Offene Briefe an Führungspersonal scheinen fast das letzte dem Bürger verbleibende Mittel seiner Nichtzustimmung zum kriegstreibenden Meinungstrend Ausdruck zu verleihen, Sie werden eifrig genutzt:

Heinz-Peter Seidel Asternplatz 3 12203 Berlin, 21.04.2014

Offener Brief an Herrn Sascha Hingst, rbb

Sehr geehrter Herr Hingst,
in der Berliner Abendschau des rbb vom 19. April nahmen Sie sich heraus, einen knappen Bericht vom Ostermarsch Berlin auf die folgende Weise wörtlich anzumoderieren:
»Man nehme ein bisschen Antiamerikanismus, jede Menge Kritik an Israel, dazu etwas Sympathie für Kreml-Chef Putin und Verständnis für Syriens Diktator Assad – das Ganze gemischt mit Globalisierungskritik, Antikapitalismus und einer wohl ehrlichen Sorge um den Weltfrieden. Man rühre alles gründlich um, und was dabei rauskommt ist: der Ostermarsch.
Heute war’s wieder soweit. er ist nicht mehr das, was er mal war, weder was die Zahl der Teilnehmer angeht, noch der Inhalte.«
Es mag Vereinzelte geben, die sich an solchem Zynismus delektieren oder ihn womöglich gar als gelungenen Rundumschlag beklatschen.
Das änderte allerdings nichts daran, dass man als Hörer und Zuschauer von Ihnen Ihre persönlichen Befindlichkeiten gegenüber den Ostermarschiererinnen und Ostermarschierer ja überhaupt nicht wissen will.
Was ferner die von Ihnen zusammengerührten angeblichen Inhalte der Veranstaltung betrifft, so zeugt Ihre kleine Einlassung weder von journalistischer Redlichkeit noch von ausreichender Kenntnis der Themen in sachlicher Hinsicht.
Sie kämen zweifellos in die allerpeinlichsten Schwierigkeiten, wenn man Sie veranlassen würde (vielleicht verlangt ja der Sender das einmal von Ihnen), die einzelnen Punkte Ihrer Einleitung sachlich zu konkretisieren.
Ich nenne Ihnen gern die Seite der »Friedenskoordination Berlin« (http://www.frikoberlin.de/oster/2014/flyer.pdf) unter der sich 38 Friedensgruppierungen für die Durchführung des Ostermarsches versammelt haben und auf der Sie ausführlich die Inhalte des Ostermarsches beschrieben finden, die allerdings in eine Anmoderation gehört hätten, welche dagegen Sie zugunsten der Gelegenheit zu primitivster Häme komplett verschwiegen haben.
Sie billigen dem Ostermarsch beiläufig eine »wohl ehrliche(n) Sorge um den Weltfrieden« zu, allein, man wird den schlechten Geschmack nicht los, dass solches Füllsel eher Ihrer eigenen Absicherung dient, denn dem Ausdruck Ihrer aufrichtigen Meinung.
Kurz: Was Sie da und wie Sie das geboten haben, steht Ihnen als Fernsehansager nicht zu.
Ich wünsche Ihnen, dass sich in Ihrem beruflichen Umfeld gereifte und souveräne Persönlichkeiten finden möchten, die es vermögen, Ihnen die Maske der Überheblichkeit herunter zu nehmen und Ihnen – vielleicht etwas schonend, aber hoffentlich ganz unmissverständlich – Ihre journalistischen Unzulänglichkeiten und Defizite aufzuzeigen.
Freilich müssten Sie dafür schon auch ein offenes Ohr aufbieten können. Und dann schließlich wäre es an Ihnen, etwas draus zu machen.
Es könnte gehen – Sie sind ja noch einigermaßen jung.
Mit freundlichen Grüßen

Heinz-Peter Seidel

Herrn Sascha Hingst Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) Abendschau Masurenallee 8-14 14057 Berlin sascha.hingst@rbb-online.de www.rbb-online.de
7. Mai 2014

