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Ein Beitrag von Irene Eckert

“Weil, der Wille natürlich ganz schlechte menschliche Erfindung” meint Brenners Freundin Hertha im typischen Krimi Slang des Kult-Autors Wolf Haas. In seiner K-Satire “Brennerova” gerät die ohrfeigende Ex-Pädagogin auf der Suche nach ihrem Schamanen in der Mongolei in Geiselhaft. Brenner, ihr unfreiwilliger Held, ein wegen Disziplinlosigkeit frühpensionierter Polizist, wird einmal mehr als Geheimdetektiv tätig und rettet sie.

Der Österreicher Wolf Haas ist als studierter Psychologe, Germanist und Werbetexter ein angesagter Krimi-Autor, Brenner sein unorthodoxer Protagonist. Weibliches Begleitpersonal motiviert ihn, zieht ihn auf die Spur des Verbrechens. Er und seine Frauen bringen sich dabei gegenseitig in Schwierigkeiten.

Haas’ Schreibe, mehrfach preisgekrönt, ist kultig, eigenwillig, salopp. Er favorisiert gesellschaftliche Problemthemen und unterkühlte Töne. Mit dem Leser ist er per Du. Locker und humorvoll sind seine Stories, visuell und stark gewalthaltig. Streckenweise rücksichtslos brutal, aber immer augenzwinkernd unterhaltsam, so verpackt Wolf gesellschaftskritische Hinweise. Mit der ‘Brennerova’ führt er die Verflechtung von Mafia und Polizei, von Mädchenhandel und Drogengeschäft vor. Der allgegenwärtige Überwachungswahn wird aufs Korn genommen.

Ganz anders sein über 250 Jahre älterer Kollege Schiller, ein Klassiker der Weltliteratur. Uns Heutigen mag er schwerer, tragender erscheinen. Dennoch sind seine Themen nicht weniger aktuell. Zu seiner Zeit galt auch er als gute Unterhaltungsliteratur. Friedrich Schillers Stücke waren Publikumslieblinge. Der Militärarzt und Historiker schrieb Gedichte und Dramen. In Jena lehrte der Goethe-Freund Geschichte. Vorbildhaft trotzte der mit 46 Jahren schon Verstorbene dem schwerkranken Körper das Letztmögliche ab und demonstrierte wozu menschliche Willenskraft fähig ist. Der Mensch kann über sich selbst hinauszuwachsen. In seinen Stücken zeigt Schiller die Leuchtkraft der Charakterstärke und zeigt umgekehrt was Charakterschwäche an Verhängnis nach sich zieht.

Seine Tragödie”Wallenstein”, eine in Versen erzählte Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg, kann durchaus auch als Krimi gelten, Spiegel einer ebenfalls gewalthaltigen Zeit. *

Anders als der Alpenrepublikaner Haas zielt der Württemberger Schiller auf die ganz große menschheitliche Ränke. Es geht bei ihm um Interessenkonflikte, um Macht- und Europapolitik, um Krieg und Frieden. Die unschätzbare Wirkungsmacht des Individuum im Gefüge der Menschenschicksale wird sinnfällig. Lügengebäude und Größenwahn sind es , die die Akteure schließlich zu Fall bringen.

Mit Schillers ‘Wallenstein’ sichten wir ein fast vergessenes Juwel deutscher klassischer Literatur. An Mord und Totschlag, Lug und Trug mangelte es damals so wenig wie heute.

Der große Söldnerführer ‘Wallenstein’ hat aber – im Unterschied zum kleinen Spitzbuben Brenner und seinen Kops – Visionen. Der Emporkömmling dient als Warlord zunächst der höchsten, der kaiserlichen Macht. Ruhm und Reichtum des Kriegsgewinnlers ruhen allerdings auf schweren Verbrechen. Das kann nicht gut gehen. Am Ende steht er ganz alleine da. Sein Leben fällt heimtückischem Verräter-Mord zum Opfer.

