finis Germania

“Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.

Das posthum veröffentlichte Büchlein „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle  ist schwer verdauliche Kost.Es lohnt sich aber den schmalen Text gründlich durchzusehen, denn er berührt Schicksalsfragen der deutschen Nation. Wer sich mit diesem Titel befasst, betritt vermintes Gelände. Einige kuriose Merkwürdigkeiten begleiten sein Erscheinen: Entfernung von der Spiegel-Bestsellerliste, Zurücksetzung des für die Nominierung zuständigen Journalisten Johannes Saltzwedel, die für den Hype um die schwierige Schrift gesorgt hatte, Stigmatisierung als rechtslastige Verschwörungstheorien, posthume Drohung aus tonangebenden Kreisen mit der Auschwitz-Keule, Freitod des Verfassers vor  vielleicht gar nicht beabsichtigter Publikation des strittigen Textes.

Seelische Befindlichkeit unserer intellektuellen Führungskräfte?

Sieferles Thema? Es geht um Lage und Zukunft der Nation,  auch um die seelische Befindlichkeit unserer intellektuellen Elite. Es geht um intellektuelle Selbstquälerei und um die Verzweiflung eines zuvor in Regierungskreisen geachteten, einstmals links verorteten Autors.

Worte aus dem Hyperion von Hölderlin, dem großen unverstandenen Dichter der Deutschen kommen mir in den Sinn: „ Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es / Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke” . Geschrieben wurden diese Zeilen im ausgehenden 18. Jahrhundert, in einer dem Dichter finster erscheinenden Zeit. Gleichwohl bildete genau diese Zeit den Auftakt zu einem revolutionären Jahrhundert , einem Jahrhundert, das die Dichter des Vormärz und Denker wie Marx, Engels und die Arbeiterbewegung hervorbrachte, einer Kraft, die die Welt erschüttern, dem Menschengeschlecht eine neue Vision und Zukunft geben sollte. Ein seelisch Gequälter, großer Einsamer war unser Hölderlin, stand er etwa Pate bei Sieferle?

Das deutsche Vaterland ein geistiger Totengarten?

Mein Vaterland, (liegt) wie ein Totengarten weit umher und mich erwartet vielleicht das Messer des Jägers“  schreibt ein abgrundtief einsam scheinender Hölderlin: „Zwar steh ich allein und trete ruhmlos unter sie…“  Aber ganz anders als Sieferle ahnt der große, junge Zeitgenosse von Schiller und Goethe: Doch Einer, der ein Mensch ist, kann er nicht mehr, denn Hunderte, die nur Teile sind des Menschen?“ und er fordert emphatisch:„…es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt … eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf“ … In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln überall werde es anders.“ 

Der junge Hölderlin hat eine Vision von einer anderen Welt, von einem bildbaren Menschengeschlecht,  bei Sieferle herrscht demgegenüber Kulturpessimismus pur, keinerlei Dialektik im Denken, bei der Beobachtung realer Vorgänge ist mehr sichtbar. Darin spiegelt sich der geistige Zustand unserer Nation, der aber – wie alles von Menschen gemachte – ein überwindbarer ist. Um noch einmal mit Hölderlin zu sprechen: “Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.” Aus der Hymne Patmos spricht  Zuversicht in das Kommende.

Sieferles tödliches, monolithisch-pessimistisches Gesellschaftsbild

In Sieferle Geschichts- und Gesellschaftsbild scheint alles systemischen Vorab-Zwängen zu folgen, alles Geschehen vollzieht sich ohne bewusstes, absichtsvolles Handeln von involvierten menschlichen Akteuren. Da liegt Schuld vor ohne Schuldige oder Schuldiger. Auschwitz ist bei Sieferle eine Schuld von metaphysischer Dimension. Wohin führt uns solch spekulative Betrachtung? Auschwitz und andere Verbrechen ähnlichen Ausmaßes entgleiten einem aus solchem Blickwinkel, man kann real existierende Verantwortlichkeiten für das Geschehen nicht mehr dingfest machen. Die Mörder, ihre Auftraggeber und Hintermänner können sich der Anklage, der Verurteilung und Sühne für ihre Untaten entziehen. Die metaphysische Dimension grauenvoller menschengemachter Verbrechen entzieht sich auch der harten und klaren Beschreibung ihrer Oberfläche, die Sieferle noch für das Beste hält, was man der Welt anbieten könne, die (immerhin!) geheilt werden wolle (S. 89). Im gleichen Atemzug rät er dazu, die Geschichte der Menschheit als grandioses Naturschauspiel anzusehen. Auf natürliche Vorgänge von gewaltigen Ausmaßen hat allerdings der Mensch kaum Einfluß. Dem mit gesellschaftlichen Fragen Befassten drängt sich laut Sieferle dann folglich der Entomologen-Standpunkt auf, also der eines Insektenforschers! Auch scheint er sich selbst als Ikarus zu sehen, dem die Flügel weggeschmolzen sind. Mit solch eingeschränkten Denkwerkzeugen ausgestattet, endet der Kulturpessimist konsequenter Weise in völliger Verzweiflung, beim Freitod.

