tagderbefreiung19450508

Gedenkt der ‘Internationalen’**, denn der Weg zur Befreiung heißt Erinnerung – ein Beitrag von Irene Eckert

 

Das Exil ist auch heute für Millionen Menschen eine qualvolle Alltagserfahrung. Das Exil ist allgegenwärtige Metapher für den Zustand der Ungeborgenheit, der Fremdheit. Das Exil ist ein angenommener Übergangszustand. Der Mensch im Exil verharrt in Wartehaltung* und hofft darauf, in die gute, geliebte Heimat zurückkehren zu können. Die ‘Heimat’ verkörpert dem flüchtigen Exilanten Behausung, Behütung, soziale Einbettung, Aufgehobensein, Vertrautheit, kurz eine bessere Welt, in der es sich leben lässt, in der man der anfallenden Probleme Herr werden kann.

Das Exil erzwingt also einen positiven Gegenentwurf: Erlösung aus dem Elend, Rückkehr aus dem Eiland, dem Ausland, aus der Verbannung, Heimkehr in einen Zustand, wo es sich als Mensch unter Menschen leben lässt. Wo man eine gemeinsame, jedermann verständliche Sprache spricht, wo es sich  leben lässt, da ist Heimat.

Mensch sein heißt überall auf Erden, sich nach einem  heimeligen, heimatlichen, besseren Zustand sehnen und ihn verwirklicht wissen wollen udn zwar  im Verein mit anderen. Solange ein solcher Zustand unerreichbar scheint, verlagern ihn die Menschen in eine fernes Jenseits.

“Wir wollen hier auf Erden schon, das Himmelreich errichten” Heinrich Heine Deutschland, ein Wintermärchen(1844) ***

Der Kommunismus als Vision von einem auf Erden schon zu errichtenden ‘Paradies’, bot einst für Millionen Menschen eine geistige Heimat. Zeitweilig verkörperte  gar die Sowjetunion die annähernde Realisierung des Menschheitstraumes. Die Internationale der Arbeiterbewegung schuf buchstäblich Vertraute überall auf dem Erdenrund. Zu seiner humanistischen Vision bekannten sich begreiflicherweise ganz besonders viele jüdische Menschen, gehörten doch die Angehörigen der mosaischen Religion als “klassische Vertriebene” mehrheitlich zu den Erniedrigten und Beleidigten. Jüdische Menschen verdanken gemäß ihrer Tradition des Disputs, gemäß ihres dialektischen Diskurses über die Auslegung der Tora auch eine besonders intensive Verstandesbildung. Ihr so geschulter, scharfer Verstand prädestinierte sie dazu,  ihre Lage zu analysieren und häufig den Ausweg im ‘Kommunismus’ respektive Sozialismus zu sehen.

Zur Korrektur der unhistorischen, geschichtsvergessenen Sinn-Verkehrung des Begriffs-Inhaltes “Kommunist” in Kurzfassung lese und höre man einmal den simplen und jedermann verständlichen Text der Arbeiterhymne “Internationale” des Franzosen Eugene Potier von 1871, vertont 1888 vom Belgier Pierre Degeyter . Hierin steckt in wenigen simplen Worten der echte Sinnngehalt der proletarischen Bewegung, den die Mächtigen dieser Erde mit aller Gewalt und mit allen Raffinements weghaben müssen, denn einmal realisiert, ver-überflüssigt er sie als gesellschaftliche Klasse. Noch heute verfügen diese kapitalen Kreise über unendliche Mittel zur Verwirrung von Köpfen und Herzen.

Die bedeutendsten Gestesschaffenden der Jahre des aufstrebenden Sozialismus von 1848 – Geburtsstunde des Kommunistischen Manifests – bis zum Ausbruch von Hitlers Vernichtungs-Krieg gegen das Sowjetreich im Juni 1941 und noch  bis zu Stalins Tod 1953 waren dem Sozialismus freundlich gesonnen: Luis Aragon, Henry Barbusse, Bert Brecht, Helene Weigel, Charlie Chaplin, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, der alte Thomas Mann, Maxim Gorki, Howard Fast, Carl von Ossietzky und viel andere mehr.

Sehr viele dieser hellen Geister waren Juden oder mit solchen verehelicht. Führende Parteikader in der Sowjetunion waren jüdischer Herkunft. Deswegen wurde als Zielscheibe von Hitlers Vernichtungs-Feldzug gen Osten der “jüdische Bolschewismus” angegeben.*** Millionen Menschen wurden um der Ausrottung desselben willen physisch liquidiert, in KZs zu Tode gequält, enteignet, ruiniert, in Gefängnisse gesteckt, nach dem Kriege noch mit Zehntausenden Ermittlungsverfahren (!) allein in Deutschland verfolgt. Ihr Hauptvergehen: Sie waren gegen die Wiederaufrüstung in den 50er Jahren und sie sympathisierten mit der DDR und galten daher als Hochverräter. Goebbels wird das Wort zugeschrieben: Wer Jude ist, bestimme ich.

