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27.1.1945  Die Rote Armee befreit das KZ Auschwitz-Birkenau . Ein Jahr zuvor am 27.1.1944 Befreiung von Leningrad durch die Rote Armee . Ein Zusammenhang, der in unser kollektives Gedächtnis gehört.

Rede auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin am 27. 01.2021   am Auschwitz-Gedenktag (Elke Zwinge-Makamizile)

Erinnern wir an die Befreiung des KZ-Auschwitz-Birkenau am 27. 01.1945 und das Ende der Belagerung Leningrads ein Jahr zuvor am 27. 01.1944 , beide Male durch die Rote Armee

 Dank  an die Veranstalterin, dass wir an diesem denkwürdigen Tag auch an das barbarische Verbrechen der Wehrmacht in Leningrad erinnern können.

Der 27. 01. 1944 war das Ende einer Belagerung von 871 Tagen, die im September 1941 begann.

 Das faschistische Hitler-Regime wollte die symbolträchtige Stadt nicht erobern und besetzen, sondern sie durch eine Blockade langsam durch Hungertod strangulieren und vernichten.

Es war ein Todesurteil ohne Beispiel in der Geschichte. Für dreieinhalb Millionen Menschen innerhalb des Belagerungsrings begann eine “Nacht ohne Ende”.

Es gab Tage, da erfroren und verhungerten 6000 Menschen. Sie fielen einfach um, überall, auf Straßen, Krankenhausfluren, Hinterhöfen. Sanitätstrupps hielten mit der Bergung nicht Schritt.

 Die Bilanz war schauerlich. Als die Belagerung nach genau 871 Tagen, am 27. Januar 1944, beendet wurde, hatten rund 1,1 Millionen Leningrader ihr Leben verloren. Sie waren verhungert, erfroren, verreckt im Hagel von 100.000 Fliegerbomben. Eine weitere Million Soldaten der Roten Armee ließen bei der Verteidigung Leningrads ihr Leben. Nie hat eine Stadt Vergleichbares erlitten.

40 Grad Frost. Hunger und Delirium, Menschen aßen Katzen, Ratten, Sägemehl, Leim und Menschenfleisch… unvorstellbar!?

 Wir wollen dies mit Bertolt Brecht zum Ausdruck bringen, der solches Leid in seinem Gedicht “Ein Pferd klagt an” ins Bild setzt:

“Kaum war ich da nämlich zusammengebrochen

Da stürzten aus den Häusern schon
Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben
Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen
Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig
mit dem Sterben.

Aber die kannt‘ ich doch von früher, die Leute!
Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!
Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war
mit ihnen geschehen?

Da fragte ich mich: Was für eine Kälte
Muß über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein
Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!

Im Falle Leningrads und im Falle Auschwitz kam die Rote Armee zu Hilfe. Es gab für die Überlebenden so etwas wie ein Wunder!

(Einspielen der Leningrader Sinfonie)

Im belagerten Leningrad führten am 9. August 1942 völlig entkräftete Musiker Schostakowitschs 7. Sinfonie auf. Es spielten nur 15 Musiker, die von dem Leningrader Sinfonie-Orchester noch am Leben waren.

Vor Schwäche konnten sich die Musiker kaum auf den Beinen halten.

Sie probten mit dem Dirigenten Karl Eliasberg unter Hunger und Schwäche bis zum 9. August 1942. Berühmte Solisten traten ungeachtet des Artilleriebeschusses auf und füllten die Säle, Komponisten verarbeiteten in ihren Werken die Ereignisse, selbst Laien ließen sich nicht von musikalischen Aufführungen abbringen. Es war nicht zuletzt diese Ergebenheit an die Musik, die die Stadt und ihre Bewohner gerettet hat.

Die Leningrader Sinfonie ertönte über viele Lautsprecher in der belagerten, schon zerstörten Stadt. Es war ein Fanal gegen die Barbarei und bestärkte den unglaublichen Willen zum Überleben des Menschlichen.

 Schostakowitsch:

“Meine Sinfonie Nr. 7 widme ich unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem sicheren Sieg über den Feind und meiner Heimatstadt Leningrad”!

Erinnert sei hier ganz besonders an die Bedeutung der Kultur als Stärkung der Widerstandskraft und der kulturellen Identifikation in in existenziellen Zeiten der Geschichte. Besonders unvergesslich bleibt die  Aufführung der Leningrader Sinfonie.