Der Historiker Sieferle glaubt an die schicksalhafte, letztlich unbeeinflußbare Dimension von geschichtlichen Ereignissen wie etwa die deutsche „Wiedervereinigung“ oder den „Zusammenbruch des Sowjetimperiums“, wobei doch beides von Menschen gemacht, zielstrebig herbeigeführt wurde,  bzw. auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

Sieferles Weltbild ist trotz seiner Besorgnis um menschliche Zustände und Befindlichkeiten elitär, er beklagt einen gleichmacherischen Sozialdemokratismus, spricht vom „Neid der Gewerkschaftsbewegung“, womit er sich eben auf der rechten Seite des gesellschaftlichen Spektrums verortet und sich von den Menschen seines Volkes entfernt, die ja mehrheitlich Lohnempfänger sind. Die Angleichung von Lebensverhältnissen zu erstreben hält er für einen utopischen deutschen, westeuropäischen Traum.

Nun kann man der Sozialdemokratie viel vorwerfen, aber das ursprüngliche soziale Gleichheitsideal war ja nun kein verkehrtes Ziel. Verkehrt war vielmehr die Preisgabe der Ursprungsideale, um der opportunistisch-egoistisch motivierten Teilhabe an einer vermeintlichen Macht willen.

Das Volk der große Lümmel (Heinrich Heine)

Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“

Sieferle fühlt sich anders als Heinrich Heine, bei dessen Nachtgedanken er Anleihe nimmt, von egalitären Tendenzen bedroht, er sieht das deutsche Volk einem Homogenisierungs-Projekt ausgeliefert, das der gesamten Menschheit droht. In den Befreiungsbewegungen des Südens, also der kolonisierten Welt, glaubt er eine anti-europäische Xenophobie am Werk. Das ist schon verstiegener, starker Tobak.

Andererseits liefert Sieferle Gedankengänge, die der Befassung wert sind. Das als bedrohlich empfundene Homogenisierungsprojekt existiert ja wirklich, aber die Ideengeber hierfür sitzen nicht im Süden der Hemisphäre, nicht in den Entwicklungsländern. Es geht vielmehr um das Projekt für ein Neues Amerikanisches Jahrhundert, das die Zerschlagung von Nationen anvisiert. Auch die (wirtschafts-)starke deutsche Nation darf demgemäß keinen Bestand haben. Die Kollektivschuldthese von US-Amerika aus lanciert, trug schon seit 1945 das ihrige dazu bei, einen gesunden Patriotismus nicht aufkommen zu lassen, den es im Osten, also in der DDR allerdings gab. Bert Brecht und Johannes R.Becher trugen zur Grundsteinlegung dafür  bei. Die jüngste – uns aufoktroyierte – Migrationspolitik zielt auf die  Zerrüttung unserer Nation. Die neuerdings gezielt lancierte Akzeptanz des Islam  gehört in diesen Kontext. Mit Toleranz und Menschenfreundlichkeit im Sinne Lessings hat das nichts zu tun, im Gegenteil. Die geheuchelte neu-deutsche Willkommenskultur ist eine großangelegte Farce. Die gezielt lancierten Vorkommnisse zur Unterminierung von Nationen in globalem Maßstab, die das US-imperiale Projekt retten sollen, haben – spätestens seit 1999 -EUropa erreicht.

Die falsche, imperiale Losung ‘No Border – No Nation’ führt ins Aus

Auf der linken Seite des politischen Spektrum wird das ganz reale, menschengemachte, US-gesteuerte Homogenisierungsprojekt weder erkannt noch bedacht, sondern geradezu bejubelt unter der US-imperialen Losung „No Border – No Nation. Die von selbsternannten „Herrenmenschen“ der ‘Ausnahmenation’ ersonnenen Konzepte mit der gezielten Absicht ganze Völker platt zu machen, der Menschheit einen Multikulti – Einheitsbrei zu servieren, wird mit dem linken Auge übersehen. Die unserer Kanzlerin amerikaseits aufgezwungene, illegale Öffnung der Grenzen und die in höchstem Maße zerstörerische Migrationspolitik wird nicht als solche erkannt. Von einer nurmehr falschen, rechtsgewendeten ANTIFA wird der uns von jenseits des Atlantik aufgepfropfte Scham- und Schuldkomplex, das „Auschwitz-Syndrom“ propagiert. Ein gesundes nationales, patriotisches Empfinden wird nicht mehr zugelassen. Die Verbrechen anderer Kolonial- bzw. Imperialmächte werden bestenfalls als Kavaliersdelikte behandelt. Hier setzt Sieferle zurecht ein. Ein g’schametes, schuldbehaftetes Volk aber ist würdelos, kann  seine Rechte nicht mehr verteidigen. Die „Antideutschen“ setzen dem die Krone auf.

