Chinas Ode an den großen deutschen Dichter Friedrich Schiller

Friedrich Schiller war und ist nicht nur in Deutschland, sondern auch im weit entfernen China einflussreich und beliebt. Mitte Mai sind in der chinesischen Hauptstadt Beijing Akademiker, Literatur- und Kunstschaffende sowie Schillerfreunde zusammengekommen, um sich über Friedrich Schiller auszutauschen.Am 9. Mai vor 200 Jahren starb in Weimar der große deutsche Lyriker, Dramatiker und Historiker Friedrich Schiller. Deutschland hat aus diesem Anlass das Jahr 2005 zum Schillerjahr erklärt. In diesem Rahmen finden dort zahlreiche Veranstaltungen statt. Aber auch in China wird Friedrich Schiller in diesem Jahr angemessen gewürdigt. Mitte Mai fand in der chinesischen Hauptstadt Beijing eine feierliche Gedenkveranstaltung zum 200. Todestag des großen deutschen Dichters statt, an der mehr als 200 Vertreter aus Politik, Sozialwissenschaft, Literatur und Kunst teilnahmen.An der Gedenkveranstaltung, die von der Studiengesellschaft für deutsche Literatur der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften organisiert worden war, nahmen Vertreter der Akademie sowie der Gesellschaft für die Freundschaft des Chinesischen Volkes mit dem Ausland und des chinesischen Schriftstellerverbandes teil. In verschiedenen Ansprachen und Vorträgen würdigten sie Schillers Beitrag zu Literatur, Geschichte und zur menschlichen Entwicklung.

Der Präsident der Studiengesellschaft für deutsche Literatur, Ye Tingfang, bezeichnete in seinem Fachvortrag Schiller als einen der ganz Großen der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts:

“Diese Zeit war, wie Friedrich Engels sagte, politisch und gesellschaftlich ruhmlos, literarisch aber großartig. Das ist vor allem auf die Literaturmeister Geothe und Schiller zurückzuführen. Ihre Leistungen sind die brillantesten in der Geschichte der deutschen Literatur, die bis heute nicht übertroffen wurden.”

Unter den Ehrengästen der Veranstaltung war auf deutscher Seite der deutsche Botschafter in Beijing Dr. Volker Stanzel. Er brachte in seiner Ansprache das Gedenken an Schiller mit der Kritik an der deutschen Nation wegen der Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus in Zusammenhang:

“Der Historiker Schiller, der Zeitgenosse der sogar nicht unblutigen Französischen Revolution, war in seiner besessenen Leidenschaft für Gutes und Schönes wohl ein Idealist, indes kein Phantast. Sein sprühender moralischer Drang entsprang einer Zeit, die ihre eigenen Schrecken kannte. Und Schiller setzte diesem Schrecken seine Vision als Wegweiser in bessere Zeiten entgegen. Sein zentrales Thema, die Freiheit des Einzelnen im Angesicht unterdrückender Macht, ist so zeitlos wie wirklichkeitsnah. Das führt mich zur Antwort auf die Frage, ob wir uns nach der Nazi-Barbarei Schillers Denken neu nähern können? Vielleicht können wir es sogar besser gerade nach den Tragödien, die unser Land verschuldet und erlitten hat, auch wenn unser sprachlicher Ton heute anders klingen mag.”

Zu den Höhepunkten der Gedenkfeier gehörte die Darbietung der chinesischen Übersetzung von Schillers Ode “An die Freude”. Vorgetragen wurde sie vom Übersetzer selbst, dem 81jährigen Germanistikprofessor Yan Baoyu an der Peking-Universität.

Yan Baoyu, der den Widerstandskampf gegen die japanischen Aggressoren während des Zweiten Weltkrieges miterlebt hat, plädierte für eine Ehrung Schillers als “Ehrenbürger der Volksrepublik China”:

“Nach der Französischen Revolution 1789 wurde Schiller neben Klopstock zum “Ehrenbürger Frankreichs” erklärt. Meiner Meinung nach ist Schiller auch der Bezeichnung “Ehrenbürger der Volksrepublik China” würdig. Der bekannte chinesische Dramatiker Chen Baichen hat während des antijapanischen Widerstandskrieges Schillers Drama “Wilhelm Tell” auf chinesische Bühne gebracht. Die Figuren trugen dabei chinesische Namen. Damals mangelte es in China an Dramen, die sich Themen wie in “Wilhelm Tell” widmeten. Dieses Drama hat das chinesische Volk in großem Maße zum Kampf gegen die japanischen Aggressoren ermutigt. In diesem Sinne hat Schiller auch zum antijapanischen Widerstandskrieg Chinas beigetragen.”

Professor Yan Baoyu hatte Schillers Ode “An die Freude” vor 46 Jahren übersetzt. Nunmehr 81-jährig, war es für den Professor zweifelsohne nicht leicht, das Jugendgedicht von Schiller voller Leidenschaft vorzutragen. Doch er schaffte es, aus Liebe und Dankbarkeit für den großen deutschen Dichter. In seinem Vortrag zollte er Schillers Muttersprache Respekt, in dem er die erste Strophe des Gedichtes auf Deutsch aufsagte:

“Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken

Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,

Was der Mode streng geteilt;

Alle Menschen werden Brüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

Seid umschlungen, Millionen!

Diesen Kuss der ganzen Welt!

Brüder – über’m Sternenzelt

Muss ein lieber Vater wohnen.”

Und dann trug Professor Yan Baoyu die chinesische Übersetzung des Gedichtes vor:

Die Gedenkfeier war in ein musikalisches Rahmenprogramm gefasst. Lehrer und Studenten des Zentralen Musikkonservatoriums präsentierten Musikstücke mit Texten von Friedrich Schiller.

Zum Abschluss der Gedenkfeier wurde ein Ausschnitt aus der chinesischen Inszenierung von Schillers Drama “Turandot” vorgestellt, aufgeführt von Studentinnen und Studenten der Zentralen Theaterhochschule. Der Rektor der Zentralen Theaterhochschule, Liu Libin, verwies darauf, dass das klassische Werk “Turandot” bereits als Oper, Tanzdrama und nun auch als Peking-Oper und sogar als lokale Sichuan-Oper inszeniert wurde. Bald werde es in China auch eine Dramaversion von Schillers Meisterstück geben. Nach Ansicht von Liu Libin könne man Schiller auf diese Weise am besten gedenken.