Berlin, Fotografen von ADN-Zentralbild

Ich habe nichts Außergewöhnliches zu berichten, schon gar nichts Heldenhaftes oder Vorbildliches. Ich will nur zeigen, dass die antifaschistisch-demokratische Ordnung in der Sowjetischen Besatzungszone Tausenden Kindern wie mir aus bescheidenen Verhältnissen eine vielseitige Entwicklung ermöglichte. 

Es gibt objektive Realität, die in Zusammenhängen und ständiger Veränderung existiert, daher vom Menschen erkannt und zielgerichtet verändert werden kann. Eike Kopf, biografische Notizen

Der Verfasser dieser Zeilen, ein in der DDR geschulter Philosophieprofessor, war am 20. November  Vortragsgast im grün-roten Herzen der einstigen Hochkulturlandschaft Deutschlands. Seit 1997 arbeitet der Marx-Engels-Spezialist  in Peking an einer neuen  wissenschaftlichen Gesamtedition der Klassiker mit.

Weil ich mehr  über die Bedeutung seiner Arbeit  wissen wollte, machte ich an diesem tristen Spätherbsttag einen  Kurzausflug in die Büchsenmacherstadt Suhl. Der weite Weg von Berlin hat sich  gelohnt.

Vom dichten, fast undurchdringlichen Nebel am Fuß des Thüringer Waldes, der dem Anreisenden an diesem Novemberdonnerstag schier den Atem raubte, ist hier oben nichts mehr zu spüren. Die Sonne scheint über den Bergen, die Luft ist frisch, und frei werden schnell die belasteten Atemwege.

Zwar ist im Wander-und Wintersportparadies rund um Suhl in dieser Jahreszeit  außer Luft und Sonne  recht wenig geboten. Noch ist der berühmte Christkindlmarkt erst in Vorbeitung. Die überdimensionierte Betonruine des  zukünftigen „Hauses der Wirtschaft“ am Standort  des einstigen Bühnen-und Kulturhauses “7. Oktober” beeinträchtigt mit seinem Grau das ansonsten mittelalterlich-idyllische Gepräge des Stadtbildes. Der Blick auf  die Bergwelt und das schöne Fachwerk gegenüber mag dafür  ein wenig entschädigen, auch wenn es sich hierbei um ein Waffenmuseum handelt.

Für junge Leute allerdings bieten heutzutage weder das einst florierende Büchsenmachergewerbe noch andere Wirtschaftszweige der rohstoffreichen Region einen goldenen Boden. Junge Menschen wandern daher ab oder flüchten  aus der einen Perspektivlosigkeit in eine andere. Moderne Drogen, so versichern mir zwei  leicht alkoholisierte junge Mädchen am Stadtteich, seien „günstig“ verfügbar. Ein trauriges Idyll.

Wer aber von einer anderen, einer besseren Welt nicht nur träumen, sondern tatkräftig mittun will an der Gestaltung einer  Zukunft, der braucht einen klaren Kopf und einen langen Atem.

In diesem Sinne tat sich an am 20. November im Weltkriegsgedenkjahr 2014 im Hotel Thüringen für zwei  Stunden der Blick in eine  andere Welt  mit greifbaren menschheitlichen Visionen auf. Der Bildungsverein „Rotfuchs“ hatte den gebürtigen Bollstedter Landarbeitersohn Eike Kopf eingeladen, der seit 1997 im Auftrag der chinesischen Regierung tätig ist. Durch seine Übersetzer-Arbeit für den jährlichen Rechenschaftsbericht der Regierung an den Volkskongress erhält er Einblicke, die zwar jeder akkreditierte Journalist auch in seiner Landessprache erhält, für deren Lektüre ihm aber wohl die nötige Zeit fehlt.

Diese Zeit zum Studieren von Dokumenten nimmt sich der  bescheiden gebliebene Sprößling einer kinderrreichen Familie aus dem Thüringer Land durchaus. Mit Hilfe solcher Mühe hat es der Bauernjunge Eike Kopf  in der Arbeiter- und Bauernrepublik  durch frühen Fleiß und gute Disziplin nicht nur zum Professor an der Pädagogischen Hochschule Erfurt-Mühlhausen gebracht, sondern schließlich zu einem international beachteten Experten für Marxismus-Leninismus. Nachdem solches Expertenwissen im  Nachwende-Deutschland nicht mehr gebraucht wurde, arbeitete er wie so mancher seiner früheren Kollegen ehrenamtlich weiter, solange man ihm den Zugang zu den Fachbibliotheken nicht verwehrte.

Das Studium der klassischen Texte der frühen Arbeiterbewegung war für ihn nie Selbstzweck, sondern die Aneignung eines Werkzeuges, mit dessen Hilfe sich ein besseres, harmonischeres Leben  für  Milliarden Menschen auf  diesem Erdenrund schaffen ließe.

