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Edith Ballantyne, geborene Müller, langjährige Generalsekretärin und Präsidentin der “Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit”, einer Organisation, die dieses Jahr im April in Den Haag ihr hundertjähriges Jubiläum als Antikriegs-Organisation feiern könnte, hat sich verdient gemacht um den Weltfrieden. Die kleine, bescheidene Frau verkörpert wie kaum eine zweite das Schicksal und die Tragik der Kriegspolitik des 20. Jahrhunderts.

Mit 16 Jahren musste sie zusammen mit ihrer Familie das schöne Jägersdorf im Böhmerwald verlassen. Die fortschrittliche, junge tschechoslovakische Republik konnte den engagierten Sozialdemokraten nach dem Abschluss des Münchner Abkommens 1938 keine sichere Heimat mehr bieten. Die Henlein-Faschisten bedrohten die fortschrittliche deutsche Minderheit nicht weniger als ihre tschechischen Nachbarn.
Der Weg von der Schulbank direkt ins Exil folgte über Großbritannien, das sich verpflichtet hatte, einen Teil der nach dem Abkommen mit Hitler heimatlos gemachten deutschstämmigen Tschechen aufzunehmen. Bald waren sie auch dort nicht mehr sicher, der Hitlschersche Angriffskrieg stand kurz bevor und so wurden sie nach CANADA verschifft. Dort nahm sich die Pazifische Eisenbahngesellschaft ihrer an. Als willkommene billige Arbeitskräfte durften sie fernab von der gewohnten Zivilisation im Fernen Osten als Farmer Land roden und urbar machen.

Ein harte ungewohnte Arbeit für junge Gymnasiasten und Industriearbeiter, aber auch gesund und abenteuerlich. Dennoch, eine Zukunftsaussicht bot diese Arbeit nicht. Die Jugend war findig und fand Wege zurück in die Zivilisation. In der Stadt Montreal fand die junge Edith als fleißiges ‘deutsches’ Mädchen schließlich Arbeit als Hausangestellte. Die willige Arbeitskraft ersetzte ihrer Dreie. Sie war abhängig, rechtlos und konnte noch immer kein Englisch.

Mit Hilfe von engagierten Frauen der “Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit”, die sich in den 40er Jahren während des Krieges also,  in Kanada vor allem der Betreuung von Flüchtlingen gewidmet hatten, konnte Edith bald einen Weg aus der beinahe Sklaverei finden. Sie nahm eine andere Arbeit im Buchdrucker-Gewerbe an, fand Zeit Englisch zu lernen und begegnete schließlich ihrem zukünftigen Mann, Campell Ballantyne, einem progressiven Journalisten. Mit seiner Hilfe erwarb sie schließlich die kanadische Staatsangehörigkeit und konnte nach dem Krieg mit ihm nach Europa zurückkehren. Der Mann fand Arbeit beim Internationalen Arbeitsbüro, der ILO, einer UN-Agentur, die während des Weltkrieges nach Kanada verlegt worden war. Mit der ILO gingen die Ballantynes nach Genf.

Die junge, intelligente Frau, inzwischen des Englischen perfekt mächtig, fand einstweilen einen Bürojob bei der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Bald gebar sie Cam vier Kinder und war Vorsteherin einer wunderbaren Familie.

Die UN-CHARTA wurde die Bibel der atheistischen Ballantynes. Ihr fühlt sich die 92 jährige bis heute verpflichtet, genauso wie ihre heute in sozialen Berufen in Kanada tätigen Nachkommen.

Als die Hausfrau und Mutter Edith Ballantyne in Genf schließlich erneut auf die WILPF, die ‘Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit’ stieß, Gertrud Bär, deren UN-Botschafterin kennenlernte und später nach dem Tode der engagierten Ligafrau sah, dass der NGO die Auflösung drohte, da fühlte sie sich gerufen. Aus einer Poststelle machte Edith Ballantyne bald einen lebendigen Begegnungsort. Das kleine Ligabüro im ‘Maison Internationale’ in der Rue Varembe gegenüber dem alten Völkerbund-Palast wurde zu Beginn der 80iger des vorigen Jahrhunderts zu einer Drehscheibe für internationale Friedenspolitik.

Leider ist ihrem Anliegen, mit Hilfe der NGO-Community das Wesen des UN-Anliegens sichern zu helfen und mit Hilfe einer einstmals wertvollen Frauenliga einen Beitrag zum Weltfrieden beizusteuern, noch kein durchgreifender Erfolg beschieden.

Immerhin aber hat die kleine, bescheidene, über alle Maßen fleißige Frau durch ihr persönliches Vorbild Grundlagen für künftige Friedensarbeit gelegt. Sie ist, war und wird sein: eine Meisterin der diplomatischen Kunst der Friedensführung.

In ihrem Büro wurde jahrzehntelang nicht nur Weltpolitik erörtert, Edith war auch gefragte Mediatorin in vielen mit der Friedensarbeit verwandten internationalen Fragen. Sie war im Menschenrechtsrat der UN aktiv, stand dem Unterauschuss für Rassismus vor, setzte sich nachhaltig für die Rechte der Frau ein, initiierte als CONGO*-Sekretärin das Friedenszelt in Nairobi und war in Peking zur Abschlusskonferenz der UN-Frauendekade.

Edith hat die ganze Welt bereist und hat so manchem Staatsmann die Hand geschüttelt. Groß und klein suchten ihren Rat in brenzligen Fragen und sie hat sich zur besten Kennerin der UN-Verfassung und ihrer vielen Mechanismen entwickelt.

