Minister-Griechenland

Wir dokumentieren einen offenen Brief des Journalisten Jürgen Elsässer vom 8.April, geschrieben  anlässlich des Moskaubesuchs von Premier Tsipras und fragen uns erneut, warum ist Herr Elsässer ein bevorzugtes Feindbild deutscher Linker und  vermeintlicher Friedenskräfte im Lande?

Lieber Herr Tsipras, bitte lernen Sie von Putin!
Lieber Genosse Tsipras,

ein Gespenst geht um in EU und USA – das Gespenst einer griechisch-russischen Annäherung. Mir als NATO-Gegner macht das Gespenst keine Angst – ganz im Gegenteil, ich würde es gerne heute Abend auch in der Tagesschau sehen: Putin und Tsipras bei der Umarmung im Kreml, der eine mit Krawatte, der andere ohne. Wetten, dass ein Bruderkuss bei zwei dermaßen attraktiven Typen gerade bei der Frauenwelt gut ankommt? “Liebesgrüße aus Moskau” heißt der Film dazu…

Die alten Mumien im Brüsseler Politbüro und Mutti Merkel sind jedenfalls schon gehörig nervös. Elmar Brok, der Ober-Eurokrat der CDU, nannte Ihre Moskau-Reise eine “Drohgebärde”. Sie wollten damit “zeigen, dass Griechenland auch anders könnte”. Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) reagierte verärgert: “Griechenland verlangt und bekommt von der EU viel Solidarität”, jammerte er. “Dann können wir umgekehrt auch Solidarität verlangen – und dass diese Solidarität nicht durch Ausscheren aus gemeinsamen Maßnahmen einseitig aufgekündigt wird.”

Bitte geben Sie diesen Affen etwas Zucker und heizen ihnen weiter ein: Ja, Griechenland kann anders! Ja, Griechenland hat in Russland eine Alternative! Ja, Griechenland muss sich nicht dem Finanzdiktat der Troika beugen. Warum nicht als ersten Schritt, wie Zypern, der russischen Flotte Ankerrechte in den eigenen Häfen einräumen? Der Panzerkreuzer Aurora und das U-Boot Wladiwostok laufen pünktlich zum 8. Mai in Piräus ein – wäre das nicht eine schöne Friedensmanifestation zum 70. Jahrestag des Weltkriegsendes?

Und lassen Sie sich bitte von Putin, der schon ein bissel länger im Geschäft ist, einen kleinen Crashkurs in Sachen Antiimperialismus geben. Putin hat gut erkannt, dass der Hauptfeind in Washington sitzt, nicht in Berlin. Die Russen haben immer, schon zu Sowjetzeiten,  die Falle vermieden, in die Ihre Regierung jetzt – auf Einflüsterung von wem? – hineinzutappen droht: Wegen des Zweiten Weltkrieges Reparationen von Deutschland zu fordern und sich dadurch in einen scharfen Widerspruch zu Deutschland treiben zu lassen. Und Sie müssen zugeben, dass die Russen noch mehr an Wiedergutmachung von Berlin zu fordern gehabt hätten als die Griechen… Aber weder Chrutschow, noch Breschnew, noch Gorbatschow, noch Putin haben diese Rechnung aufgemacht. Das Verhältnis Moskaus zu Deutschland war auf die Gegenwart und Zukunft gerichtet, steckte nicht in der Vergangenheit fest. Dem langen Schatten der Geschichte entkommt man, wenn man für das Hier und Heute ein gutes Auskommen zum beiderseitigen Vorteil sucht.

Und bitte haben Sie keine Angst vor der eigenen Courage! Die beste Lösung für das griechische Volk ist die radikalste: Raus aus dem Euro! Streichen Sie die Auslandsschulden, auch die bei den Deutschen, verzichten Sie gleichzeitig auf weitere Hilfszahlungen der EU (die sowieso bei den Banken landen). Diese Lösung ist für uns Deutsche billiger – und für die Griechen! –, als das ewige Weiter so! Natürlich brauchen Sie außerhalb der EU neue Geldgeber. Aber die Russen und Chinesen werden ihnen etwas Anschubfinanzierung geben – und die griechischen Agrarexporte werden sich in den Supermärkten von Petersburg bis Wladiwostok glänzend verkaufen. Die EU-Sanktionen gegen Russland schaden Euch Griechen ebenso wie allen anderen Europäern – wenn Ihr sie als erstes aufkündigt, werden andere folgen, und dann mit Euch zusammen einen neuen Wirtschaftskreislauf bilden.

Ähnliche Gedanken hatte ich schon im Editorial von COMPACT 3/2015 unter der Überschrift “Tsipras zwischen Putin und Obama” skizziert: “In Deutschland machen ideologische Dünnbrettbohrer Stimmung gegen den Radikalismus von Syriza. Am Ende muss man sich aber eher deswegen sorgen, weil die neue Regierung nicht radikal genug ist: Anstatt die verbreitete Empörung im Volk über die Blutsauger in Brüssel und der Wall Street zu nutzen, um sämtliche Auslandsschulden zu annullieren und die Euro-Todeszone zu verlassen, laviert Tsipras herum. Er sucht nach edlen Spendern, die den Verbleib Griechenlands in der Währungsunion finanzieren – und nicht zufällig richten sich die Blicke aller auf Berlin.

Eine unheilvolle Querfront zeichnet sich ab: Die internationale Hochfinanz verbündet sich mit Syriza, um Deutschland unter Druck zu setzen. (…) Mittlerweile hat sich US-Präsident Barack Obama ebenfalls hinter Tsipras gestellt. Sein Kalkül ist verständlich: Er muss unbedingt verhindern, dass Griechenland den Euro verlässt und die Drachme wiedereinführt – denn das ginge nur mit russischer Hilfe. Auf diese Weise könnte es Putin gelingen, via Athen den Einkreisungsring von EU und NATO gegen sein Land aufzubrechen. Wenn umgekehrt aber Tsipras mit angloamerikanischer Schützenhilfe weiter in der Euro-Zone verbleibt, wird dieser Kurs automatisch zu einer Konfrontation zwischen Athen und Berlin führen. Auch dies ist Obama recht, denn dann kann er die Deutschen als kaltherzig darstellen, die ihre historische Schuld nicht abzahlen wollen – und umso stärker Merkels Solidarität gegen Moskau einfordern.”

Das schrieb ich vor acht Wochen. Mittlerweile ist klar, dass Obamas Unterstützung für Sie nicht nur kühl kalkuliert, sondern auch substanzlos ist – Geld erhalten Sie von ihm nicht. Deswegen sind Sie ja jetzt in Moskau…

In diesem Sinne: Viel Erfolg bei Putin!

Jürgen Elsässer 8. April 2015 Offener Brief zum Moskau-Besuch des griechischen Premiers. Von Jürgen Elsässer, Chefredakteur COMPACT-Magazin

https://www.compact-online.de/lieber-herr-tsipras-bitte-lernen-sie-von-putin/