politisches Todesopfer, ein junger Arbeiter namens Philipp Müller starb 1952 durch eine Polizeikugel, weil er gegen die Wiederaufrüstungspläne der Adenauer-Regierung demonstriert hatte. Zehntausende Ermittlungsverfahren und die erneute Verurteilung erprobter und bekannter Antifaschisten schädigten die Bewegung,
konnten sie aber nicht gänzlich auslöschen.

Als Reaktion auf den NATO-Aufrüstungsbeschluss von 1979 erhob sich wieder eine imposante Friedensbewegung. Hunderttausende gingen bis 1983 dagegen auf die Straße. “Dank” Gorbatschow, der die
Friedensvermittlung in die Hand nahm und dank “klarsichtigen” Führungspersonals flaute auch diese Bewegung wieder ab. Man setzte blindes Vertrauen in die Friedensfähigkeit des Imperialismus, seinen Raubtiercharakter gänzlich verkennend.

Zehn Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze, im Frühjahr 1999 beteiligte sich dann Deutschland zum dritten Mal in einem Jahrhundert an der unprovozierten Bombardierung von Belgrad. Die offizielle “Begründung” lautete, man müsse ein “neues Auschwitz verhindern” so der damalige Außenminister Joschka Fischer. Zum Schutz vor “Menschenrechtsverletzungen” müsse man eingreifen, denn “man könne nicht länger zusehen”. Auf dem Spruchband einer Demonstrationsteilnehmerin gegen die Bomben abwerfenden Menschenrechtsbeschützer war treffend zu lesen: “Bombing for human
rights is like fucking for virginity”.

Noch einmal 10 Jahre später im Jahre 2009 trat der unheilsame Lissabonvertrag in Kraft, die verkappte EU-Verfassung mit ihrer historisch einmaligen Aufrüstungsverpflichtung. Deutschland hat
maßgeblichen Anteil am Zustandekommen des Vertragswerks, mit dessen Hilfe das Grundgesetz auszuhebeln ist, insbesondere das Friedensgebot in Artikel 26. Auf ganz “friedlichem” Wege wird diesmal über den festgefügten Zusammenschluss Europas unter deutsch-französischer Führung die neue Eroberung von Ost- und anderen geostrategisch wichtigen Zonen möglich und wir sichern uns erneut unseren Lebensraum und unsere Freiheit am Hindukusch.

Dass die Oberen und die Monopolisten sich ihre Einflusszonen, ihre Ressourcen, ihre Absatzmärkte auf die ihnen zur Verfügung stehende Weise zu sichern versuchen, ist ihrer Logik, der Logik des
Profitsystems geschuldet. Dass aber die Beherrschten, die Ausgeplünderten, die Opfer solcher Vorgehensweise nicht rebellieren, ist Ausdruck ihrer gefühlten Ohnmacht, geschuldet der Verkennung
historischer Vorgänge, Ausdruck des Erfolgs der Verdummungsmaschinerie, die die Menschenmassen geschickt zu blenden vermag. Die ohnmächtige Hinnahme deutscher Kriegsbeteiligung – trotz nachgewiesener mehrheitlicher Ablehnung des Einsatzes in Afghanistan etwa – ist eben geschuldet dem Fehlen einer orientierenden und den Massenwiderspruch organisierenden Kraft.

