“Schwer ist es, der Wahrheit zu widerstehen” so zitiert der Tübinger Philosoph Manfred Frank gleich zweimal den ansonsten in Deutschland noch immer verfemten Dichter Bert Brecht und sein größtes dramatisches Werk, den “Galileo Galilei” anlässlich des bevorstehenden UNESCO Welttages der Philosophie am 21. November. So geschehen im Deutschlandfunk Frühprogramm zum heutigen Sonntag.

In Anbetracht der zeitgeistgemäßen, aber durchaus bedrohlichen Hypertrophie der Naturwissenschaft ist das Brechtwerk und der Philosophiegedenktag eine wertvolle Möglichkeit daran zu erinnern, dass Geist und Naturwissenschaft sich nicht widersprechen. Richtig hebt der Deutschlandfunk in seiner Frühsendung daher hervor, dass die Philosophie, die Liebe zur Weisheit also, die Mutter aller akademischen Disziplinen verkörpert und das es theoretische Physiker waren, die an der Wiege dieser Mutterdisziplin gestanden haben. Von Thales bis Einstein war ihnen das Staunen über die Welt und ihre Beschaffenheit Ausgangspunkt all ihrer Erwägungen und Forschungen.
Echte Philosophen bedienten sich zu allen Zeiten des gleichen Handwerkszeugs wie die Wissenschaftler aller Disziplinen, mehr noch, sie entwickelten dieses überhaupt erst, nämlich Rationalität und beweiskräftige Argumentation. Ging es ihnen im Bemühen um das rechte und gute Leben doch stets darum, Begründungen mit Geltungsanspruch zu liefern oder eben genauso fundierten Widerspruch zu ermöglichen. Der Zweifel gehört ebenso in ihren “Handwerkskasten”.

Arte lieferte gestern Abend mit der Doku-Sendung über das Leben und Wirken Leonardo da Vincis ebenfalls einen schönen Beitrag dazu, wie naturwissenschaftliches Schaffen und Wirken keinesfalls im Widerspruch zu geisteswissenschaftlich-künstlerisch großartigen Leistungen stehen muss. Im Gegenteil, die Schönheit von da Vincis Kunstschaffen ist durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen erst zur der zeitlos gültigen Aussagekraft erwachsen.

Wenn heute allerorten noch immer “postmodern” die Möglichkeit bestritten wird, der “Wahrheit” habhaft zu werden und gleichzeitig der Naturwissenschaft durch einzigartige materielle Ausstattung jeglicher Raum frei gemacht, Wahrheiten dort zu finden, wo man sie brauchen und in bare Münze umsetzen kann, so zeigt dies die immer gefährlicher werdende Beschränktheiten unserer Tage. Es widerlegt aber auch den grundsätzlich falschen postmodernen Denkansatz.

Wahrheiten werden schließlich dort gefunden, wo man Forschungsmittel frei setzt, Expeditionen großzügig ausstattet, Manpower zur Verfügung stellt, Interesse weckt.

Die menschliche Geschichte mit allem, was dazu gehört, ist ein genauso bedeutendes Forschungsfeld
wie die Natur und ihre Gesetzmäßigkeiten. Wir müssen uns wieder darauf besinnen. Menschen können vom Menschen geschaffene Probleme lösen. Es bedarf allerdings eines geschulten Interesses daran, die Menschheit aus der Sackgasse heraus zu manövrieren, in die sie ein gieriger Geist geführt hat. Im Interesse des Überlebens dieses Planeten, der unser aller Lebensgrundlage darstellt, wehren wir uns angesichts des herannahenden Welttages der Philosophie gegen die Verengung unseres Horizonts hin zu den “digital humanities”, die uns keinen Weg da heraus weisen können.

Irene Eckert am 17. November 2013