Für den heutigen Chinakenner  gilt weiterhin das wichtigste Prinzip der sozialistischen Gesellschaft, nämlich außenpolitisch den Frieden zu sichern. Gemeinsam mit dem chinesischen Volk und seiner demokratisch gewählten, repräsentativen Regierung hält er daher das derzeitige, langfristig angelegte politische Konzept der chinesischen Führung für erstrebenswert, nämlich im Inneren des Landes eine harmonische sozialistische Gesellschaft und außenpolitisch eine harmonische Welt aufzubauen. Daran arbeitet er, für ganze 420.- Euro und einmal im Jahr bezahlten Heimaturlaub, gut und gerne mit. Seine Freizeit nutzt er, erworbenes Wissen um diese zukunftsweisende Arbeit eines großen Kulturvolkes auch in der Heimat unter die Leute zu bringen. Er erzählt gerne und mit großer Bescheidenheit über seine Einblicke:

Die den Staat regierende KP Chinas habe in den vergangenen dreißig Jahren viele bedeutende Errungenschaften für das ‘Land  der Mitte’ erreicht . Die Herausforderungen, vor die die Führung sich gestellt sah, seien unvergleichlich, meint der Wissenschaftler.
Die Volksrepublik verfüge mit ihren 1 350 Millionen Menschen nur über eine Fläche, die etwa der Gesamteuropas entspricht. In Europa, inklusive Ukraine und Russischer Föderation, habe man aber nur 750 Millionen Menschen zu ernähren, in den USA  nur 300 Millionen. Immerhin über  20 Prozent aller Erdenbürger seien derzeit Chinesen. Zur Zeit Hegels (1825) habe das Land erst 200-300 Millionen Seelen gezählt und im Gründungsjahr der Volksrepublik  1949 waren es  noch ganze 500 Millionen.
Auf chinesischem Boden gebe es für die zu ernährenden Bevölkerungsmassen sehr unterschiedliche geographische und klimatische Bedingungen. Man denke etwa an die Wüste Gobi.  56 nationale Minderheiten, auf Chinesisch „mitwohnende Völker“,  leben in Autonomen Regionen wie etwa Tibet, Innere Mongolei oder Xingjiang,  Länder, die sich in sehr verschiedenen historischen Entwicklungsphasen befinden. Im Südwesten gibt es noch archaische Gesellschaftsformationen, die es bei uns Hunderte von Jahren vor unserer Zeitrechnung gegeben hat. Das Land verfüge über 22 Provinzen, von denen schon eine so groß wie die Bundesrepublik ist. Außerdem beinhalte das bevölkerungsreichste Land der Erde über vier regierungsunmittelbare Städte. Davon habe allein Peking über 20 Millionen Einwohner und sei noch nicht einmal die größte chinesische Stadt. Hongkong werde dazu noch als „Sonderverwaltungszone“ geführt, in deren Innenpolitik sich einzumischen China auf 50 Jahre vertraglich nicht gestattet sei.

Auf die jüngsten Studentenunruhen in Hongkong im Stile der ‘Farbigen Revolutionen’ ging Professor Kopf  anschaulich ein, beleuchtete den besonderen Moment vor den Feierlichkeiten zum 65jährigen Bestehen der Volksrepublik, der arbeitsfreie Tage mit sich brachte und verwies auf den kurz bevorstehenden APEC-Gipfel in Peking. Destabilisierungsversuche nach bekanntem Strickmuster. In diesem Zusammenhang streifte er  auch die im Zeichen der großen “Wendezeit” statthabenden Unruhen auf dem Tianmen Platz des ‘Himmlischen Friedens’. Nach intensiven Beratungen  erst habe sich die chinesische Führung auf ein Durchgreifen geeinigt.  Die westliche Sicht auf die Ereignisse erwies sich auch in diesem Fall als nicht zutreffend. Überhaupt empfiehlt  Eike Kopf, das wir unser Begriffsystem ausweiten, wenn wir uns im Westen über die Probleme der sich entwickelnden Welt verständigen wollen. Ein Perspektivwechsel sei nötig, wolle man verstehen und nicht von oben herab urteilen.

Die KP Chinas, mit der Leitung des Staates seit 1949 befasst, habe derzeit 84 Millionen Mitglieder und eine große Anzahl an  Aspiranten, deren Anträge auf Mitgliedschaft jeweils ein Jahr lang geprüft würden. Für die Mitgliedschaft muss man sich würdig erweisen und den Statuten gemäße  Kriterien erfüllen. Die Aufgaben, vor die das chinesische Volk sich gestellt sehe, seien trotz beachtlicher Erfolge noch immer ziemlich kompliziert.  Die Probleme von heute  könnten nicht mit den Mitteln von gestern gelöst werden. Der gute Wille allein genüge auch nicht, um im strengen Wettbewerb der Zeiten zu bestehen und ein fortschrittliches Modell durchzusetzen. Das habe man aus dem „Großen Sprung“ gelernt und  am Scheitern anderer Nationen gesehen.
Am theoretischen Rüstzeug der Klassiker des Sozialismus halte man in China allerdings aus gutem Grund  fest. Sie noch besser zu verstehen und für die Gegenwart nutzbar zu machen, dem gilt die helfende Hand des Philosophen Kopf und dafür stellt er sein Experten-Wissen zur Verfügung, das er mit 450 Mitarbeitern teilt. Diese arbeiten alle gemeinsam an der neuen chinesischen MEGA, sprich an der Herausgabe einer  wissenschaftlich editierten 2. chinesischen Werkausgabe der Schriften  von Marx und Engels. Die Erste beruhte auf einer Übersetzung aus dem Russischen.