An dieser Stelle wäre aber mit Sieferle die fatale Gleichmacherei von Opfern und Tätern anzuprangern, eine folgenreiche Unrechtshandlung. Vergessen werden auf solche Weise Zehntausende, Hunderttausende, ja Millionen Deutsche, nicht nur jüdische Deutsche, die die ersten Opfer der Hitlerei waren. Nicht die Offiziere des 20. Juli, nein die Widerstandskämpfer der Arbeiterschaft, darunter eben auch viele Menschen mosaischer Religionszughörigkeit, die sich gar nicht selbst als Juden definiert haben, haben die Ehre der Nation gerettet. Opfer waren aber auch die entrechteten, schlecht entlohnten Massen, die jungen Soldaten, die auf den Schlachtfeldern zu einem frühen Tod verurteilt wurden. Das Opfer des Arbeiterwiderstands zu würdigen, war das Verdienst Richard von Weizäckers1 in seiner Eigenschaft als Bundespräsident. Auch die vielen deutschen Geistesarbeiter, die ins Exil geflüchtet waren, verkörperten einen nicht vom Faschismus infizierten Teil des deutschen Volkes, den besten!

Was Sieferle, bei aller berechtigten Kritik unterschlägt: Es waren deutsche Antifaschisten, Demokraten, Sozialisten und Kommunisten, die versucht haben, ein anderes Deutschland aufzubauen, die mit der DDR  ein Land geschaffen haben, das einen Teil der deutschen Schuld tatkräftig getilgt hat.

Das Geschwätz von den „Greueln der Revolution, von Bürgerkrieg und Stalinismus“

Ein fataler Grundirrtum rechter, volksfeindlicher Denkschemata, der sich nicht nur bei Sieferle findet, sondern weit bis ins vermeintlich linke Lager hinein verbreitet ist , ist das dumme Geschwätz von den „Greueln der Revolution, von Bürgerkrieg und Stalinismus“. Solche Formeln zeugen von mangelhafter Geschichtskenntnis, von Gehirnwäsche oder einfach von klassenbedingter Verblendung. Es sind solche Verdrehungen und verkehrte Abbildungen realhistorischer Vorgänge, die zu Pessimismus führen müssen, zur Lähmung der Aktivität ganzer Völker, zur Politikverdrossenheit unter jungen Menschen. Deswegen ist es so wichtig, daß zukünftige Historiker sich an die Quellen machen und die Lügen zurechtrücken, die das Bewusstsein von Millionen verunreinigt haben.

Der Antistalinismus, die Gleichsetzung von Hitler und Stalin, ist der folgenreichste Propagandacoup der das Todesröcheln des Imperialismus mit all seinen großangelegten kriegerischen Verbrechen verlängern half. Diese Gleichsetzung überwinden zu helfen, ist die vor uns liegende Aufgabe. Ihrer Nichtbewältigung fiel auch ein Rolf Peter Sieferle letztlich zum Opfer. Die kritische, aufgeklärte Intelligenz früherer Jahre tendierte nach links, zur Sache der Gerechtigkeit. Seit der Verunglimpfung Stalins als Pars Pro Toto für die Sache des Kommunismus, ist die bürgerliche Intelligenz völlig orientierungslos. Auch die einst ruhmreiche internationale Arbeiterbewegung liegt zerrüttet von Selbstzweifeln wegen der für ihre  Sache vermeintlich begangenen Verbrechen wegen,  gelähmt am Boden. Viele ihrer heutigen Führer sind gekauft, ihre Organisationen weitgehend zerschlagen. Die politische Linke mit all ihren Schattierungen – bis hinein ins olivgrün-liberale Lager – ist  diskreditiert, hat sich gar als Kriegspartei akkreditiert.

So lange sie sich nicht frei schwimmt und die historische Lüge abstreift, wird sie nicht wieder auf die Beine kommen. Sie hinterlässt eine Leerstelle oder noch schlimmer, eine klaffende Wunde, die die neurechten Strömungen, zu denen ein Rolf Peter Sieferle unzweifelhaft gehört, nicht füllen, bzw., die  sie nicht wirklich heilen können. Wer aufrichtig ist, wie es ein Sieferle wohl war, der geht vielmehr selbst daran zugrunde. Irene Eckert 2.04.18

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