Necronomicon_prop

Wollen wir nicht blind gemacht und ohne historisches Bewusstsein in jeder Generation die alten Fehler wiederholen, dann müssen wir unsere Scheuklappen ablegen und die  uns überlieferte Geschichte neu lesen. Wir müssen Tabus als solche erkennen lernen und über sie hinaus denken, damit eine bessere, menschlichere Zukunft von uns gestaltet werden kann.  Denn jeder neue Tag macht  deutlich, worin die Folgen der gewollten Geschichtslosigkeit  für jeden von uns  bestehen:  Krieg, soziale und ökologische Verheerung,  kolossale  Ressourcenverschleuderung, um sich greifende Barbarei, die in völliger Vernichtung menschlicher Existenzgrundlagen enden kann, solange die Verursacher nicht benannt und dingfest gemacht werden.

Weitere Folgen von mangelndem Geschichtsbewusstsein sind Hoffnungslosigkeit und Depression. Aber  all das oben genannte Unheil ist von Menschen gemacht und somit von Menschen überwindbar.

Wollen wir uns dieser durchaus lösbaren Aufgabe, nämlich der Gestaltung einer friedlichen Welt  zuwenden, dann müssen wir allerdings die gängigen, allseits verfügbaren Erklärungen beiseite legen. Geschichte ist geronnene Vergangenheitspolitik. Daher ist der Kampf um ihre Deutung  ein Kampf der Klassen um deren historischen Rechte. Zu allen Zeiten haben die Herrscher  Schreiberlinge beschäftigt, die in ihrem Auftrag und Sinne Mythenbildung betrieben. Das nannten sie dann Geschichtsschreibung. Sämtliche historische Quellen müssen daher  auch der Quellenkritik unterzogen und darauf hin befragt werden, für wen ihr Zeugnis Nutzen trägt.

Lange war es in unserem Lande ganz und gar  verpönt, das Wort “Klassen” überhaupt zu verwenden. Die gängige, selbstverständlich gewordene Sprachregelung, die unser Denken manipuliert, sollte  verhindern, dass wir begreifen, wie die  wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtverteilung innerhalb der Nation beschaffen ist. Inzwischen holt die Wirklichkeit uns ein.  Kaum zu bestreiten ist noch, das wir in einer “Klassengesellschaft” leben.  Der Volksmund weiß  “weil du arm bist, musst du früher sterben.” Das Wort benennt die  bittere Realität jenseits des Methusalem-Syndroms. Der olle Marx und sein Freund Engels hatten eben doch die Verhältnisse richtig charakterisiert und sollten deswegen auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt werden.

Die unter der Last der Kriege ächzenden Nationen und jene Bevölkerungsschichten,  von deren Steuergroschen immer mehr Anteile ins Militärische fließen, so  dass   für lebenswichtige Infrastrukturmaßnahmen nichts mehr übrig bleibt, wissen intuitiv wer Kriegsgewinner und wer Verlierer ist. Die Millionen Arbeitsloser, deren jugendliche oder erfahrene Arbeitskraft zum Müßiggang oder zum Nonsense verurteilt wird, weiß auch Bescheid.

Nur sehr wenige auf diesem Erdenrund aber wissen noch, dass es einmal schon für ein Sechstel der Erde eine klassenlose Gesellschaft gab, ein Sowjetland zu dem die Menschheit aufblickte. Ein Land,  in dem die Demokratie und der gesellschaftliche Fortschritt blühte, in der die Wissenschaft gedieh, die Künste florierten und jeder Bürger nach Maßgabe seiner Fähigkeiten kostenlosen Zugang zu allen Bildungseinrichtungen genoß , die das Land umfassend bereitstellte. Ein Land, in dem die Gesundheitsversorgung für alle sicher gestellt war und wo es keine Arbeitslosigkeit gab. Ein pluralistisches Land, in dem es vielerlei Amts- und Schulsprachen, Hunderte von Ethnien und diverse Religionsgemeinschaften gab. Alle hatten  die gleichen Rechte  und einmütig lebten sie  zusammen  und erwirtschafteten gemeinsam große gesellschaftliche Reichtümer. Rohstoffe besaß dieses größte Land der Erde die Fülle.  Arbeit und Schutz  bot es für qualifizierte Arbeitskräfte und  viele  Einwanderer. Rassenhass und Xenophobie waren Fremdworte geworden.  Ich könnte fortfahren, aber ich weiß wohl um den Widerspruch.

Fast jeder würde hier einwenden, ja aber so war das doch  gar nicht, das ist auch nur Propaganda, da  herrschte doch ein  grausamer Diktator, der vielleicht schlimmer war als Hitler. Nun  hier beginnt das Tabu zu greifen, das größte  und das verwerflichste, das die Menschheitsgeschichte kennt. Es lässt sich diese Denkschranke nicht überwinden, ohne das vorurteilsfreies Quellenstudium. Aber anhand von Zeitdokumente zwischen 1917 und 1956 lässt sich belegen, welcher Geist einmal von Sowjetrussland ausging. Später findet man nur  noch seltene  Zeugnisse von Zeitgenossen, die unvoreingenommen über das Sowjetland berichten.