Unorganisiert bleiben die Massen so lange, so lange ihnen keine Wegmarkierungen zur Verfügung stehen. Dort wo Wegweiser vorhanden sind, finden die Menschen den Mut und die Energie zu gemeinsamer und damit wirksamer Gegnerschaft. Sie finden zu solidarischem Handeln. Solange aber eine schwammig auftretende “Friedensbewegung” in ihren Reihen mehrheitlich Stimmen verzeichnet, die die Ursachen für die Kriege eher beim Bedrohten ortet als beim Aggressor, sieht die Sache schlecht aus. Wenn in der deutschen Hauptstadt die “Friko”, das Akronym für Friedenskoordinationskreis, über das elektronische Netz als Neujahrsbotschaft dazu auffordert, die Opposition im Iran zu stärken, einem Lande, das vom Kriege bedroht ist, so kann man daran
sehr schön den verfahrenen Kurs erkennen. Mit solcher Herangehensweise, mit solchem Personal, lässt sich keine Antikriegsbewegung erfolgreich organisieren. Wenn schließlich andere, auch sehr bekannte Stimmen öffentlichkeitswirksam die Meinung vertreten, heute sei es ungleich schwieriger als zu Zeiten des Vietnamkrieges, sich mit den durch Krieg und Besatzung verheerten Länder und ihren Widerstandsbewegungen zu solidarisieren, weil man etwa in Afghanistan, Irak, Gaza keine vertrauenswürdigen Ansprechpartner habe, so hat diese Haltung eine ähnlich lähmende Wirkung. Auch sie hat historische Vorbilder und ähnelt dem Vorgehen von Leo Trotzki, der in Anbetracht einer vom Kriege bedrohten UdSSR dazu aufrief, die von Stalin geführte Regierung zu stürzen.

Wenn das Völkerrecht, das ja den Respekt vor der Souveränität der Staaten zur obersten Maxime erklärt hat, eben um den Frieden zu wahren, wenn dieses oberste Gebot der UN-Charta, marginalisiert und entwichtet wird, dann macht man sich, ob bewusst oder unbewusst, zum Erfüllungsgehilfen der Welteroberer. Dass es heute so schwer fällt, Recht und Unrecht, Kriegtreiber und Friedensstifter, Aufklärung von Demagogie zu unterscheiden, hängt mit der Raffinesse der Herrschenden zusammen, die aus der Geschichte, anders als die Beherrschten, gelernt haben. Erkennend, dass die gut organisierten, gut geschulten, gut geführten Massen, die wissen wofür sie kämpfen, unbesiegbar sind, haben sie sich auf eine weitere Strategie verlagert. Gerade im Januar sollten wir uns daran erinnern, dass der Kampf gegen die Revolution in Deutschland (aber auch anderswo) mit der Parole geführt wurde: “Schlagt ihre Führer tot!” Tötet Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht! Der Kommissarbefehl Hitlers aus dem Jahre 1941 war die Fortsetzung solcher gezielten Ausmerzung von Führungspersonal und entsprach denselben Denkmustern.

Man kann natürlich die Kampfbereitschaft der Massen unterminieren, indem man ihre Führungspersönlichkeiten zum Abschuss freigibt. Man kann aber deren Moral noch viel nachhaltiger treffen und dauerhafter. Ermordete Führer werden schließlich zu Märtyrern, sie leben weiter im Volk, wie die alljährlichen Märsche Zehntausender zur Grabstätte von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zeigen. Der Rufmord gegen vom Volk hochgeschätzte Führungspersönlichkeiten und zwar organisiert von oben herab aus den eigenen Reihen ist eine viel wirksamere Waffe als bloßer Mord.

Zwar wird der Erfolg auch nicht ewig währen, weil Tatsachen eine beharrliche Qualität haben, aber man kann über lange Zeiträume hinweg viel Unheil mit solchem Vorgehen anstiften. Wenn die Argumente der Gegenseite von den (vermeintlich) Eigenen vorgetragen werden und sich gegen gewählte und hochgeschätzte Repräsentanten richten, untergräbt das die Autorität ihres gesamten Wirkens. Noch effektiver ist es, nicht nur Personen, sondern mit ihnen die theoretischen Grundlagen zu verteufeln, ohne die keine Praxis erfolgreich sein kann.