Zu spät oder zu früh gekommen, wollte er Frieden schaffen mit dem schwedischen Feind, wollte den Religions-Fanatismus beenden und der unbegrenzten Eroberungspolitik des Hauses Österreich Schranken setzen. Sein Preis war hoch, seine Mittel fraglich.

Der klassische Humanist Schiller denunziert im ‘Wallenstein’-Drama den Wahnsinn der kriegerischen Ränke-Schmiede. Offenheit, Wahrhaftigkeit und eine dem Frieden dienliche Politik, ist die Vision, die mit Charakteren wie Max Piccolomini und der Thekla von Friedberg, Wallensteins Tochter, als Möglichkeit sichtbar werden. Mit solchen jungen Menschen, die frei vom schuldhaften Verhalten der Eltern, wird Zukunft denkbar.

Wallensteins Schwägerin, die Gräfin Tertzky, weibliches Pendant zum Friedberger, ist eine eiskalte, moderne Macht-Politikerin. Des Kriegsfürsten Ehefrau, die Herzogin, dagegen ein Sinnbild weiblicher Schwäche und Ängstlichkeit. Thekla, Lichtgestalt und Hoffnungsträgerin muss aber, weil bloßes Instrument väterlicher Karrierepläne, zugrundegehen. Ihrem Geliebten Max, dem Oberst Piccolomini, Opfer eines ebenso verblendet-unehrlichen Vaters, ereilt das gleiche Schicksal.

Natürliche Verbündete, Freunde, Geliebte, Partner stolpern über die unnatürlichen Intrigen, die sie schmieden oder die um sie herum geschmiedet werden. Die Seelenlosigkeit menschlichen Handelns zieht auch Unbeteiligte mit in den Abgrund. Weil übersteigerter Ehrgeiz, Karriere- und Machtstreben das Tun der Protagonisten leiten, müssen sie das ihnen Liebste preisgeben.

Schillers Stück (1799) verweist schon auf die heraufziehenden napoleonischen Kriege, die Europa verheeren werden. 1805 stirbt der Dichter. 1815 wird – am Ende der nationalen Befreiungskriege – mit de mAufstieg des Fürsten Metternich der Geist des Fortschritts vorerst begraben, aber nur um gegen Ende des Jahrhunderts mit durchgreifender Wirkung in Form der sozialistischen Arbeiterbewegung wiederzukehren. 1989 geht das erste sozialistische Staaten-Gefüge der Welt vorerst verloren mit neuen globalen kriegerischen Folgen.

Heute befinden wir uns – trotz des trügerischen Glanz und Gloria der Konsumpaläste – im Westen in einer ähnlich bleiernen Zeit wie vor 200 Jahren. Europa und die NATO-Länder erleben eine neue Zeit des Niedergangs.

Verblieben ist uns auf der ‘Kultur’-Schiene vorerst nur Kriminalliteratur, zur Unterhaltung und Erbauung. Zeichen einer neuen Zeit werden darin nicht sichtbar. Dennoch bereiten diese sich vor. Sie scheinen am östlichen Horizont schon auf und – trotz aller Rückschläge – in der südlichen geopolitischen Hemisphäre. Es ist der Blick dorthin wie auch der Blick zurück, der uns die Wege aus der Gefahr weisen kann. Willenskraft und geistige Anstrengung sind ebenfalls von Nöten. Die Aufarbeitung der Klassiker kann dabei nicht schaden.
Mit Apathie, Drogenkonsum, Schamanentum, mit dem Versinken in Willenlosigkeit aber, würden wir dem unheilverheißenden Trend nachgeben. Das darf und wird nicht sein … meint Irene Eckert

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* Übrigens: Schiller selbst hat sich sogar unmittelbar am Genre Kriminalprosa in seinem Roman-Fragment “Die Geisterseher” versucht, gab aber auf, weil es ihm nicht möglich schien die für ihn ausschlaggebenden Hintergrundinformationen darin unterzubringen.