Kopf teilt nicht  die Meinung, dass das heutige China mit dem Begriff „kapitalistischer Sozialismus“ zutreffend charakterisiert ist:

Es ist vielmehr ein Sozialismus der Tat. Ein Volk schafft sich in China sein Leben…. Die einen sozialistischen Gesellschaftszustand gestaltende Volksrepublik China ist nicht nur für fast ein Viertel der Menschheit, sondern zugleich für die Weltwirtschaft und den Weltmarkt ein wichtiger Faktor der Entwicklung. Es handelt sich dabei nicht um ein abstraktes Gedankengebilde, sondern um reale Tatsachen, um die reale Gestaltung eines Sozialismus im 21. Jahrhundert, meint Eike Kopf.

Für den Aufbau eines Sozialismus mit bescheidenem Wohlstand für die Massen, haben die Chinesen insgesamt 100 Jahre veranschlagt. Ein Gutteil davon ist seit Gründung der Volksrepublik  im Jahre 1949 vergangen und vieles wurde auf dem Wege bereits geschafft. Vieles aber gibt es noch zu tun. Eines dieser Probleme sei etwa die  Bewältigung der gegenwärtig noch vorhandene Arbeitslosenquote von 4,1 %.

Professor Kopf erinnert daran, dass “die Arbeiterklasse noch viele Kämpfe auszufechten habe”. Dieses Wort von Karl Marx bei der Analyse der Niederlage der Pariser Commune von 1870 habe noch immer Gültigkeit. Auch jenes von Friedrich Engels, der in seiner Analyse der Bauernkriege  des frühen 16. Jahrhunderts festgestellt hatte, dass „auf eine halbe Revolution eine ganze Konterrevolution” folge.
Das höchste Ziel chinesischer Politik bleibe, ungeachtet der  aktuell gegenläufigen Weltentwicklung, weiterhin der Kommunismus, der im Chinesischen mit dem Zeichen für Harmonie dargestellt werde. Kommunisten seien folglich in China Leute, die die Harmonie im Staate anstreben, ganz im Sinne des alten Staatstheoretikers Konfutse. Folgende drei Voraussetzungen seien zur Erlangung dieses Zieles zu schaffen:

  • die fortschrittliche Entwicklung der Produktivkräfte
  • eine entsprechend gute Bildung der Arbeitskräfte inklusive Förderung der Kultur
  • die sozialen Belange der Mehrheit der Bevölkerung müssten stets im Auge behalten werden.

Um das hehre Ziel schließlich Wirklichkeit werden zu lassen, arbeite man in China  am Aufbau des  Sozialismus, in dessen Anfangsphase man sich noch immer befinde. Man bestehe auf der dafür notwendigen

  • „volksdemokratischen Diktatur“ wie man auch am
  • Marxismus -Leninismus festhalte und an
  • der Führung durch die Kommunistische Partei

Gleichzeitig wisse man dank der Klassiker um die welthistorische Aufgabe der Bourgeoisie, der es zukomme, die Produktivkräfte zu entwickeln. In selbstkritischer Auswertung der Erfahrung der „Kulturrevolution“ habe man einen schwerwiegenden Entwicklungsfehler korrigiert.

Kopf erinnert daran, dass

Gesellschaftliche Gesetze Tendenzen sind , die bestimmte Voraussetzungen haben, die von Menschen durchgesetzt werden müssen. Die Geschichte ist  nicht voraussehbar, aber Bedingungen zu ihrer Gestaltung können formuliert werden. Die Realisierung des Sozialismus  ist an folgende  Bedingungen gebunden: Eine durch den Produktionsprozess geformte Arbeiterklasse, die sich organisiert hat, die gut geschult ist und die sich vereint empört!

Solche aus den Erfahrungen der heutigen Arbeitswelt gespeiste Empörung sei allen jungen Menschen gewünscht und ein daraus folgendes gemeinschaftsbildendes Handeln, das anders als Drogenkonsum, zukunftsträchtig ist. Vergessen sollten  wir auch nicht den Hinweis, dass zur Arbeiterklasse alle am Produktionsprozess und an der Verteilung arbeitenden Menschen gehören. Die in Arbeitslosigkeit  Abgeschobenen müssen von der ganzen Gesellschaft  mitgezogen werden – wenn ich Professor Kopf richtig verstanden habe. Jedenfalls erscheint es mir schlüssig, so oder so.

Irene Eckert am 23. 11. 2014