Mit Stalins Tod 1953 begann in der SU der Niedergang des Sozialismus unter falscher Führung.

Der Ukrainer Nikita Chruschtschow war ein Mann des Westens, einer der besonders gut getarnt, “Säuberungen” und Krieg überstanden hatte, einer der sich als “Trotzkistenjäger” verdient gemacht und  viele andere ans Messer geliefert hatte. Seine folgenreiche Abrechnung mit Stalin auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 legte den Grundstein für eine grundlegende Revision des Geschichtsbildes von der bis dahin glorreichen Sowjetunion. Der Text für diese Rede war nicht durch die Parteigremien gegangen. Chruschtschows Vorgehen kam einem Putsch gleich.

Im Schicksalsjahr des NATO-Beitritts 1956 wurde die Kommunistische Partei in Deutschland verboten, das Verbot gilt bis heute. Die 1968 zugelassene DKP musste Auflagen erfüllen, ist in ihrer Programmatik mit der Konsequenz der alten Partei nicht annähernd zu vergleichen. Sie hat keinerlei Anziehungskraft mehr. Die DKP-Gründung unter Willi Brandts sozial-liberlaer Koalition kann als geschickte Einbindung und allmähliche Aufreibung der Restbestände der alten illegalen Parteikader gewertet werden. Das Berufsverbot zur Wiederherstellung der Grundsätze des Berufsbeamtentums 1972 tat das Übrige.

Was die Gewalt nicht schafft, schafft Schliche, Unterwanderung und Beherrschung der Medien

Am folgenreichsten war die innere Zersetzung der Sowjetunion unter Chruschtschow und endlich die Preisgabe der  Errungenschaften der UdSSR unter Gorbatschow. Sein Amtsnachfolger Boris Jelzin, der Alkoholiker, setzte alles daran,  auch noch die Restbestände des großen und vor allem rohstoffreichen Russland dem Westen auszuliefern. Für einige wenige Oligarchen bedeutete das eine unendliche Bereicherung. Erst mit Wladimir Putins Amtsantritt am 31. 12. 1999 änderte sich die russische Politik wieder und begann  sich erneut an den nationalen Belangen des russischen Volkes zu  orientieren. Der Total-Ausverkauf wurde gestoppt. Keineswegs aber handelte sich um eine irgendwie geartete Rückkehr zum Sozialismus. Aber nationaler Widerstand genügt, denn er  schadet  den NATO-Interessen unter US-amerikanischer Führung. Präsident Putin mutierte  in den kapitalen Kreisen des Westens  bald zum meist gehassten Politiker. Er wurde von den Konzernmedien 2014 als neuer “Stalin” verteufelt, ja gar als Hitler dämonisiert, der widersinniger Weise Europa angreift!!!!

Spätestens im Verlaufe des letzten Jahres wurde überdeutlich, was totalitäre Propaganda vermag und wie vollkommen die Medien der Welt mithilfe der US-Konzenre gesteuert werden können.

Geschichtsvergessenheit ermöglichte so am Ende eines jahrzehntelangen Prozesses die völlige Dämonisierung des einst weltweit hoch geschätzten Sowjetführers STALIN. Damit war der Kommunismus erledigt. McCarthy’s Kommunistenhatz in den USA der 50iger Jahre, der Justizmord am jüdischen Kommunistenpaar Rosenberg, die Zerstörung vieler einst populärer Existenzen, man denke etwa an den beliebten Krimi Autor Dashiell Hammet, an die ‘Hollywood Zehn’ von 1948 *****, an die Diskriminierung Arthur Millers und vieles dergleichen mehr.

Danach war alles andere möglich. Man erinnert sich an die Dämonisierung nicht kommunistischer, aber widerspenstiger, unliebsamer Staatschefs, die sich US-Diktaten nicht bedingungslos beugen wollten und die schließlich würde- und schamlos ermordet wurden, so etwa Milosevic, Hussein, Gaddafi.

Das DDR-Staatsoberhaupt Honnecker – unter Hitler bereits im Zuchthaus – wurde nach 1990 erneut dahin verdammt. Anders als der zum Rücktritt gezwungene Ulbrich, war Honnecker kein großer Staatsmann, hat aber solche Behandlung gewiss nicht verdient. Die ihm zuteil gewordene, neuerliche  Inhaftierung ist vielmehr ein Justiz-Skandal, mit dem man die alte Politik fortsetzt. Staatschef Honnecker musste als STASI-Symbol für seine “Starrheit” und Unbotmäßigkeit und für sein Bekenntnis zum Arbeiter- und Bauernstaat büßen. Er büßte  wie Milosevic, Hussein, Gaddafi.