In unserem Lande gibt es derzeit aus Gründen solcher historischer und theoretischer Begriffsverwirrung keine Partei, die über genügend historische Kenntnisse und über das nötige Analyse-Instrumentarium verfügt, um erfolgreich programmatisch für die Interessen der Mehrheit des Volkes zu arbeiten. Ähnliches gilt das für weite Teile der Erde. Computerprogramme können da auch nicht weiterhelfen. Es muss vielmehr die Bereitschaft wieder entstehen, sich das gesamte Erbe, die gesamte Hinterlassenschaft der Arbeiter- und sozialistischen Bewegung anzueignen. Die gesamte Aufbauleistung der UdSSR zwischen 1924 und 1939, die Kriegsvermeidungspolitik der sowjetischen Regierung zwischen 1939 und 1941, die strategischen Leistungen des Sowjetvolkes beim Niederringen Nazideutschlands werden ebenso ausgeblendet wie die Verdienste der Sowjetunion um den Wiederaufbau des vom Kriege verheerten Landes. Besonders hinderlich ist für die vorurteilslose Befassung mit einem so bedeutsamen Geschichtsabschnitt, dass auch sehr profilierte und engagierte Menschen, ja Kommunisten, die in der DDR geschult wurden und Geschichte lehrten, sich der vom Mainstream und leider auch von der kommunistischen Führung vorgegebenen Geschichtsdeutung scheinbar unhinterfragt unterworfen haben.

Dies geschieht so, während die herrschenden Kreise sehr wohl wissen, warum sie an diesem verqueren Geschichtsbild feilen und jene insgeheim encouragieren die dabei mittun, geht es doch um mehr als Symbolik. Es geht um Vergangenheitspolitik, um die Deutungshoheit der Geschichte,um das Wissen darum, wie man den Sozialismus zum Erfolg führen kann.

Die Chinesen haben vermutlich aus wohlerwogenen Gründen ihren anderen Weg nicht verdammt, obgleich auch sie schwerwiegende Fehler erkannt haben. Vielleicht haben sie als uralte Kulturnation einfach mehr Respekt vor dem Alten, vielleicht aber sind ihnen auch die schmerzlichen Folgen einer Abwendung vom Kurs rascher als anderen deutlich geworden. Dabei haben sich die Chinesen durchaus als kritik- und differenzierungsfähig erwiesen und sind manchen verhängnisvollen Umweg gegangen, wie die von Rolf Berthold (in “Chinas Weg – 60 Jahre Volksrepublik”, Berlin 2009) zugänglich gemachten Dokumente erkennen lassen. Ob ihnen der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft am Ende glücken wird, ob die lateinamerikanischen Gegenmodelle langfristig überlebensfähig sind, auf die wir so große Hoffnungen setzen, hängt am Ende auch von unserer Argumentationsfähigkeit und Einsatzbereitschaft ab.