 Welche Widerstandskraft in der Musik steckt, davon zeugen die Kompositionen von Theodorakis zur Zeit der griechischen Obristen- Diktatur, die Musik Victor Jaras zur Zeit des Putsches in Chile. Im Film „Goya“ von Konrad Wolf  wird eine spanische Volkssängerin, die auf den Straßen Lieder singt von der Inquisition verbrannt. In afrikanischen Ländern zur Zeit des Kolonialismus wird die einheimische Musik verpönt, verspottet und gar unter brutalster Strafe untersagt.

Im heutigen Berlin wird bei Corona-Protesten Musik verboten.

Musik und andere Künste in Leningrad waren   in den Tagen der Belagerung von existentieller Bedeutung.

Selbst unter schwierigsten Bedingungen versahen auch Filmemacher ihre Arbeit. Ihre Aufzeichnungen dienten späteren Dokumentationen über die Blockade und gingen in sowjetische Spielfime ein.

In Leningrad, dem heutigen St. Petersburg gibt es einen Gedenkfriedhof, den Piskarjowskoje Gedenkfriedhof (Пискарёвское мемориальное кладбище) er ist eine Gedenkstätte für die Toten während der Blockade und Massenbegräbnisstätte für etwa 470.000 Personen. Das Mahnmal wird von einer hohen Granitmauer umgeben. Dort ist ein Gedicht von Olga Bergholz, einer Überlebenden der Blockade, eingraviert:

Hier liegen Leningrader.
Hier liegen Bürger – Männer, Frauen und Kinder.
Neben ihnen Soldaten der Roten Armee.
Mit ihrem Leben.
Verteidigten sie Dich, Leningrad.
Die Wiege der Revolution.
Nicht alle ihre edlen Namen können wir hier nennen.
So viele sind es unter dem ewigen Schutz von Granit.
Aber wisse, der du diese Steine betrachtest.
Niemand ist vergessen und nichts wird vergessen.

Deshalb sind wir hier:

Niemand ist vergessen und nichts wird vergessen. Nicht vergessen werden darf:

Am 22.Juni 1941 beginnt der ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den die moderne Geschichte kennt. Im Kriegsverlauf sterben zwischen 24 und 40 Millionen Bewohner der Sowjetunion durch die von Hitler geplanten und der Wehrmacht ausgeführten Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung

Was für eine Nacht! Es kam aber  ein Morgen:

1945 rief eine erschütterte Weltgemeinschaft die UNO ins Leben. Sie schuf die UNO-Charta als eingemeißelte Lehre aus Faschismus und Krieg.

Der Präambel der UN-Charta heißt es:

“Wir, die Völker der Vereinten Nationen-sind fest entschlossen, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat.”

Artikel 1 der Charta lautet:

“Die Vereinten Nationen setzen sich folgende Ziele: 

den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationaleStreitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen; 

(2)freundschaftliche, auf der Achtung vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker beruhende Beziehungen zwischen den Nationen zu entwickeln.”

 

So soll es sein. Das internationale Recht als Garant der Zivilisation, als völkerrechtliches Schutzschild gegen alte und neue Seilschaften, gegen Kriegstreiberei und Feindbilder aller Art.

Deshalb sind wir hier.

Wir  erinnern, wir  mahnen, wir fordern,  dass die Politik des Westens die seitens der Politik (nicht aber seitens  der Bevölkerung) eine zunehmende Russlandfeindlichkeit zeitigt.  Diese gilt es  zu beenden und zwar sofort.

Die Nato- Aufrüstung und die Kriegsmanöver gegen Russland sind  zu beenden. Sie sind brandgefährlich.

Die Lehre aus zwei Weltkriegen kann nur  eine Politik der Entspannung und der Kooperation sein. Gerade Deutschland ist aufgerufen seine politische und moralische Verantwortung gegenüber Russland in reale Politik umzusetzen.

Wir, die wir Faschismus und Krieg  im Sinne der UN-Charta als „Geißel der Menschheit“ brandmarken, verurteilen und bekämpfen, danken der Roten Armee für ihre unermesslichen  Opfer für die Befreiung vom Hitler-Faschismus.

Alle friedliebenden Menschen schließen sich diesem Dank an und  dies nicht nur für heute.

(Text-Grundlage von Elke Zwinge-Makamiziles Rede am 27.01.20121 in Berlin, Freidenkerin)