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“O schöner Tag / wenn endlich der Soldat ins Leben heimkehrt/ in die Menschlichkeit / Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten / Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch”

Diese Worte von Max Picolomini enthalten den Kern der Schillerschen Botschaft und nicht des Soldaten Lied aus dem “Lager Wallensteins”, das anhebt : „Wohlauf Kameraden auf’s Pferd, auf’s Pferd…“

Unzulässig und sinnwidrig wäre es, ausgerechnet das Soldatenlied aus Wallensteins Lager als Beitrag eines Kriegsbegeisterten zu zitieren. Es hieße Friedrich Schillers Lebenswerk Gewalt anzutun, wollte man ihm anhand dieses Liedes kriegerische Gesinnung nachweisen. Sein Wallenstein ist ein Anti-Kriegs-Drama. Im  “Lager“, dem Vorspiel zur eigentlichen dramatischen Handlung aus dem das Soldatenlied stammt, skizziert Schiller die Situation mitten im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), in deren Kontext sein Protagonist, ein politisch höchst ambitionierter Kriegsfürst agiert. Das Lied des Soldaten spiegelt die Denkart der in langen Kriegsjahren entwurzelten, verrohten Männer.

Der Humanist Schiller wird oft sinnwidrig herangezogen. Keineswegs legt er den Soldaten in den Mund, was er selber denkt. Das Schicksal der Lagerbewohner im weiteren Verlauf erweist ihre kriegsverherrlichenden Sprüche als bittere Ironie. Am tragischen Scheitern des Haudegens, Kriegsbarons, Kriegsgewinnlers und – verlierers Wallenstein, der seine geliebten Tochter Thekla auf dem Altar seiner Ränke als Opfer erbringt, wird deutlich wie schrecklich das Geschäft des Krieges ist. Am Ende fällt auch der Gerissenste. Der Historiker Schiller bezieht mit diesem großen, dreigliedrigen Drama Stellung gegen Krieg und Intrigen-Herrschaft. Seine positivsten Helden sind gleichermaßen Max und Thekla. Diese jungen Leute, tragische Opfer des Ränkespiels, verkörpern seine Ideale, sein visionäres Menschenbild, das am Zeitgeist scheitern muss.

Friedrich Schiller verfolgte weder mit seiner Dichtung noch mit seinen theoretischen Texten, weder unbewusst noch absichtsvoll etwa die Würde der Frauen zu reduzieren oder sie einzuengen auf ein Rollenklischee. Wie sein später Kollege Brecht schuf er vielmehr großartige, welthistorisch bedeutsame, positive Frauenfiguren.

Brecht nahm für sein Anti-Kriegsstück Mutter Courage übrigens viele Anregungen aus dem Wallenstein. Schillers Zeile vom Soldaten, als der freieste aller Männer, ist bitterster Hohn. Ähnliche Töne finden wir auch in Brechts Courage. Die Kunst der Ironie zur Entlarvung kriegerischer Politik als zutiefst inhuman, als dem Menschen erniedrigend zum Tier, wird von Schiller vorweggenommen.

Die Humanisten verfolgten alle ein die Gender-Debatte in den Schatten stellendes, geschlechterübergreifendes Menschenbild. Männern und Frauen sollten zur Entfaltung eines Daseins in Würde angehalten werden. Den Menschen so zu bilden, dass er sich über sich selbst hinaus würde erheben können, das war ihr kühner Anspruch und ihr Ziel. Das weibliche Geschlecht wurde in ihrem spezifischen Sosein, in ihrem spezifischen Wesen geachtet! Der Unterschied zwischen Mann und Frau wurde gesehen und gewürdigt. In der nivellierenden Gleichmacherei unserer heutigen Schreiberlingen gehen solche Menschheitsvisionen unter. Moderne Autoren treten die Würde des Menschen im allgemeinen mit Füßen, insbesondere die der Frauen.

„Mars soll nach Schillers Willen nicht die Stunde regieren“

„Mars regiert die Stunde“ auch heute wieder und modernen Autoren fällt nichts Wesentliches dazu mehr ein. Das geflügelte Wort Wallensteins aber mit dem der Tragödie III. Teil beginnt, verweist auf die brennende, verkannte Aktualität des Schillerschen Dramas. Der Protagonist befindet sich in einem tragischen Irrtum über „den tückischen Mars, den alten Schadensstifter“ befangen. Er glaubt nämlich, diesen durch sein Intrigenspiel überlisten zu können. Am Ende ist er ganz allein und wird von des Kaisers Schergen ermordet.
Ähnlich verkannt wird Schillers Gedicht „Spaziergang“. Es wird oft in ähnlicher Weise sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen daraus zitiert.