Sehr geehrter Herr Hingst,

Sie haben offenkundig gründlich missverstanden, was mich zu dem Offenen Brief vom 22.04.2014 an Sie veranlasst hatte. Es ging um Ihre Anmoderation des Kurzberichtes vom Berliner Ostermarsch 2014. Für die Weise, wie Sie das gemacht haben, wäre etwa die journalistische Darstellungsform des Kommentars, auf anderer stilistischer Ebene die der Glosse womöglich in Frage gekommen, oder sie hätten das als Ihr persönliches Statement in einer thematisch entsprechend ausgerichteten Diskussionsrunde loslassen können. Aber weder zum einen noch zum anderen waren Sie aufgerufen.
Sie sind selbstverständlich nicht in der Lage, ernsthaft zu präzisieren, was das konkret sein soll: »ein bisschen Antiamerikanismus«, » jede Menge Kritik an Israel«, »etwas Sympathie für Kreml-Chef Putin« etc. Es ging Ihnen vielmehr erkennbar darum, von vornherein den Berliner Ostermarsch auf billigste Weise zu diffamieren, und Sie haben dazu Ihre zwangsläufig weit in die Öffentlichkeit reichende Funktion als Fernsehansager missbraucht!
Hierum ging es und um nichts anderes. Und das hat ja nicht nur mich empört. Ihre privaten Meinungen sind dabei irrelevant.
Hierzu sagen Sie freilich nichts, aber machen mich, wozu ich Sie nicht aufgefordert hatte und woran ich offen gestanden auch nicht sonderlich interessiert bin, mit Ihrer »Weltsicht« bekannt, indem Sie das Folgende schreiben, auf das ich anschließend doch mit wenigen Bemerkungen antworten will:

»Sehr geehrter Herr Seidel,
auch wenn es schwer sein mag, das zu akzeptieren, aber nicht jeder, der eine andere Sicht auf die Welt hat, hat sie deshalb falsch verstanden. Ich habe mir die Ostermärsche der vergangenen Jahre sehr gut angeschaut. Ich kennen auch die Seite der Friko, und – was noch wichtiger ist – die Seite der AG Nahost der Friko. Eine Arbeitsgruppe, deren einzige Aufgabe zu sein scheint, permanent nach Sanktionen gegen Israel zu rufen und die Politik Israels aufs Schärfste zu kritisieren. Kein einziges Mal auf dieser Seite findet sich auch nur ein Hauch von Kritik an denen, die Israel mit Terror überziehen. Dafür aber allerhand Verständnis für die Hezbollah und weblinks zu Sympathisantenseiten dieser demokratiefeindlichen Terrororganisation. Man muss nicht lange darüber nachsinnen, wes geistig Kind da seine Finger im Spiel hat. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung hat – ganz nebenbei – schon über den weit verbreiteten Antisemitismus in Deutschlands äußerer Linker, und in der Ostermarschbewegung geschrieben. Und die Bundeszentrale ist ja nun kein rechter Hetzverein. Was Sie auf den Webseiten der Friko – und auf dem Marsch selbst – auch nicht finden, ist Kritik an Russland, Syrien und anderen Kriegstreibern in der Welt. Nein, kritisiert werden stets nur die bösen Imperialisten im Westen, vor allem die Nato. Das ist ein Denken von Vor- Vor- Vor gestern.
Der Kollege, der den Beitrag gemacht hat, hat wahllos Menschen dort angesprochen auf die Probleme unserer Zeit. Die kruden Thesen in den Antworten sprachen Bände. Ein einziger (!) hatte eine ausgewogenen unideologischen Kommentar abgegeben, und den haben wir auch gesendet. Mag sein, daß unser Kamerateam zufällig den falschen begegnet ist, aber das glaube ich ehrlich gesagt nicht, es passt einfach alles zusammen.
Zugegeben, es ist manchmal schwer, in einer veränderten Welt sich verändernde Realitäten wahrzunehmen und auch noch zu akzeptieren. Aber mein Job als Journalist ist, zu hinterfragen. und eben nicht jahrein jahraus vom netten Ostermarsch zu schreiben, wenn der längst nicht mehr so ist, wie zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses. (Ich bin übrigens nicht so jung, wie Sie glaubten kommentieren zu müssen) Zur wehrhaften Demokratie gehört eine freie Presse, die Dinge beim Namen nennt, auch wenn das vielleicht nicht allen politisch korrekt erscheinen mag. Spätestens, nachdem am Rande von Ostermarsch-Veranstaltungen Israel-Fahnen brannten, hat dieser Marsch seine Unschuld verloren. Das in Kombination mit Jubel für GrassńAnti-Israel-Tiraden und besagte Webinhalte der Friko, all das sollte Sie nachdenklich machen. Vielleicht überdenken Sie ja Ihre persönlichen Beleidigungen gegen mich noch einmal und ändern Ihre Haltung zu dieser so gar nicht mehr freiheitlich-friedlichen Veranstaltung und ihren kruden Inhalten.
besten Gruß Sascha Hingst« (29.04.2014)