Immerhin ging mir heute ein interessanter Brief  aus einer späteren Epoche zu, der hier dokumentiert werden soll, wegen seiner ungewöhnlichen Blickrichtung:

Offener Brief Dean Reeds an Alexander Solschenizyn, gefunden in X-Time info vom 23. September 2014

Übersetzung aus dem Russischen: Solveigh Calderin

Verehrter Kunstkollege Solshenizyn!

Ich, als amerikanischer Künstler, muss auf einige Ihrer Beschuldigungen, die in der kapitalistischen Presse auf der ganzen Welt veröffentlicht wurden, antworten. Nach meiner Meinung sind das verlogene Anschuldigungen, und die Völker der Welt müssen wissen, warum sie verlogen sind.

Sie stempelten die Sowjetunion als eine „tiefkranke Gesellschaft, geschlagen von Hass und Ungerechtigkeit“ ab. Sie sagen, dass die sowjetische Regierung „nicht leben kann ohne Feinde und die ganze Atmosphäre von Hass durchtränkt ist, und noch einmal durch Hass, und sie macht nicht einmal vor Rassenhass halt.“ Sie müssen von meiner Heimat sprechen, aber nicht von Ihrer! Denn gerade Amerika, und nicht die Sowjetunion, führt Kriege und schafft gespannte Verhältnisse für mögliche Kriege dadurch, um ihrer Wirtschaft die Möglichkeit zu funktionieren zu geben, aber unseren Diktatoren, dem militärisch-industriellen Komplex, noch mehr Reichtum und Macht durch das Blut des vietnamesischen Volkes, unserer eigenen amerikanischen Soldaten und aller freiheitsliebenden Völker der Erde zu erwerben. Eine kranke Gesellschaft ist bei mir in der Heimat, aber nicht bei Ihnen, Herr Solshenizyn!

Gerade Amerika, aber nicht die Sowjetunion, verwandelte sich in die gewalttätigste Gesellschaft, die man je in der Geschichte der Menschheit kannte. Amerika, wo die Mafia mehr ökonomische Macht besitzt, als die großen Konzerne, und wo unsere Bürger nachts nicht ohne Angst vor verbrecherischen Überfällen auf die Straße gehen können. Denn gerade in den Vereinigten Staaten, aber nicht in der Sowjetunion, wurden in der Zeit seit 1900 mehr Menschen umgebracht als die Anzahl aller amerikanischen Soldaten, die während des ersten und zweiten Weltkrieges und sogar in Korea und Vietnam umkamen! Gerade in unserer Gesellschaft ist es opportun, jeden beliebigen und jeden progressiven Führer umzubringen, der den Mut hat, die Stimme gegen einige unserer Ungerechtigkeiten zu erheben. Das ist eine kranke Gesellschaft, Herr Solshenizyn!

Weiter sprechen Sie von dem Rassenhass! In Amerika, aber nicht in der Sowjetunion, gibt es seit 200 Jahren ungestrafte Ermordungen von Negern, die als Halbsklaven gehalten werden. In Amerika, aber nicht in der Sowjetunion, schlägt die Polizei jeden beliebigen und alle Neger, die für den Schutz ihrer Rechte aufzutreten versuchen, und nimmt sie fest.

Außerdem sagen Sie, dass „die Freiheit des Wortes, die echte und vollkommene Freiheit des Wortes – die erste Bedingung für die Gesundheit einer jeden Gesellschaft und auch unserer“ ist. Versuchen Sie, diese Gedanken bei den leidenden Völker zu verbreiten, die gezwungen sind, für ihre Existenz zu kämpfen und die gegen ihren Willen unter dem Joch diktatorischer Regimes leben, die ihre Macht einzig dank der militärischen Hilfe der USA erhalten.

Erzählen Sie ihre Gedanken Menschen, deren „Gesundheit“ lediglich daraus besteht, dass die Hälfte ihrer Kinder vor der Geburt stirbt, da sie kein Geld für den Arzt haben und die ihr ganzes Leben von dem Fehlen medizinischer Versorgung betroffen sind. Erzählen Sie davon den Menschen der kapitalistischen Welt, deren „Gesundheit“ daraus besteht, ihr ganzes Leben in ständiger Angst vor Arbeitslosigkeit zu verbringen.

Erzählen Sie den amerikanischen Negern, wie oft ihnen wegen der „Gesundheit“ und der „Freiheit des Wortes“ im Prozess ihres gerechten Kampfes für Gleichberechtigung mit den Weißen geholfen wurde, wenn nach zwei Jahrhunderten der „Freiheit des Wortes auf Amerikanisch“ in meinen Regionen der USA gemeint wird, dass einen Neger umzubringen – dasselbe sei, wie einen Bären zu jagen.