Der Klassiker Streben gilt kulturaufbauender Menschen- Städte- und Staatenbildung

Wie kein anderes Gedicht zeigt „Der Spaziergang“ Verbindungen, aber auch Unterschiede zwischen der theoretischen und lyrischen Welt Schillers. Seine geschichtsphilosophische Ästhetik, die er in den Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und in seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ formulierte, die Auseinandersetzungen mit Kants Begriff des Erhabenen prägen die Elegie ebenso wie der Rekurs auf Rousseaus kulturpessimistische Gedanken und Traditionen der Landschaftsdichtung Eingang gefunden haben.

“Wanderer, kommst du nach Spa …”

Wenn es da heißt: „Helden stürzten zum Kampf für die Penaten heraus” dann ist das wiederum alles andere als eine Verherrlichung des Krieges! So wenig wie unser Heinrich Böll mit seiner nachdem 2. Weltkrieg verfassten Erzählung “… Wanderer, kommst du nach Spa…“ derartiges in den Sinn kommen konnte, indem er seinen Titel einer Schillerzeile entlehnt. Solches zu unterstellen, wäre Schiller und seinem späten Nachfahren Böll zutiefst unrecht getan. Das sei auch den Grünen ins Stammbuch geschrieben, die sich als Kriegspartei erdreisten den Kriegskritiker Böll als ihren Kronzeugen aufzurufen.

Der Historiker Schiller kennt natürlich seine antike Geschichte genau so gut wie die des Dreißigjährigen Krieges und er weiß, wie der spätere Böll, worauf er hier anspielt: Es waren die treuen, immer zu unrecht verunglimpften (!) Spartaner, die Bündnispartner der Athener, die 500 Jahre vor Christus in der Auseinandersetzung mit den Persern bis zum letzten Mann Attika verteidigt haben, nur um von Athen, dem von uns so hoch gehaltenen, übers Ohr gehauen zu werden. Der unnütze, vermeidbare Krieg mit den Persern im Nordwesten Anatoliens, da wo heute die Türken regieren, wäre abwendbar gewesen. Den Forderungen des Kulturvolkes der Perser nach moderatem Tribut in ihrer Einfluss-Sphäre hätte man entgegen kommen können und die Geschichte wäre friedlicher verlaufen. Nicht zur blinden Gefolgschaftstreue rufen uns die Klassiker auf.

Zurecht sagt Schillers Freund Goethe „Wer nicht von dreitausend Jahren / Sich weiß Rechenschaft zu geben / Bleibt im Dunkeln unerfahren / Mag von Tag zu Tage leben“. Schiller gehört aber zu jenen, die über die Geschichte Bescheid wissen. Der Historiker weiß, um das Blutopfer der Kriege. Er weiß, dass jenes große Opfer der Spartaner vergeblich und folgenreich war, weil es zur Hybris der Athener führte und damit zu weiteren Kriegen.

„Großes wirkte ihr Streit / Größeres wirkte ihr Bund”

Großes wirkte ihr Streit” zielt auf Kampfeinsatz der Spartaner, die im Krieg mit den Persern alle umkommen, einschließlich ihrer beider Könige. Er lässt den treuen und mutigen Spartanern posthum Gerechtigkeit widerfahren, fährt aber fort „Größeres wirkte ihr Bund“ . Damit zielt er auf Einigkeit und friedliche Lösung als dem Kriege vorzuziehen. Wenn aber, durch ungeschickte Politik erst ein Angriff erfolgt, dann, so raisonniert Schiller, dann muss man zusammenhalten und den Aggressor zurückschlagen. Blutige Opfer sind allemal das Ergebnis, Krieg die schlechteste Lösung.

“Ehret die Frauen – sie flechten und weben”

Das handwerklich friedliche Tun der Frauen setzt Schiller sinnbildlich dem männlichen Part im Leben entgegen, den er in inhuman-tragischer Verkennung des Menschen Auftrags wie folgt beobachtet

Feindlich ist des Mannes Streben,
Mit zermalmender Gewalt
Geht der wilde durch das Leben,
Ohne Rast und Aufenthalt.
Was er schuf, zerstört er wieder,
Nimmer ruht der Wünsche Streit,
Nimmer, wie das Haupt der Hyder
Ewig fällt und sich erneut.