Nicht nur in Europa, auch in Asien, in Indonesien allein wurden in den 60er Jahren hunderttausende Kommunisten oder als solche Verleumdete unter US-Anleitung ‘umgelegt’. Das sollte ernsthaft zu der Frage verleiten, durch  welches Vergehen sie sich zu Tod-Feinden des Imperiums gemacht haben.

Verleumdung, Stigmatisierung, Vergessen

Am schlimmsten und nachhaltigsten gegen den Kommunismus und seine engagiertesten Verfechter wirkte allerdings am Ende der Rufmord und die Sinnentstellung des Ideengehalts der potentiell menschheitsbefreienden Ideologie. Die klassischen Texte wurden als unmodern und völlig untauglich zum Erfassen der “Postmoderne” verunglimpft. Seit Mitte der 80er Jahre werden sie so gut wie nicht mehr gelesen, geschweige denn studiert. Sie enthalten aber das wertvollste Erbe der Menschheit: Karl Marx und Friedrich Engels Schriften analysieren das Wesen des Kapitalismus und seine Wirkungsmechanismen. Sie benennen die sozialen Kräfte, die ihn überwinden könnten, wären sie sich dessen erst  bewusst. LENIN entwickelt die Parteitheorie und legt so die praktischen Grundsteine dafür, die großen Menschheitsträume in die Tat umzusetzen. Er fällt früh einem Attentat zum Opfer.
STALIN verhilft mit der Klarheit und Verständlichkeit seiner umfänglichen Schriften, vor allem aber mit seinem Mut und seiner unermüdlichen Tatkraft immer im Kollektiv mit anderen Klarsichtigen dazu, Lenins Werk zur Überwindung des Elends in seinem großen Lande zum Erfolg zu verhelfen. Er schuf  der Welt ein Vorbild.

Stalins Werke gelten heute bestenfalls als Schrott. Die braunen Bände gibt es zum Schleuderpreis.

Die umfassendste ‘Bücherverbrennung’ der Neuzeit fand nicht unter den Nazis, sondern nach 1990 mit der völligen Entsorgung des Bücherbestandes der DDR statt. Auf dem Müllhaufen der Geschichte landet ein großartiger, fortschrittlicher Bücherbestand und zwar ganz wörtlich. Viele der nach 1989 eingestampften Bücher, eisnt in der DDR gewürdigt und neu aufgelegt, stammten aus dem Bestand der einstmaligen “Exil-Literatur”. Viele dieser Bücher  werden bis heute verramscht, gelten als unbekannt, unbeduetend. Es sind darunter vom DDR-Aufbauverlag editierte Schriften von Anna Sehgers bis Lion Feuchtwanger.

Ich selbst habe zur Wendezeit die Klassiker “entsorgt” –  genauso wie man es zur McCarthy in den USA gemacht hat.

Auch deswegen, rate ich dazu, das Vergangene wieder auszugraben, denn in der Asche finden sich wertvolle, menschheitsbefreiende Funken, die das Feuer wieder zu entzünden vermögen..
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*siehe Lionel Feuchtwangers Wartesaal-Trilogie, speziell der “EXIL”- Roman

***http://www.heinrich-heine-denkmal.de/heine-texte/caput01.shtml

**** Daß es bekanntermaßen, historisch bedingt, auch jüdische Blutsauger gab, kam der Propagandamaschine von Goebbels zu Pass. Siehe etwa den üblen Filmstreifen “Jüd Süß” von Veit Harlan, eine sinnverkehrte Filmparodie auf Lion Feuchtwangers  weltberühmten, gleichnamigen Roman. Man zog gegen das “jüdische”, das “raffende” Kapital zu Felde und schonte das eigene als das “schaffende”.

*****  ‘Hollywood Ten’ ist die Bezeichnung für zehn Drehbuchautoren, Schauspieler und Regisseure aus Hollywood, die sich geweigert hatten, vor dem Ausschuss des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten von Amerika zur Untersuchung „unamerikanischer Umtriebe“ über Mitgliedschaften in der kommunistischen Partei auszusagen, und die daher Anfang 1948 zu Haftstrafen verurteilt wurden.

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Liedtext der Internationalen:

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!
|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht. :|
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!
|: :|
In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!
Das Lied Die Internationale gilt weltweit als Hymne des Sozialismus und Kommunismus und wurde in die meisten Sprachen der Welt übersetzt. In einigen kommunistisch regierten Staaten nahm sie einen nahezu gleichrangigen Platz wie die jeweilige Nationalhymne ein, unter anderem in der DDR.