Das opportunistische Einknicken vor den Verführungen der Macht, vor ihrer Demagogie und ihren Tricks, vor dem – wie angedeutet – auch in globalen Umfang vor Kommunisten nicht gefeit sind, hat aber Millionen Menschenopfer zur Folge. Es ist deswegen an der Zeit, dass das alte Gespenst wiederbelebt und mit neuem Geist erfüllt wird. Die alten Errungenschaften der dem Humanismus verpflichteten Arbeiter- und kommunistischen Bewegung müssen neu entdeckt werden. Die Zeit der Kotaus vor den Herrschenden muss in unserem Überlebensinteresse vorbei sein. Es führt um das Wiedererstarken der sozialistischen Kräfte zu erreichen kein Weg vorbei am Studium der alten Quellen aus der Zeit der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts, an Quellen, in denen die Aufbauleistung der Sowjetunion angemessen gewürdigt wird.(1) Mit Sicherheit sind viele wertvolle Dokumente von interessierter Seite vernichtet worden, aber andere existieren noch und sind uns zugänglich. Wenn wir eines Tages wieder eine kommunistische Partei in Deutschland haben wollen, die ihres Erbes würdig zu sein vermag, die also nicht sozialdemokratischen Ambitionen erliegt, dann erscheint mir die Befassung mit dem gesamten Erbe dafür die unerlässliche Voraussetzung. Goethes Wort mag uns als Leitgedanke dienen: “Was ihr ererbt von euren Vätern, erwerbt es um es zu besitzen”. Im abgrenzenden Sinne gehört dazu allerdings auch die eingehende Befassung mit dem Phänomen Trotzkis, mit seinen Schriften, seinem weltweiten Wirken, um davon Kenntnisse zu haben, auf wen sich seine zahlreichen Epigonen heute berufen und mit welchen Methoden sie gewohnt sind zu arbeiten.(2) Sich einzusetzen für die Wiedergeburt oder das Wiedererwachen einer kommunistischen Partei, die für die moderne Arbeiterklasse, für Kopf- und Handarbeiter, für Millionen Angehörige des Dienstleistungsgewerbes, für das Prekariat, für die durch kapitalistische Anwendung modernster Technologie freigesetzten arbeitslosen Massen zu kämpfen vermag und das mit der nötigen parteilichen Klarheit im Kopf, setzt die ganze Aneignung der Geschichte des Sozialismus und der Ursachen für sein vorübergehendes Scheitern voraus. Wer sich allerdings der Anstrengung umfangreicher Lektüre und theoretisch eingehender Schulung nicht unterziehen möchte, der kann kaum dem dafür erforderlichen Avantgardeanspruch gerecht werden.

Anmerkungen:

(1) Stellvertretend seien hier nur etwa genannt das populäre Buch vom “roten Bischof” von Canterbury: Hewlett Johnson, “The Socialist Sixth of the World”, London erstmals 1939, dann in 16. Auflage (!) 1942, Victor Gollancz Verlag oder “20 Jahre Sowjetmacht – Ein Handbuch über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Struktur der UdSSR”, hrsg. von G. Friedrich/F. Lang, Editions Promethee Strasbourg, 1937 oder “The Great Conspiracy against Russia” by Michael Sayers und Albert E. Kahn, special introduction by Senator Claude Pepper, first published in New York February 1946, Boni and Gear Incorporated Publishers, 15 East 40th Street New York 16, N.Y. deutsch erstmals unter dem Titel Die große Verschwörung bei Volk und Welt 1949, leider ohne das sehr wichtige Vorwort. Es handelt sich nachweislich nicht um ein “stalinistisches Machwerk” (Steigerwald), sondern um das Recherchewerk damals sehr populärer US-amerikanischer investigativer Journalisten, die auch Bestseller fabriziert hatten wie “Sabotage – the Secret War Against America” und “The Plot Against Peace”. Das Buch wurde von großen Medien wie Newsweek, Chicago News oder New York Harald Tribune als hervorragender Beitrag zum Frieden gewürdigt – vor Ausbruch des Kalten Krieges.

Dort wird auch anhand von überprüfbaren Quellennachweisen der Behauptung widersprochen, Trotzki sei einem von Stalin beorderten Auftragsmörder zum Opfer gefallen.

Als Hinweis wie am Negativ-Image von Stalin von pan-europäischer Seite gearbeitet und der Begriff “Stalinismus” lange vor den Prozessen 1935 geprägt wurde, siehe Coudenhove-Kalergi “Stalin und Co.” Paneuropa-Verlag Wien-Leipzig, 1931

(2) Zu Trotzki siehe außer oben Sayers/Kahn auch Max Seydewitz, “Stalin oder Trotzki” Malik-Verlag, London, 1938; Auch Feuchtwanger “1935″ oder Henri Barbusse “Stalin”, Paris 1937 Editions du Carefour, 2. Sonderband der Jahresreihe 1937 der Universum Bücherei übersetzt aus dem Französischen von Alfred Kurella; Auch Isaac Deutscher “Stalin”, eine politische Biografie 2. Auflage 196