Dem werden in ganz anderen, ruhigen, besinnlichen Rhythmen die Eigenschaften der weiblichen Gattung in idealtypischer Weise entgegengestellt. Die Würde der Frauen wird in ihrer friedensbewahrenden, den heimischen Herd schützenden Funktion hervorgehoben. Der schönen kulturstiftenden Tätigkeit der Frauen ist das Überleben der Gattung Mensch zu verdanken. An dieser weiblichen Haltung will er den Menschen orientiert sehen. Das geht weit hinaus über den Geschlechterkampf ins Allgemeinmenschliche.

Der us-amerikanische Film über den von McCarthy verfolgten Drehbuchautor Dalton Trumbo, verdeutlicht auf ganz moderne Weise die Kostbarkeit der Schillerschen Verse. Es war die treue, fürsorgliche Ehefrau Trumbos, die alles zusammenhielt in schlimmer Zeit, als Dalton im Gefängnis saß, als der oskarverdächtige Drehbuchautor Berufsverbot hatte und sich dennoch Tag und Nacht abrackerte, um anonym schreibend die Familie durchzubringen. Seiner Frau gelang es, in harter Zeit als treusorgende Gattin und Friedensstifterin im Hause mit drei Kindern, ein „Nest“ zu bewahren.

Militante Feministinnen, oft kriegerisch aufgestellte Patriotinnen verachten solche Werte der Weiber. Sie schätzen es nicht, wenn da drinnen die tüchtige Hausfrau waltet und ein Minimum an Friedlichkeit bewahrt. Wir aber sollten, ob Frauen ob Männer das immer noch unermüdliche alltägliche Wirken der Heimchen am Herde nicht gering schätzen.
Bewahren, nicht zerstören, die Schöpfung bewahren zu helfen, das sei unser aller Auftrag als Friedensstifter.

Es ist doch ein großes, herzzerreißendes Unheil, das die von Frauen geborenen Männer in Soldatenkluft zwingt. Dazu gebären wir doch nicht unter Schmerzen, dass die Männer dem Vernichtungsapparat dienen werden. Dafür aber gilt es auch das Bewusstsein der Frauen weltweit auf ein ganz anderes Niveau zu heben und wider die unheilstiftenden Emanzen in Führungspositionen Stellung zu beziehen.

Der Klassiker Goethe erkannte wie sein Kollege Schiller vieles von der Tragik der Frauen, die am vollen Menschsein gehindert wurde, zeitbedingt wie auch die Männer. Letztere auf andere Weise. Sie brachten die Tragik des selbstverursachten Menschenschicksals bildsprachlich auf einen hohen Begriff. Aber auch die großen Dichter und Denker waren Opfer und mussten dem Zeitgeist Tribut zollen. Goethe hatte als geschätzter Fürstenmentor in manchem den besseren Part. Aber auch er, friedliebend wie Schiller, musste er mit seinem Herzog in den Krieg gegen die Franzosen ziehen, als Kriegsberichterstatter. Dabei erkannte er mit seinem Weitblick, dass von der Schlacht bei Valmy eine neue Epoche der Weltgeschichte ausging. Er hielt außerdem seinen Sohn vom Kriegsdienst fern und er wusste das Schicksal der Frauen immer wieder zu erfassen und zu reflektieren, wie wenige nur vor ihm.

Goethes Epos „Hermann und Dorothea“ müsste -wie so viele klassische Texte -vor dem aktuellen Hintergrund hier der Flüchtlingsdramatik neu gelesen werden. Auch Goethes Absicht war es nie, die Frau in ihrer Rolle einzuengen oder zu beschränken. Dorothea wird als eine sehr aktive Frauenfigur gezeichnet. Sie führt die deutschsprachigen französischen Flüchtlinge aus den Wirren ihrer Heimat in das damals noch sichere Deutschland, wobei sie durch Hermann unterstützt wird. Lesen wir also die alten Bücher um uns für den Tageskampf um Frieden und Gerechtigkeit und um eine Humanere Welt zu rüsten.
Irene Eckert geschrieben am 30. März 2016