Sie scheuen sich auch hier nicht, die Sache des Ostermarsches 2014 kurzerhand zu ignorieren, um unvermittelt und um jeden Preis auf jenes selbst gewählte Feld zu gelangen, damit Sie dort munter um sich schlagen und, was Ihnen politisch nicht in den Kram passt, endlich mit »Antisemitismus« verunglimpfen können. So machen Sie das!
Das Verfahren dafür ist bekannt: ‚Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.‘
Ihr »Job als Journalist ist, zu hinterfragen« meinen Sie. Wären Sie nicht besser beraten, statt schnurstracks wo auch immer ‚dahinter‘ zu gründeln und was unterzulegen, erst einmal ganz vorn und direkt die Tatsachen nüchtern und vor allem unvoreingenommen zu betrachten?
Sie empfehlen sich als Vertreter einer »wehrhaften Demokratie« – richtig dagegen ist, dass Demokratie sich eines Journalismus‘, wie Sie ihn vorgeführt haben, erwehren muss.
Ich weiß nicht, Herr Hingst, was Sie umtreibt, obwohl die Tonart, in der Sie schreiben, mir wohlbekannt ist. Ich gehe einmal über solchen Unsinn wie den »Jubel für Grass‘ Anti-Israel- Tiraden« hinweg, beziehe mich abschließend allerdings auf Ihren Satz davor.
Da reden Sie von »Ostermarsch-Veranstaltungen« (Mehrzahl!) und von brennenden »Israel- Fahnen« (Mehrzahl!), sodann, dass deshalb »dieser Marsch« (Berliner Ostermarsch 2014?, »der Ostermarsch« als Sammelbegriff für eine jahrzehntelange Tradition?) »seine Unschuld verloren« habe.
Ich fordere von Ihnen, dass Sie nachweisen, auf a) welchen Ostermarsch-Veranstaltungen, b) wo und c) wann Israel-Fahnen »brannten« und d) was bei Ihnen der Hinweis »am Rande« genau bedeutet.
In Erwartung der verlangten Nachweise Heinz-Peter Seidel
P.S.: Ich werde auch diesen Brief einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Sehr geehrter Herr Seidel,

ich danke Ihnen herzlich für Ihren neuerlichen, demokratiepolitisch wichtigen offenen Brief an den RBB-Journalisten Sascha Hingst, den ich mir erlaube, weiter zu veröffentlichen. (Siehe Anlage)
Jeder, der sich in dieser Republik konsequent für Völkerrecht, Demokratie und Frieden einsetzt, muss inzwischen mit dem bösartig-verleumderischen Vorwurf des “Antisemitismus” rechnen. Wenn nichts mehr geht, dann wird diese Wortwaffe hervorgeholt. Dagegen hilft nur eins: präzise an den Realitäten orientierte Aufklärung. Ich empfehle Herrn Hingst und seinen Kollegen, der tragischen, völkermörderischen Wahrheit in Palästina ins Auge zu sehen.

Im übrigen bitte ich um Kenntnisnahme der Doktorarbeit von UWE KRÜGER “MEDIENMACHT – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alphajournalisten – eine kritische Netzwerkanalyse”. Die im Herbert von Halem Verlag in Berlin 2013 veröffentlichte Studie wurde beim Institut für Praktischen Journalismus- und Kommunikationsfroschung /IPJ vorgelegt.

Die Art und Weise wie die Sache von Menschenrecht und Frieden derzeit medial abgehandelt wird, ist generell himmelschreiend und müsste auch einem ehrlichen Journalisten Sorgen machen. Ausnahmen wie “DIE ANSTALT” oder Sonia Seymour Mikich und einige weniger bekannte bestätigen die himmelschreiende Regel. Uwe Krüger liefert die Erklärung.

Mit besorgten Grüßen an Herrn Hingst und dankbaren an Sie, Herr Seidel

Irene Eckert