Selbst heute noch in ihrem Altersruhesitz in Genf geht die Welt bei ihr ein und aus, steht sie in kleinen und großen Lebensfragen ihrem Freundeskreis zur Verfügung, hilft mit Rat und Tat, wo sie kann.

Edith Ballantynes Lebenswerk ist dem Frieden und der Frauenfriedensorganisation IFFF/WILPF gewidmet.

In kriegerischen Zeiten wie diesen, ist es für uns Nachgeborene wichtiger denn je, dieses Erbe, das Erbe der ursprünglichen WILPF hochzuhalten. Edith würde vielleicht sagen.” Even if it is only for the records”.

Ja, die Vorkommnisse festzuhalten, bedeutsame Entschlüsse und Statements zu dokumentieren, darin hat sie immer eine ihrer vornehmsten Aufgaben gesehen. Auch wenn die UN-Charta und die Folgedokumente verraten und mit Füssen getreten werden in diesen Tagen, das ändert nichts an ihrem revolutionären, für die ganze Menschheit bedeutsamen Gehalt. Das gleiche gilt in ihren Augen für das Gründungsdokument der Frauenliga.

Ihre eigene Person möchte sie ungern im Mittelpunkt sehen. Ihr geht es vielmehr darum, dass Errungenschaften festgehalten werden, die der Nachwelt den Frieden erhalten könne und die Meilensteine sind für ein Leben Ungerechtigkeit und Würde.

Wir Nachgeborene  bedürfen natürlich  des Wissens um diese Dokumente. Wir brauchen aber auch die Dokumentation über das Wirken positiver Vor-und Leitbilder. In Zeiten der Verwirrnis, des Verfalls, der vorherrschenden und um sich greifenden Niederträchtigkeit sind positive Leitbilder wichtiger denn je.

Die heutige Linie der WILPF folgt leider nicht dem Vorbild ihrer Urmütter. Die Herauslösung der Frauenanliegen aus den Menschheitsanliegen, ihre quasi Separation von den großen politischen Fragen führt ins Aus, in die feministische Verblendung. Der Mehrheit der weiblichen Weltbevölkerung wird eine solche Programmatik keineswegs gerecht. Sie verzichtet in opportunistischer Manier auf die so dringend gebotene, grundsätzliche Kriegsgegnerschaft und macht damit das Anliegen einer winzigen Frauenelite zu dem Ihren.

Frauensache ist aber immer Menschheitssache, Familiensache, eine Angelegenheit des Überlebens der Gattung.

Mit einer bloßen Gleichstellung der Geschlechter, der Beteiligung der Frauen in Aufsichtsräten (!!) und in den Armeen der Welt haben wir gar nichts gewonnen im Sinne einer humaneren, den Frauen gemäßeren Welt. Im Gegenteil – Frauen müssen heute mehr leisten als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit und zu schlechteren Bedingungen. Wenn sie nicht auf den natürlichen Kinderwunsch und auf Familie verzichten wollen, dann ist ihre Lage verheerender denn je. Frauen werden heute in jungen Jahren beruflich geradezu verheizt. Mit der Intensivierung der Arbeit, sofern sie überhaupt eine gefunden haben, sinkt die Aussicht auf Familiengründung und Kinderwünsche müsse vertagt werden. Selbst Partnerschaften sind schwer zu leben. Von Frauen wird selbstverständlich alles und immer noch mehr verlangt als von Männern. Auf Menstruations- , Schwangerschafts- und Mutterschafts bedingte Einschränkungen wird keinerlei Rücksicht mehr genommen. Solchen frauenbedingten Einschränkungen hat Frau mit Chemie beizukommen. Im Zeichen neoliberaler Globalisierung wird alles zur Privatangelegenheit was nicht dem Profit dient.

Die Einbeziehung von Frauen in den Gewaltapparat ist darüber hinaus fatal für künftige Geschlechter. Die Frauenrollen in den Tatortkrimis sprechen hier Bände. Tag und Nacht hat auch Frau im Einsatz zu sein, pausenlos für den brutalisierenden Kampf gegen das Verbrechen aktiv. Hier stimmt auf zynische Weise die Losung: “You get what you pay for”.

An Edith Ballantynes Einsatz für die richtigen Prinzipien, für das Grundsatzprogramm der Vormütter und Schwestern, der Gründerinnen-Generation der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, ließe sich aufzeigen, was auch heute noch vonnöten ist, nämlich, politisch, das heißt in großen Zusammenhängen zu denken. Die Liga-Gründerinnen-Generation dachte politisch. Die Gründerinnen hatten im Unterschied zu den hurra-patriotischen Blaustrümpfen ihrer Kolleginnen das Wohl der ganzen Gesellschaft , ja der Welt im Auge. Sie gelobten feierlich, die Ursachen der Kriege, der größten Geißel die die Menschheit kennt, zu studieren, um diese überwinden zu helfen.

Wenn für uns heutige die Befassung mit Edith Ballantynes Porträt, mit ihrer Biografie zu etwas nütze sein kann in diesem 100-jährigen Jubiläumsjahr der Frauenliga, dann dazu, den programmatischen Urspung zu erneuern und weg zukommen von der feminstisch-einseitigen und letztlich frauenfeindlichen Politik. Das nach wie vor wertvolle Erbe der internationalen Frauen-Friedens-Organisation müsste dazu neu belebt werden.
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* Congress of Nongovernmental Organizations – (freiwilliger Zusammenschluss vieler bei der UN-akkreditierter Nichtregierungsorganisationen)