Erzählen sie den Werktätigen der kapitalistischen Welt von ihren Ideen wegen der „Freiheit des Wort als erste Bedingung zur Gesundheit“, wenn wegen des Mangels an Geld ihre Söhne und Töchter nicht ihre geistigen Fähigkeiten in der Schule entwickeln können, und darum niemals nicht einmal lesen lernen können! Sie sprechen über die Freiheit des Wortes, wenn ein großer Teil der Bevölkerung des Erdballs noch über die Möglichkeit das Wort zu lesen spricht!

Nein, Herr Solshenizyn, Ihre Feststellung der Freiheit des Wortes als erste Bedingung der Gesundheit ist falsch. Die erste Bedingung besteht darin, ein Land ausreichend moralisch gesund zu machen, geistig, psychisch und physisch, darin ob seine Bürger lesen, schreiben, arbeiten und gemeinsam auf der Erde leben können.

Nein, Herr Solshenizyn, ich verstehe ihre erste Bedingung für die Gesundheit einer Gesellschaft und besonders in Ihrer Definition und Ihrem Kontext nicht. Mein Land, das bekannt ist, für seine „Freiheit des Wortes“, – dieses Land, wo die Polizei Teilnehmer friedlicher Märsche überfällt, in meinem Land sind friedliche Märsche erlaubt, und es führt zur selben Zeit den Krieg fort, der sich im Leben des vietnamesischen Volkes quälend widerspiegelt, denn Demonstrationen ändern natürlich die Politik der Regierung nicht im geringsten. Denken Sie denn tatsächlich, der militärisch-industrielle Komplex, der mein Land und die halbe Welt lenkt, kümmert sich um die „Freiheit des Wortes“?! Ihre Regenten verstehen, dass sie und nur sie, die Macht haben, Entscheidungen zu fällen. Wirklich ist die Freiheit des Wortes in den Worten, aber nicht in den Taten.

Sie erklären auch, dass die Sowjetunion nicht im Schritt des XX. Jahrhunderts geht. Wenn das auch wahr ist, so darum, weil die Sowjetunion immer dem XX. Jahrhundert voraus ging! Wollen Sie Ihrem Volk wirklich vorschlagen, seine Rolle als Führer und Avantgarde aller progressiven Völker der Erde aufzugeben und zu unmenschlichen und grausamen Bedingungen zurückzukehren, die auf dem Rest des Erdballs herrschen, wo Ungerechtigkeit tatsächlich reichlich in der Atmosphäre unter den fast feudalen Bedingungen vieler Länder vorhanden ist? Herr Solshenizyn, in dem Artikel ist weiter gesagt, dass Sie – „ein viel leidender Schriftsteller aus der Sowjetunion“ sind. Offenbar bedeutet das, dass sie wegen der fehlenden moralischen und gesellschaftlichen Prinzipien leiden und dass Ihr Gewissen Sie in den stillen Nachtstunden quält, wenn sie mit sich selbst allein sind.

Es ist wahr, dass die Sowjetunion ihre eigenen Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten* hat, aber alles in der Welt ist doch relativ. Im Prinzip und in der Sache strebt Ihre Gesellschaft zum Erschaffen einer wirklich gesunden und gerechten Gesellschaft. Die Prinzipien, nach denen Ihre Gesellschaft aufgebaut ist, sind gesund, sauber und gerecht, während die Prinzipien, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist, grausam, egoistisch und ungerecht sind. Offensichtlich kann es im Leben Fehler und einige Ungerechtigkeiten geben, aber es ist sicher, dass eine Gesellschaft, die auf einer gerechten Grundlage erbaut ist, größere Perspektiven zu einer gerechten Gesellschaft zu kommen hat als die Gesellschaft, die auf Ungerechtigkeit und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufbaut. Gerade Ihr Land strebt dazu, progressive Schritte im Namen der Menschheit zu unternehmen und wenn sie in irgendetwas unvollkommen ist und manchmal stolpert, so sollten wir nicht aufgrund dieser Unzulänglichkeiten das ganze System verurteilen, sondern wir müssen sie für den Mut und das Streben, neue Wege zu beschreiten, begrüßen.

Aufrichtig, Ihr

Dean Reed**

“Ogonjok”, Nr. 5 (2274), 1971
“Literaturnaja Gaseta”, Nr. 5, 1971

* Vor allem ab 1953 und davor seit 1941 bedingt durch den kriegerischen Überfall seitens Hitlerdeutschland (AKF-Kommentar)

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Dean Reed
Schauspieler
Dean Cyril Reed war ein US-amerikanischer Schauspieler, Sänger, Drehbuchautor und Regisseur. Zu Beginn der 1960er Jahre galt er als lateinamerikanisches Teenageridol. 1966 startete er eine zweite … Wikipedia
Geboren: 22. September 1938, Denver, Colorado, Vereinigte Staaten
Gestorben: 13. Juni 1986, Zeuthen
Ehepartnerinnen: Renate Blume (verh. 1981–1986), Wiebke Reed (verh. 1973–1978)
Kinder: Alexander Reed, Natasha Reed, Ramona Reed
Filme: Adios, Sabata, Blonde Köder für den Mörder

English version, found on www.deanreed.de